Jahresrückblick des Grauens

Seit ein paar Monaten verfolge ich den Youtube-Kanal des britischen Videobloggers Sargon of Akkad, der ziemlich regelmäßig produziert, was wohl damit zusammenhängt, dass er im Moment davon (zu einem klitzekleinen Teil auch von mir) lebt. In seinen wöchentlichen Rückblicken auf besonders dämliche Entwicklungen des Zeitgeschehens namens „This Week in Stupid“, die meist etwa eine halbe Stunde bis eine Stunde lang sind, nehmen auch immer wieder Feminismus und verwandte „Social Justice“-Themen vordere Plätze ein.

Nun hat er das Format erstmals auf ein ganzes Jahr angewendet und ein „This Year in Stupid: 2014“ produziert, das am 1. Januar erschienen ist. Wer starke Nerven hat und vielleicht darin Trost findet, wenn ein rhetorisch versierter junger Mann die schlimmsten ideologischen Entgleisungen und ihre Urheber in schönem britischem Englisch wenigstens beschimpft, dem sei das Teil und der Channel insgesamt empfohlen. Kranke westliche Eliten.

Weil Sargon immer die Links zu den kommentierten Artikeln liefert, kann ich im Folgenden ein paar ausgewählte Highlights präsentieren. Wer z.B. Genderama regelmäßig liest, wird einiges schon kennen – aber das ist ja normal bei Jahresrückblicken, und ich kannte vieles auch noch nicht und habe allzu Bekanntes bei der Auswahl eher weggelassen.

  • Manspreading: Der öffentliche Nahverkehr in Toronto kündigt eine Kampagne gegen breitbeinig in der U-Bahn sitzende Männer an, New York schließt sich an.
  • New Statesman: Warum Furzen und andere Körperfunktionen Themen für den Feminismus sind. „Im Gegensatz zum weiblichen Körper ist es dem männlichen Körper erlaubt, einfach zu sein: den Raum zu füllen, die Beine weit gespreizt, der Luft seine eigenen Geräusche und Gerüche hinzufügend. Sich das Recht herauszunehmen, ein kleines Bisschen abstoßend zu sein – auf die Straße zu spucken, im Scherz zum Furzen eine Hinterbacke anzuheben -, ist, würde ich behaupten, eine Art von Privileg.“ Weiter deliriert die Autorin dann noch in von ihr selbst anscheinend unbemerkter Menschenverachtung, dass Frauen mit Sexpuppen konkurrieren müssen, die ja haarlos sind, nicht schwitzen, nicht aufs Klo müssen usw. Die emanzipierte Frau ist abstoßend – sage nicht ich, sagen Feministinnen.
  • Fünf Gründe, warum Tierrechte ein Thema für den Feminismus sind. Ist doch klar, weil Tiere auch unterdrückt und „objektifiziert“ werden. „Tierkörper werden benutzt, um Rape Culture zu normalisieren“; das Leben weiblicher Tiere in der Tierzucht ist von Vergewaltigung geprägt (sic!). „Dies ist die Realität: People of Color, Frauen, Menschen mit Behinderungen, die LGBTQIA+-Community usw. haben es schlecht. Und Tiere haben es auch schlecht […].“ Noch Fragen?
  • Im „seriösen“ Magazin Salon.com zu Weihnachten: Gott hat die heilige Jungfrau Maria ohne ihre Einwilligung Schwanger gemacht: Vergewaltigung.
  • Der britische Telegraph freut sich, dass der Gender Pay Gap so „klein“ ist wie noch nie: Frauen in ihren 20ern und 30ern verdienen jetzt mehr als Männer dieser Altersgruppen. Jetzt, so der Telegraph, muss daher allen Frauen geholfen werden, erfolgreich zu sein.
  • Jessica „I bathe in Male Tears“ Valenti fragt, warum Tampons nicht umsonst sind, obwohl doch die Hälfte der Bevölkerung sie braucht. Tja, warum ist Brot nicht umsonst? Weil die andere Hälfte der Bevölkerung es auch braucht?
  • Nochmal Salon.com: Feministinnen haben gemerkt, dass diejenige gesellschaftliche Gruppe, die auf der Privilegienrangleiter einen knappen zweiten Platz hinter weißen Männern einnimmt, die der weißen Frauen ist. Deswegen müssen schwarze Frauen jetzt gegen das Privileg weißer Frauen kämpfen, den Feminismus zu vertreten. Oder so.
  • Schulen in Nebraska geben eine Handanweisung an Lehrer heraus, die dazu auffordert, Kinder wegen Gender und so nicht mehr mit „Jungen und Mädchen“ o.ä. anzureden und sie am Anfang des Schuljahres nach ihren bevorzugten Anreden und Pronomina zu fragen. Wenn Kinder selbst so etwas wie „Jungen und Mädchen“ sagen, sollen die Lehrer intervenieren. Wenn Geschlecht überhaupt erwähnt werden muss, sollen die Optionen „Junge, Mädchen, beides oder keins von beiden“ sein. (Hier das Merkblatt als PDF.)
  • Ein Zehnjähriger wird von der Schule suspendiert, weil er mit der Hand eine imaginäre Pistole geformt und damit imaginär auf einen anderen Schüler geschossen hat.
  • Studenten an der University of California in Los Angeles stürmen Vorlesungen (wie die Roten Khmer von Professx Hornscheidt – ich verlinke das gerne immer wieder) und beklagen sich über rassistische Mikro-Agressionen; ein Begriff für Formen für Rassismus, die „für das nackte Auge unsichtbar sind“. Niemand wagt zu widersprechen. (Wie in Berlin.)
  • Studenten der Columbia Law School verfassen eine Petition für eine Regelung, dass Schwarze im aktuellen Semester nicht durch Prüfungen fallen können, weil sie eventuell durch Ferguson „traumatisiert“ sind.
  • Immer mehr Jura-Studenten in den USA fordern, dass Vergewaltigung als Thema des Strafrechts nicht mehr gelehrt werden solle, weil das jemanden triggern könnte. Auch ein Wort wie „violate“ in einem Satz wie „Does this conduct violate the law?“ wurde schon beanstandet.
  • Der „Duke Lacrosse“-Fall ist schon ein paar Jahre her, kam aber jetzt im Zusammenhang mit der Rolling-Stone-Geschichte wieder hoch. Drei Studenten wurden einer Gruppenvergewaltigung beschuldigt und ohne jegliche Beweise von der öffentlichen Campusmeinung zu Aussätzigen gemacht. 88 Professoren stellten sich in einer öffentlichen Erklärung hinter den Lynchmob, der unter anderem mit „Kastrieren!“-Schildern fotografiert wurde. Später wurde der Vorwurf eindeutig widerlegt, die drei waren unschuldig. Bekanntlich laufen heute Feministinnen frei in den Medien rum, die der Meinung sind, Beschuldigerinnen solle automatisch geglaubt werden.
  • Ein mit vorgehaltener Waffe ausgeraubter Student findet, er hat in seiner privilegierten Position kein Recht, die Täter zu kritisieren.
  • ‚Yes means yes‘ ist ein schreckliches Gesetz, und ich unterstütze es vorbehaltlos„. Das gemeinte kalifornische Gesetz schreibt Universitäten vor, dass sie bei der Untersuchung von Anschuldigungen sexueller Gewalt feststellen müssen, ob dem Sex ausdrücklich zugestimmt wurde. Ich verstehe ja den Sinn nicht ganz; das Problem bei Vergewaltigungsfällen ist doch die Beweisführung, und wenn ein Vergewaltiger früher behaupten konnte, das Opfer habe nicht nein gesagt, kann er doch heute in Kalifornien genauso gut behaupten, es habe ja gesagt. Dem Autor zufolge ist aber der Sinn auch ein anderer, nämlich: „Männer müssen eine Welle kalter Angst verspüren, wenn eine sexuelle Begegnung beginnt.“ Um Missverständnisse auszuschließen: „Um zu funktionieren, muss ‚Yes means yes‘ eine Welt schaffen, in der Männer Angst haben.“ Insbesondere vor dem Sex. Das wird sicher ein gesundes Sexualverhalten bei Männern hervorbringen. Der Verfasser ist offensichtlich erregt und wiederholt noch einmal mit hypnotischen Punkten zwischen den Worten die Behauptung, eine von fünf Frauen werden an US-Unis Opfer sexueller Gewalt, als würde sie dadurch wahr: „Eine. Von. Fünf.“ (Bin ich der einzige, der das Gefühl hat, dass männliche Feministen oft noch schlimmere Männerhasser sind als weibliche?) Nach offiziellen Zahlen des Department of Justice ist es nicht eine von fünf, sondern 0,03 von fünf – und damit an den Unis weniger als anderswo.
  • Schweden will der machohaften russischen Aggressivität mit feministischer Außenpolitik begegnen. Leider weiß niemand, wie man sich das vorzustellen hat; ihren wolkigen Worten nach zu urteilen auch die zuständige Feministerin Margot Wallström nicht.
  • Nochmal Schweden: Eine schwedische Schule verbietet das Zurschaustellen der schwedischen Flagge.

Am Ende des Videos verliest Sargon einen von Google Translate übersetzten Artikel (hier im Original) von einem schwedischen Mann, der sich schämt und schuldig fühlt, weil er ein Mann ist, also dazu verdammt ist, im Körper des Unterdrückers zu leben, und deswegen z.B. Schminke und Frauenkleider trägt und versucht, sich in intimer Nähe zu anderen Männern wohlzufühlen. Einfach um weniger Mann zu sein.

Ich bin der Unterdrücker. Ich bin Regierungen. Ich bin Diktaturen und Armeen. Ich bin der katholischen Kirche. Ich bin Wladimir Putin und George W. Bush. Ich bin Gewalt und Vergewaltiger.

Wie gesagt, Google Translate. Schwedisch-Englisch funktioniert etwas besser, aber mitleiderregend und höllisch deprimierend ist es dann immer noch. Auch deswegen ist Schweden der Sieger von „This Year in Stupid: 2014“.

Neues Jahr, neue Einsichten

Kursieren eigentlich schon Gerüchte, dass ich eine seltene Lebensform sei, die nur im November und Dezember aktiv ist und sonst ruht? Wenn ja, ist das nachvollziehbar, aber unzutreffend. Ich habe mich in den letzten Wochen radikal von allem zurückgezogen, um meine Doktorarbeit fertig zu schreiben, was mal Zeit wurde. Bin jetzt zu ca. 95 Prozent durch und guter Dinge, was das betrifft, muss sowieso wieder regulär arbeiten und melde mich deshalb auch hier mal wieder zu Wort.

Es war eine anstrengende, aber auch sehr anregende Zeit. Weil ich mich wirklich komplett eingeigelt habe (der ganze Gamergate-Wahnsinn wurde sowieso langsam zu viel), habe ich jetzt nichts zu kommentieren, was das Online-Geschehen betrifft, aber ich habe ja viel Literatur gewälzt und gelesen und kann davon ein wenig berichten, vor allem in Form einer Empfehlung.

Für mich hat sich viel geändert, seit ich irgendwann im Jahr 2013 auf den Genderwahnsinn aufmerksam wurde. Wenn ich mit Leuten darüber rede und Beispiele nenne, höre ich oft so was wie: na gut, das sind halt ein paar radikale Spinner, die du da zitierst, aber die gibt es doch in jedem Lager und im Großen und Ganzen ist das doch trotzdem richtig. Ich würde eher sagen, nein, gerade im Großen und Ganzen ist es falsch. Und radikale Spinner ist richtig, und ebenfalls ist richtig, dass die Radikalen zahlenmäßig eine Minderheit sind, aber sie scheinen so einen großen Einfluss auf erhebliche Teile wissenschaftlicher, politischer und publizistischer Eliten zu haben, dass es eben alles andere als eine Randerscheinung ist. Es geht um etwas Großes, und es geht alle an.

Nachdem ich inzwischen nun den größten Teil des Buches „Das unbeschriebene Blatt – die moderne Leugnung der menschlichen Natur“ des Evolutionspsychologen Steven Pinker gelesen habe, kann ich das besser einordnen. Das Buch ist schon 2002 erschienen, und wenn ich früher darauf aufmerksam geworden wäre, hätte ich mir in den letzten zwei Jahren viel Grübeln und Staunen sparen können. Es war für mich die Art von Buch, bei der man riskiert, sich ein Nackenleiden zuzuziehen, weil man dauernd wie besessen vor sich hin nickt. Pinker behandelt darin den Glauben der westlichen Gesellschaften, dass Menschen eben als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen; erstens völlig gleich und zweitens völlig leer, so dass alles, was sie später sind und tun, auf gesellschaftliche Prägung zurückzuführen sei. Genauer betrachtet handelt es sich eigentlich um so eine Art Doppeldenk, weil normale Menschen – einschließlich Wissenschaftler und auch Sozialwissenschaftler, wenn sie nicht im Dienst sind – ja durchaus wissen, dass Kinder verschieden sind, dass Kinder nicht indifferent zur Welt kommen, sondern eher durchaus eigenwillig, dass man Kindern und Menschen im Allgemeinen nicht jeden Quatsch einflößen kann, dass Männer und Frauen verschieden sind und so weiter. Nur irgendwie verschwindet dieses evidente Alltagswissen, sobald man öffentliche Statements abgibt, bei denen man sich einbildet, die hätten eine profunde Wirkung, und sobald man sich als guten und aufgeklärten Menschen darstellen will.

Ich hätte nie geahnt, wie tief das geht. Vor zwei Jahren hätte ich kaum gewusst, dass dieses Problem überhaupt existiert. Wenn es irgendwas gibt, dass man in den USA und Westeuropa als herrschende Zivilreligion bezeichnen kann, dann dies. Und die größere Bedeutung der Gender-Lehre besteht darin, dass sie diese allgemein weit verbreitete und tief verinnerlichte Zivilreligion nur ins Extrem treibt.

Laut Pinker gehören zu ihr drei Hauptbestandteile: das unbeschriebene Blatt (Persönlichkeit und alles, was dazugehört, stammt aus der Erfahrung, ist also rein kulturell bedingt), der edle Wilde (Menschen kommen gut zur Welt und werden von der Gesellschaft verdorben) und das Gespenst in der Maschine (der Geist existiert unabhängig vom Körper). Technischer ausgedrückt Empirismus, Romantik und Dualismus. Das Buch unternimmt einen ziemlichen Rundumschlag. Es ist für ein großes Publikum geschrieben, bezieht sich aber durchaus detailliert auf wissenschaftliche Quellen. Es stellt das Wirken dieser Glaubenssätze dar, referiert Forschungsergebnisse, die sie widerlegen, und diskutiert ihre politischen Implikationen, aber auch diejenigen, die sich ergeben würden, wenn man die menschliche Natur ernst nähme. Prominent beschäftigt er sich mit den Ängsten, die sich mit dem Gedanken an die menschliche Natur verbinden, und versucht zu zeigen, dass sie unbegründet sind. Das stärkste zusammenfassende Argument dabei ist wohl, dass, wenn Menschen wirklich vollkommen formbar wären, man dann auch alles mit ihnen anstellen könnte, während das unterdrückte und ignorierte Wissen über unsere biologisch bedingten Eigenschaften uns etwas über unsere Bedürfnisse verraten würde und letztlich die einzige Grundlage für eine wirklich am Menschen orientierte Auffassung von Menschenrechten sind.

Gleich im Vorwort ging es mit dem Nicken los:

Die Verleugnung der menschlichen Natur ist über die Grenzen der wissenschaftlichen Welt hinausgedrungen und hat zu einer Trennung von Geistesleben und gesundem Menschenverstand geführt. Zum ersten Mal kam ich auf die Idee, dieses Buch zu schreiben, als ich anfing, eine Reihe verblüffender Behauptungen von Koryphäen und Gesellschaftskritikern zu sammeln, die die Formbarkeit der menschlichen Psyche betrafen: dass kleine Jungen streiten und kämpfen, weil man sie dazu ermutigt; dass Kinder Süßigkeiten mögen, weil ihre Eltern sie als Belohnung für den Verzehr von Gemüse verwenden; dass Halbwüchsige durch Rechtschreibwettbewerbe und Schulleistungspreise auf die Idee gebracht werden, in Sachen Aussehen und Mode zu konkurrieren; dass Männer den Orgasmus für das Ziel der Sexualität halten, weil sie durch ihre Sozialisation dazu gebracht werden. Dabei liegt das Problem nicht nur darin, dass diese Behauptungen grotesk sind, sondern dass die Autoren nicht einmal die Möglichkeit einräumen, ihre Aussagen könnten vom gesunden Menschenverstand in Frage gestellt werden. Das ist Sektenmentalität, die aberwitzige Glaubensüberzeugungen als Beweis für Frömmigkeit wertet. Diese Mentalität ist unvereinbar mit Wahrheitsliebe und meiner Meinung nach verantwortlich für einige unglückliche Tendenzen in unserem jüngeren Geistesleben. Eine Tendenz ist die offene Verachtung, die viele Vertreter von Forschung und Lehre für Begriffe wie „Wahrheit“, „Logik“ und „Beweise“ bezeugen. Eine andere ist die heuchlerische Trennung zwischen dem, was Intellektuelle in der Öffentlichkeit sagen, und dem, was sie tatsächlich glauben. Eine dritte ist die unvermeidliche Reaktion: eine Kultur von „politisch unkorrekten“ Schock-Clowns, die sich gegenseitig in Antiintellektualismus und Bigotterie übertreffen, ermutigt durch die Gewissheit, dass das intellektuelle Establishment in den Augen der Öffentlichkeit jeden Anspruch auf Glaubwürdigkeit verwirkt hat (S. 11).

Wahrscheinlich kommt hier schon manches dem einen oder anderen bekannt vor. (Hat da jemand Pirincci gesagt?) Ausführlich befasst Pinker sich dann auch in einem Kapitel (und öfter mal am Rande anderswo) mit Geschlechterunterschieden und in dem Zusammenhang auch mit dem Feminismus. Er bedient sich dabei der Unterscheidung zwischen Gleichheitsfeminismus („equity feminism“) und Radikalfeminismus („gender feminism“), die auf Christina Hoff Sommers zurückgeht.

Gleichheitsfeminismus ist eine moralische Lehre, der es um Gleichbehandlung geht und die sich hinsichtlich offener psychologischer oder biologischer Fragen nicht im Geringsten festlegt. Radikalfeminismus ist eine empirische Lehre, die drei Behauptungen über die menschliche Natur auf ihre Fahnen geschrieben hat. Erstens: Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen haben nichts mit der Biologie zu tun, sondern sind alle sozial konstruiert. Zweitens: Menschen haben nur ein einziges soziales Motiv – Macht -, und das Verständnis des sozialen Lebens erschließt sich allein unter dem Gesichtspunkt, wie sie ausgeübt wird. Drittens: Menschliche Interaktionen erwachsen nicht aus den Motiven von Menschen, die miteinander umgehen, sondern aus den Motiven von Gruppen, die mit anderen Gruppen umgehen – in diesem Falle dem männlichen Geschlecht, welches das weibliche Geschlecht beherrscht (S. 472).

Das mit der Reduzierung von Beziehungen auf Macht und von Personen auf Gruppen gehörte auch zu den Dingen, die mir mit als erstes auffielen. Und nichts Neues, aber doch erwähnenswert:

Und sie haben einen neuen Wortschatz erfunden, um das zu bezeichnen, was man in jedem anderen Milieu Meinungsverschiedenheit oder Widerspruch nennen würde: „Gegenschlag“, „nicht kapieren“, „Frauen zum Schweigen bringen“, „geistige Belästigung“ (S. 474).

Sehr einschlägig ist auch seine Auseinandersetzung mit den Thesen bzw. Glaubenssätzen, die davon ausgehen, dass Sprache irgendwie eins zu eins unser Bewusstsein programmiere, dass wir hilf- und geistlos von den „Bildern“ konditioniert werden, die auf uns einprasseln, während gleichzeitig außer Sprache und Bildern eigentlich gar nichts existiere. Zur Sprache:

Die Schriften von Orakeln wie Jacques Derrida sind gespickt mit Aphorismen wie etwa: „Aus der Sprache ist kein Entkommen möglich“, „Text ist selbstreferentiell“, „Sprache ist Macht“ und „Außerhalb des Textes gibt es nichts“. Ganz ähnlich äußert sich J. Hillis Miller: „Sprache ist kein Instrument oder Werkzeug in den Händen des Menschen, kein gefügiges Mittel des Denkens. Vielmehr denkt die Sprache den Menschen und seine ‚Welt‘ … wenn er es denn zulässt.“ Der Preis für die extremste Formulierung dieses Gedankens geht an Roland Barthes, der erklärte: „Der Mensch existiert nicht vor der Sprache, weder als Art noch als Individuum.“

[…]

Wie alle Verschwörungstheorien verunglimpft auch die Idee, dass die Sprache ein Kerker sei, ihren Gegenstand, indem sie seine Macht überschätzt. Die Sprache ist die wunderbare Fähigkeit, mit deren Hilfe wir Gedanken aus einem Kopf in andere befördern, und wir können sie in vielfältiger Weise dazu nutzen, unseren Gedanken auf die Sprünge zu helfen. Dabei ist sie nicht das Gleiche wie Denken, nicht das Einzige, was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet, nicht die Grundlage aller Kultur, kein ausbruchssicherer Kerker, kein verbindliches Abkommen, nicht die Grenze unserer Welt und nicht der Faktor, der entscheidet, was vorstellbar ist.

[…]

Warum sind praktisch alle Kognitionswissenschaftler und Linguisten der Meinung, die Sprache sei – frei nach Nietzsche – kein gedanklicher Zwang? Erstens, man hat in vielen Experimenten den Geist von Lebewesen ohne Sprache untersucht, beispielsweise von Säuglingen und subhumanen Primaten, und festgestellt, dass die fundamentalen Denkkategorien vorhanden sind: Objekte, Raum, Ursache und Wirkung, Zahl, Wahrscheinlichkeit, Urheberschaft (die Initiierung eines Verhaltens durch einen Menschen oder ein Tier) und Werkzeugfunktionen.

Zweitens, unser riesiger Wissensvorrat ist sicherlich nicht in den Wörtern und Sätzen niedergelegt, in denen wir die einzelnen Fakten gelernt haben. […] In vielen Experimenten über das menschliche Gedächtnis hat sich bestätigt, dass wir uns langfristig an den Inhalt erinnern, nicht an den Wortlaut von Geschichten und Gesprächen. Kognitionswissenschaftler modellieren dieses „semantische Gedächtnis“ als ein Netz von logischen Aussagen, Bildern, motorischen Programmen, Lautketten und anderen Datenstrukturen, die im Gehirn miteinander verbunden sind.

Eine dritte Möglichkeit, die Sprache in ihrer wirklichen Bedeutung zu würdigen, besteht darin, über ihre Verwendung nachzudenken. Schreiben und Sprechen heißt nicht, dass wir einen inneren Monolog zu Papier bringen oder ins Mikrofon sprechen. Vielmehr herrscht ein ständiges Geben und Nehmen zwischen den Gedanken, die wir zu übermitteln versuchen, und den Mitteln, die uns die Sprache bietet, um die Gedanken mitzuteilen. […] Das ist der Grund, warum jede Sprache, weit entfernt davon, ein unentrinnbares Gefängnis zu sein, ständig erneuert wird. Trotz des Lamentos von Sprachliebhabern und des Zwangs von Sprachpolizisten verändert sich die Sprache unaufhaltsam in dem Maße, wie die Menschen über neue Dinge sprechen oder neue Einstellungen vermitteln müssen (S. 294ff.).

Und zum Thema Bilder:

Zuverlässige Auskunft über die Bedeutung, die Bilder in Cultural Studies und verwandten Disziplinen haben, dürfte im Concise Glossary of Cultural Theory zu finden sein. Dort wird Bild (Image) definiert als „geistige oder visuelle Repräsentation eines Objekts oder Ereignisses, wie es im Geist, auf einem Gemälde, einer Fotografie oder in einem Film wiedergegeben wird“. Nachdem der Stichwortartikel auf diese Weise Bilder in der Welt (wie zum Beispiel Gemälde) und Bilder im Geist (Vorstellungen) in einen Topf geworfen hat, erläutert er die zentrale Bedeutung der Bilder für Postmodernismus, Cultural Studies und wissenschaftlichen Feminismus.

[…]

[Zitat:] „In einem weiteren Schritt […] geht man davon aus, dass wir in einer Welt der Hyperrealität existieren, in der die Bilder sich selbst generieren und von einer vermeintlichen Realität vollkommen abgelöst sind. Das deckt sich mit der allgemeinen Auffassung in der Unterhaltungsindustrie und Politik, wonach alles eine Frage des ‚Images‘ oder der Erscheinung ist und nicht des substantiellen Inhalts.“

Tatsächlich findet sich die Lehre von der Hyperrealität im Widerspruch zur allgemeinen Auffassung, nach der es in der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie und Politik nur auf Image und Erscheinung ankommt. Entscheidend an dieser allgemeinen Auffassung ist die Überzeugung, dass es neben den Images und Bildern noch eine Realität gibt, die uns ermöglicht, die zu unserer Täuschung bestimmten Bilder anzuprangern.

[…]

Ich denke, ich habe kein Geheimnis aus meiner Ansicht gemacht, dass ich diese ganze Theoriebildung für ein einziges begriffliches Desaster halte. Wenn wir verstehen wollen, wie Politiker oder Werbestrategen uns manipulieren, dürfen wir eines ganz bestimmt nicht tun: den Unterschied verwischen zwischen den Dingen in der Welt, unserer Wahrnehmung dieser Dinge, wenn wir sie vor Augen haben, den Vorstellungsbildern dieser Dinge, wenn wir sie aus dem Gedächtnis rekonstruieren, und den physikalischen Bildern in Form von Fotos und Zeichnungen (S. 301f.).

In Deutschland scheint das Buch ein ziemliches Schattendasein zu führen. Ich selbst wurde ja witziger Weise durch eine norwegische Doku darauf aufmerksam. Bei Amazon gibt es nur das Hardcover, 2003 im mir bisher unbekannten „Berlin Verlag“ erschienen, für schlappe 69 Euro. In den USA war „The Blank Slate“ ein Bestseller. Ich hatte mir zuerst eine deutsche Version aus der Bibliothek geholt, habe mir dann aber eine amerikanische für ca. 15 Euro einschließlich Versand importieren lassen.

Bei meinen eigenen Recherchen schien es mir, als ob die Wissenschaften und vor allem die Sozialwissenschaften in dieser Hinsicht ziemlich gespalten sind. Es gibt welche (jedenfalls im angelsächsischen Bereich), die Impulse aus den naturwissenschaftlich orientierten Fachrichtungen aufnehmen und auf hochinteressante Weise diskutieren und verarbeiten; und es gibt andere, die sie komplett ignorieren. Die Wissenschaftsszene ist ja auf der einen Seite die Heimstatt der political correctness, auf der anderen Seite werden in ihr deren Glaubenssätze aber auch am fundamentalsten angegriffen und in Frage gestellt. In einem umfangreichen, mehrbändigen Handbuch zur Kinderpsychologie von 2008 las ich zum Beispiel, das unbeschriebene Blatt sei eine „straw person“, was ich sehr niedlich fand. Ich habe mich dann gefragt, ob die political correctness wohl auch nur eine „straw person“ ist, sowie, ob die Idee hinter diesem Sprachgebrauch ist, dass Frauen dadurch unterdrückt würden, wenn der „strawman“ wie bisher ein Mann wäre, oder ob Männer unterdrückt würden, weil der „strawman“ ja negativ besetzt ist. Ich weiß es nicht. Aber irgendwer wird bestimmt unterdrückt, wenn jemand ein Wort gebraucht; das kann ja gar nicht anders sein. In einigen Texten ist mir jetzt auch das Phänomen begegnet, dass nur noch weibliche Pronomen gebraucht werden, wenn eine fiktive Person als Beispiel für irgendwas genannt wird. Na ja, wenn’s hilft.

Aber dass es eben diese Forschung überhaupt gibt und dass sie diskutiert wird, stimmt mich optimistisch. Und dass gerade in den USA, wo der Genderfeminismus offensichtlich stärker und durchgeknallter ist als anderswo, ein Buch wie das von Pinker zum Bestseller wird, muss man auch mal zur Kenntnis nehmen. Amerika hat sehr durchgeknallte Radikale in verschiedensten Lagern, aber es hat eben auch Meinungsfreiheit, Vielfalt und eine Menge Intelligenz. Ich weiß nicht, ob ich mir ein deutsches Fox News wünschen würde, aber wenn gewährleistet wäre, dass auf anderen Sendern dann auch andere Standpunkte ebenso pointiert vertreten würden, tendiere ich im Vergleich zum deutschen Nachrichtenbeamtentum eher zu einem Ja.

Aber zurück zur Forschung. Hier sind zum Beispiel zwei Artikel über die anscheinend recht großen Persönlichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Leider sind ja die meisten Journal-Artikel nicht frei zugänglich, aber wenn jemand zu viel Geld hat oder mal bei einer Bibliothek vorbeikommt: Interessant ist auch eine Überblicksdarstellung von Richard Lippa über Geschlechterunterschiede in Persönlichkeit und Interessen, die in mehreren großangelegten kulturvergleichenden Studien festgestellt wurden. Abseits vom Geschlechterthema fand ich z.B. einen Artikel über das Persönlichkeitsmerkmal „Offenheit für Erfahrung“ verblüffend. Dieser gehört zu den sogenannten „Big Five„, relativ globale Persönlichkeitseigenschaften, mit denen sich alle Menschen auf allgemeiner Ebene beschreiben lassen, wobei hier der Witz ist, dass „Offenheit“ erstens zu einem erheblichen Teil erblich ist und zweitens in hohem Maß mit politischen Einstellungen und Lagerbildungen einhergeht und eine wichtige Rolle bei Partnerwahl, Kunstgeschmack u.a. spielt. Wenn das stimmt, und danach sieht es aus, muss man noch mal ziemlich anders über einige gesellschaftliche Phänomene nachdenken. Viele, deren Job das wäre, haben darauf offensichtlich keine Lust.

Sogar frei verfügbar ist ein Beitrag über moralische Intuitionen, der sehr überzeugend argumentiert, dass wir moralische Bewertungen viel mehr auf der Grundlage von Intuitionen treffen, die relativ automatisch funktionieren, und diese Bewertungen in der Regel erst nachträglich in Argumente kleiden. (Das ist wohlgemerkt kein Ansatz von der Sorte, die uns zu Automaten erklärt. Es geht nur darum, dass nicht alles bewusst abläuft und dass das, was unbewusst abläuft und mehr auf körperlichen als auf geistigen Funktionen basiert, sehr differenziert, intelligent und wertvoll sein kann.) Oder allgemein die Befunde der Verhaltensgenetik (auch frei zugänglich) über die Erblichkeit psychischer Eigenschaften, die die Lehrmeinung über den großen Einfluss von Eltern, Erziehung und Bedingungen des Aufwachsens in Frage stellen. Da kommt im Moment (eigentlich schon länger) so viel, das allem widerspricht, was man hierzulande so lernt. Wissenschaftler, die das alles nicht zur Kenntnis nehmen, fesseln sich damit in den Worten Pinkers „an ein Gleis, auf dem ein Zug herandonnert“ (S. 472).

Ich finde diese für mich neuen Einsichten nicht nur hochinteressant, sondern auch erfreulich. Ich kann die Angst davor nicht so ganz verstehen. Es macht Menschen noch einmal interessanter, wenn so viele Facetten von dem sichtbar werden, was wir schon auf die Welt mitbringen. Dadurch wird das Wunderwerk der Natur nicht geschmälert, ganz im Gegenteil. Umgekehrt hat es für mich immer etwas von einem tiefen Misstrauen, wenn nicht von Menschenverachtung, wenn versucht wird, Menschen auf ihr bewusstes Denken zu reduzieren und den Körper als irrelevantes Anhängsel auszuklammern. (Und die oben erwähnten Autoren, also Menschen, deren ganze Tätigkeit auf Sprache beruht und die proklamieren, es gebe eigentlich gar nichts außer Sprache … naja. So kann man sich natürlich auch für allmächtig und allzuständig erklären.) Und es ergibt auch ein sehr viel würdevolleres Bild, wenn wir nicht die passiven, unkritischen und hohlen Lemminge sind, die ständig vor Worten, vor Bildern und vor allem wohl vor sich selbst beschützt werden müssen, sondern eine natürliche Ausstattung mit Fähigkeiten und Neigungen mitbringen, die allem allzu energischen Beschütztwerden und auch den idiotischsten theoretischen Spekulationen immer standhalten und widerstehen werden, weil sie schon ganz anderes ausgehalten haben.

Also, wenn ich in meiner Naivität nicht die ganze Zeit völlig allein war, Pinker lesen. Wie gesagt, notfalls gibt’s ja Bibliotheken. (Dann aber nicht vergessen: kein Raum für Übergriffe!)

Vom Himmel herab verkündet

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, das Interview mit Thomas Sowell, das ich schon mal als Video gebloggt und verschiedentlich beworben habe, auf Deutsch zu übersetzen. Ein guter aktueller Anlass dafür war die Einführung der Frauenquote. Ich fand auf Anhieb Sowells Rationalität bemerkenswert, wobei auf den zweiten Blick mindestens genauso bemerkenswert ist, dass die meisten von uns nicht in der Lage sind, diese eigentlich offensichtlichen und nicht besonders komplizierten Fragen zu stellen und Differenzierungen vorzunehmen. Der Titel von Harald Eias Dokumentation, „Gehirnwäsche„, scheint insofern gar nicht übertrieben.

Eben gerade las ich in einem Beitrag von Anne Aufschrei Wizorek zur Frauenquote folgenden Satz:

Fakt ist: Wenn solche mächtigen Posten wirklich ausschließlich gemäß der besten Qualifikationen und Talente besetzt würden, wären dort auch jetzt schon nicht so exorbitant viele weiße Männer anzutreffen.

Abgesehen davon, dass dieses „ausschließlich“ natürlich ein Strohmann ist, da jeder weiß, dass zum Beispiel Beziehungen und soziale Herkunft durchaus eine Rolle spielen, ist das kein „Fakt“, sondern eine Behauptung, die theoretisch durchaus zutreffen könnte, aber erst einmal belegt werden müsste. Und darauf beruht Wizoreks ganze Argumentation, wenn nicht jede Argumentation für die Frauenquote. Genau das benennt Sowell – übrigens 1981 – so treffend in dem Interview. Die Annahme steht einfach im Raum wie eine selbstverständliche Wahrheit, niemand bietet Belege an und – genauso erstaunlich – niemand verlangt nach Belegen. Als Folge davon kommt eine Argumentation wie die von Wizorek durch, obwohl sie vollkommen und restlos zirkulär ist. „Die Kritik an der Frauenquote enthüllt blanken Sexismus“, lautet ihre Schlussfolgerung. Und genau so, nur mit anderen Worten, lautet auch schon ihre Prämisse, die sie oben als „Fakt“ ausgibt. Wenn Frauen irgendwo unterrepräsentiert sind, muss das an Sexismus liegen. So lauten Ausgangspunkt und Schlussfolgerung einer simulierten Diskussion, die eigentlich nur einem konditionierten Reflex den Anschein einer Auseinandersetzung gibt. In welchem Umfang öffentliche Diskurse heutzutage von solchen konditionierten Reflexen getragen werden, ist höchst beunruhigend.

Deswegen nun Thomas Sowell als Hoffnung machendes Gegenbeispiel.

***

Was wäre eine legitime und was wäre keine legitime Schlussfolgerung, die ein Beobachter daraus ziehen könnte, dass Amerika ungefähr zu 50 Prozent weiblich ist, es aber nur eine einzige Senatorin im Kongress gibt? Was wäre eine legitime und was wäre keine legitime Schlussfolgerung daraus?

Also, wenn ich mir Zahlen aus verschiedenen Gegenden der Welt ansehe, finde ich nichts, was einer gleichen Repräsentation von Menschen in irgend einer Institution irgendwo auf der Welt auch nur nahekommt, nach welchem Kriterium auch immer man die Zusammensetzung prüft. Es gab kürzlich eine Studie über die Militärapparate verschiedener Länder, die kein einziges Land gefunden hat, in dem die Armee auch nur ungefähr die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung repräsentiert. Manchmal sind die ärmeren Gruppen überrepräsentiert, manchmal unterrepräsentiert. Da sind alle möglichen Faktoren im Spiel. Erstaunlich finde ich, dass diese Annahme, dass Menschen gleichmäßig repräsentiert wären, wenn Institutionen anders organisiert wären; dass diese Annahme so einflussreich ist, während kein Funke eines Beweises dafür verlangt oder geboten wird.

Sagen wir, 11 Prozent eines Landes sind Inder und nur ein Prozent davon gehen wählen, aber 50 Prozent sind weiß und 40 Prozent davon gehen wählen. Würden Sie aus dieser Diskrepanz Schlussfolgerungen ziehen?

Ich würde feststellen, dass Menschen verschiedene Ansichten zur Bedeutung des Wählens haben. Aber das findet man überall auf der Welt. Wenn Sie sich zum Beispiel Malaysia ansehen. Die Chinesen sind dort eine große Minderheit, etwa ein Drittel oder mehr der malaysischen Bevölkerung. In den Universitäten sind sie in diesem Verhältnis repräsentiert. In den freien Künsten ist das Verhältnis Malaysier zu Chinesen drei zu eins. Aber die Chinesen stellen im Verhältnis acht zu eins mehr Wissenschaftler und 15 zu eins mehr Ingenieure. Wenn Sie sich Asiaten in den USA ansehen, die Doktortitel erwerben, und das ist eine herausgehobene Gruppe, stellen Sie fest, dass es etwa dreimal so viele Doktoren mit lateinamerikanischem Hintergrund in Geschichte gibt, aber zehn mal so viele asiatische Doktoren der Chemie. Nirgendwo habe ich diese gleichmäßige Verteilung von Menschen gefunden, die Sie suchen. Und ich denke, der Grund dafür ist ganz einfach: Menschen sind keine Zufallsereignisse. Wir alle haben unsere Geschichte und Werte, die sich daraus ergeben, und es gibt Dinge, die wir tun wollen, und Dinge, die wir nicht tun wollen.

Sind das genetische Neigungen oder kulturelle?

Ich würde sagen, kulturelle. Ich erinnere mich selbst zum Beispiel, als ich mich bemühte, als junger Erwachsener über die Runden zu kommen, bin ich nie auf die Idee gekommen, Polizist zu werden. Ich bin einfach nie darauf gekommen. Ich bin sicher, es gibt andere, die sofort darauf kommen würden. Ich habe nie daran gedacht. Ich wusste, dass es schwarze Polizisten gab, ich habe einen mit Lebensmitteln beliefert. Ich wusste also, dass es da Jobs gab, aber das war einfach nichts, was mir gelegen hätte.

Ich denke, es ist eine Sache, individuelle Neigungen zu akzeptieren, aber bei ganzen Gruppen ist das schwieriger, oder nicht? Zu sagen, ich, Tom Sowell, hatte kein Interesse daran, Polizist zu werden, ist etwas sehr anderes, als zu sagen, Schwarze sind nicht daran interessiert, Polizisten zu werden.

Für Gruppen ist es schwieriger zu belegen. Aber was ich sage ist, dass die Gegenbehauptung, dass alle Gruppen überall gleichmäßig repräsentiert wären, wenn sie ihren eigenen Neigungen ungehindert von institutionellen Barrieren folgen könnten – die finde ich erstaunlich. Denn selbst wenn man Aktivitäten nimmt, die Menschen völlig unter ihrer Kontrolle haben, zum Beispiel, welches Fernsehprogramm man sich ansieht. Es gibt einen ganzen Industriezweig, der die demographische Zusammensetzung von Zuschauerschaften erforscht. Einfach deshalb, weil man festgestellt hat, dass die Leute, die NFL Football schauen, nicht dieselben sind wie die, die „Meet the Press“ oder [?] schauen. Die Werbetreibenden wollen wissen, wer diese Leute sind, weil sie keine Reizwäsche an die Leute verkaufen wollen, die Fooball schauen; sie wollen ihr Werbebudget nicht verschwenden. Und sie stellen fest, dass es erhebliche Unterschiede auch in Dingen gibt, die vollkommen in der Kontrolle des Individuums liegen.

Sind diese Unterschiede wertfrei, alles in allem, oder nicht wertfrei?

Ich weiß nicht, was Sie mit wertfrei meinen.

Also, niemand kann einem Mann vorwerfen, dass er keine Reizwäsche tragen möchte. Aber man könnte ihm vorwerfen, sagen wir, wenn er es nicht zulässt, oder eine Frau nicht dazu einlädt, ein Football-Spiel mit ihm zu schauen, weil er das nicht für angemessen hält.

Könnte man wohl, ich habe nie darüber nachgedacht. Ich weiß nicht, warum das überhaupt eine Wertefrage sein sollte, wenn es um Entscheidungen geht, die Menschen selbst treffen, solange sie nicht andere von etwas abhalten.

Damit komme ich zu der Frage zurück, warum da eine einzige Frau im Senat ist, obwohl die Hälfte der Amerikaner Frauen sind. Und meine Frage ist wohl, ob das eine Fortschreibung unterschwelliger frauenfeindlicher Werte in der Gesellschaft ist.

Also in einem Land, wo etwas über die Hälfte der Menschen Frauen sind, denke ich, wenn die den Senat mit Frauen füllen wollten, könnten sie das sehr wohl tun.

Aber es könnte ja sein, dass sie die Vorurteile von Männern übernehmen.

Möglich ist natürlich vieles. Es könnte auch sein, dass es andere Gründe dafür gibt, dass sich Frauen nicht dafür entscheiden, Positionen wie die in der Politik anzustreben, die sehr harte Anforderungen stellen, die für Frauen schwierig zu erfüllen sind, wenn sie gleichzeitig andere Dinge tun wollen, die Frauen tun, wie Kinder erziehen und so weiter.

Ja, dazu wollte ich gerne Ihre Überlegungen hören.

Ich kenne das von meinem eigenen Beispiel. Ich bin eingeladen worden, in die Politik zu gehen, und mit meinen persönlichen Werten – das geht einfach nicht zusammen. Wie viel von meinem Privatleben ich dafür aufgeben müsste, wäre mir das einfach nicht wert. Ich vermute, das gilt auch für viele Frauen. Als ich eine Studie über Frauen in der Wissenschaft machte, habe ich festgestellt, dass Frauen, die eine wissenschaftliche Karriere verfolgen, promovieren und so weiter, viel seltener verheiratet sind als Frauen außerhalb der Wissenschaft oder Männer in der Wissenschaft, und höhere Scheidungraten unter denen, die doch heiraten. Das muss also mit großem Stress verbunden sein. Und ich sehe an Leuten, die ich kenne, dass da auf jeden Fall eine Menge Stress entsteht, wenn zwei Leute ihre Karrieren verfolgen wollen, während eine davon zuhause gebraucht wird, um neben dem Schreiben von Artikeln und Büchern diese Hausfrauenarbeiten zu erledigen. Das wird dann etwas viel.

Sie würden also jede Beschwerde gegen eine Gesellschaft als gedankenlos verwerfen, die nur eine Frau im Senat oder nur 11 Prozent Schwarze im Kongress oder nur sechs Prozent Juden …

Ich würde sie nicht verwerfen. Ich würde sagen, wenn es Beweise gibt, lass uns die sehen. Ich halte es für tragisch, dass Annahmen aufgestellt werden, nicht nur ohne Beweise vorzulegen, sondern auch ohne dass jemand welche verlangen würde. Als ob es hier um selbstverständliche Wahrheiten ginge, die vom Himmel herab verkündet wurden.

Es gilt also, nach am wenigsten misslichen Erklärungen zu suchen?

Nein, es gilt, nach der vernünftigsten Erklärung unter den gegebenen Umständen zu suchen. Ich sage, dass diejenigen, die gegenteilig argumentieren, oder so tun, als ob sie argumentieren würden, überhaupt keine Notwendigkeit sehen, Beweise vorzulegen. Sie sagen einfach, da ist nur eine Frau im Senat, also! Oder sie sagen, dass Frauen x Prozent des Einkommens von Männern haben, ohne sich die Mühe zu machen, herauszufinden, welcher Anteil dieser Frauen in Teilzeit arbeitet, welcher Anteil davon nach 20 Jahren Mutterschaft die Arbeit wieder aufnimmt und so weiter. Anstatt zum Beispiel zu sagen, vergleichen wir Frauen, die seit der High School kontinuierlich bis in ihre 30er berufstätig waren, mit Männern, die dasselbe getan haben. Dann verschwinden diese großen Unterschiede. In manchen Fällen verdienen die Frauen auch mehr.

Sie scheinen ja Interpretationen, die auf einen Missstand hinweisen, weitgehend ausgeschlossen zu haben. Sie schreiben zum Beispiel: „Wie weit haben wir diskriminierende Einkommensunterschiede zwischen Menschen mit gleichen Qualifikationen und verschiedenen ethnischen Hintergründen bisher beseitigt? In der jüngeren Generation haben wir das vollständig.“ Das sind Sie. Das legt nahe, dass Sie sich davon überzeugt haben, dass es keine Missstände gibt, die ethnische Minderheiten hindert …

Nein, wir werden nie den Punkt erreichen, an dem es keine unfaire Benachteiligung mehr gibt. Aber ich sage, wenn Sie versuchen, Einkommensunterschiede damit zu erklären, hält das einem genaueren Blick auf die Daten nicht stand. Und das gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch anderswo auf der Welt. Kommen wir noch einmal zurück auf die Chinesen in Malaysia. Die Malaysier sind die dominante Kraft, nicht nur zahlenmäßig, sondern auch politisch. Sie kontrollieren die Regierung und so weiter.

Sie haben sogar anti-chinesische Gesetze.

Ja, das stimmt. Es ist gar keine Frage, dass die Chinesen diskriminiert werden. Man muss sich nur die gesetzlichen Bestimmungen ansehen, da gibt es gar nichts zu interpretieren. Tatsache ist aber, dass die Chinesen im Durchschnitt doppelt so viel verdienen wie wie Malaysier. Die Frage ist also nicht, ob Menschen diskriminiert werden. Die Frage ist, wie wirksam diese Diskriminierung ist und in welchem Umfang sie Einkommensunterschiede erklärt. Viele Gruppen, die überdurschnittlich verdienen, in den USA und anderen Ländern, sind nachweislich auf verschiedenste Weise diskriminiert worden.

Die Juden …

Ja, die Juden, und auch die Japaner. Und die Japaner verdienen fast ein Drittel mehr als der US-amerikanische Durchschnitt. Die Frage ist also nicht, ob es ethnische Konflikte und so weiter gibt. Die hat es überall und immer in der Geschichte gegeben. Die Frage ist, wie weit sich Einkommensunterschiede damit erklären lassen.

„A Rape on Campus“ fällt auseinander

Bei der Washington Post überschlagen sich die Updates zur Skandalgeschichte des Rolling Stone über eine angebliche Gruppenvergewaltigung auf dem Campus der University of Virginia – ich berichtete. Die Zeitung steht demnach mit Jackie in Verbindung, deren Darstellung der Vergewaltigung, deren Opfer sie geworden sei, der Rolling Stone übernommen hatte, sowie auch mit anderen Akteuren der Uni.

Die Fraternity, in deren Haus die Vergewaltigung geschehen sein soll, hat eine Erklärung veröffentlicht, in der die Vorwürfe zurückgewiesen werden, die Tat verurteilt wird und der polizeilichen Untersuchung volle Zusammenarbeit garantiert wird. Weiter wird darin festgestellt, dass am 28. September 2012, laut Jackie dem Tag der Tat, keine Party im Haus der Verbindung stattgefunden habe. Außerdem habe damals kein Verbindungsmitglied als Rettungsschwimmer gearbeitet – laut der ursprünglichen Darstellung Jackies sei der Haupttäter „Drew“ in dieser Tätigkeit ihr Kollege gewesen. Und schließlich fänden Initiationsfeiern im Frühling statt, nicht im Herbst.

Die Polizei des nahegelegenen Charlottesville untersucht den Fall ebenfalls, äußert sich aber noch nicht. Ein paar Zitate aus einem längeren Artikel zum Stand der Dinge heute:

Will Dana, der Managing Editor des Rolling Stone, hat ebenfalls in einer neuen Erklärung Zweifel eingeräumt. ‚In Anbetracht neuer Informationen scheinen sich nun Unstimmigkeiten in Jackies Darstellung zu zeigen, und wir sind zu der Schlussfolgerung gelangt, dass unser Vertrauen in sie verfehlt war“, sagte er in einer Stellungnahme.

Eine Gruppe von Jackies nahen Freunden, die ’sex assault awareness advocates‘ an der UVA sind, gehen davon aus, dass Jackie etwas Traumatisches passiert ist, aber hegen ebenfalls Zweifel an ihrer Darstellung. Sie sagten, einige Einzelheiten hätten sich mit der Zeit verändert, und wichtige Punkte der Geschichte hätten sich in den letzten Tagen nicht bestätigen lassen. Der Name eines Beschuldigten, den Jackie ihnen in dieser Woche zum ersten Mal genannt hatte, ähnelte zum Beispiel dem Namen eines Studenten einer anderen Verbindung, und niemand mit diesem Namen war Mitglied von Phi Kappa Psi.

Am Telefon sagte dieser Mann, ein Absolvent der UVA, am Freitag, dass er tatsächlich im Schwimmbad gearbeitet hatte und ihm Jackies Name ein Begriff war. Er sei ihr aber nie persönlich begegnet oder habe sie zu einem Date ausgeführt. Er bestätigte auch, dass er kein Mitglied von Phi Kappa Psi ist.

[…]

Alex Pinkleton, eine nahe Freundin von Jackie, die in ihren ersten zwei Jahren auf dem Campus eine Vergewaltigung und eine versuchte Vergewaltigung überlebt hat, sagte in einem Interview, dass sie in den letzten Tagen mehrmals mit Jackie gesprochen hat und sich nun getäuscht fühlt.

‚Wenn ich diese Unstimmigkeiten sehe, ist eine meiner größten Ängste, dass Menschen in Zukunft Überlebenden nicht mehr glauben werden,‘ sagte Pinkleton. ‚Wir müssen uns daran erinnern, dass die Mehrzahl der Überlebenden die Wahrheit sagen, die sich zu Wort melden.‘

[…]

‚Wenn die Details dieses Falles falsch berichtet wurden, heißt das nicht, dass die traurige Wahrheit aus der Welt wäre, die der Artikel ans Licht gebracht hat: Vergewaltigung kommt weit häufiger vor, als wir uns klarmachen, und sie wird von Gleichaltrigen, Institutionen und der Gesellschaft insgesamt oft falsch verstanden und falsch gehandhabt,‘ sagte Pinkleton.

Das war ungefähr auch der Tenor meines Blogbeitrags – wenn das Problem wirklich so ernst ist, wie manche sagen, dann helfen Hysterie und Skandalgeilheit niemandem. Falsch Beschuldigten sowieso nicht, aber auch nicht den Opfern, weil deren Glaubwürdigkeit leidet. Und a propos Skandalgeilheit:

Jackie sagte der Post, dass sie nicht vorhatte, ihre Geschichte bekannt zu machen, bis die Rolling-Stone-Autorin sie kontaktiert hat.

‚Wenn sie sich nicht gemeldet hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht an die Öffentlichkeit gegangen,“ sagte Jackie, und fügte hinzu, dass sie mit einer posttraumatischen Belastungsstörung diagnostiziert wurde und mit Antidepressiva behandelt wird.

[…]

Im Juli machte Emily Renda [die im Bereich Bewusstsein für sexuelle Gewalt an der UVA arbeitet] Jackie mit der Autorin Sabrina Rubin Erdely bekannt, die über sexuelle Gewalt an Universitäten schreiben wollte. Überwältigt von den langen Interviewsitzungen, so Jackie, habe sie Erdely gebeten, sie aus dem Artikel herauszunehmen. Sie sagte, Erdely habe dies abgelehnt und ihr gesagt, der Artikel werde so oder so erscheinen.

Im Zweifel für die Angeklagte müssen wir auch dies unter den Vorbehalt stellen, dass Jackie nicht glaubwürdig ist. Vielleicht ist sie mit der Situation überfordert, was man ihr kaum vorwerfen könnte, und gibt deswegen jetzt Erdely die Schuld. Aber wie dem auch sei – Erdely trägt eine Verantwortung, auch wenn Jackie nicht ausdrücklich gesagt hat, dass sie sich zurückziehen will. Auch wenn Jackie von dem Artikel hellauf begeistert gewesen wäre, hätte sich Erdely gründlich überlegen müssen, ob es vertretbar ist, ihn an Jackies Fall aufzuhängen – nicht nur aus Verantwortung gegenüber den Lesern, der Öffentlichkeit und dem Thema, sondern vor allem auch um Jackie verantwortlich zu behandeln. Die Zentralfigur einer solchen Skandalgeschichte zu sein wäre für jeden jungen, nicht medienerfahrenen Menschen eine große und unkalkulierbare Belastung, und dies ist eine sehr junge und offensichtlich traumatisierte Frau, die mit einer Geschichte an die Öffentlichkeit gezerrt wird, die noch nicht einmal ordentlich geprüft wurde.

Ein Hohn – es gab kein Verbindungsmitglied, das zur betreffenden Zeit mit Jackie im Schwimmbad gearbeitet hat. Und ihr wollt alles penibel nachgeprüft haben?

Jackie ist an alledem nicht schuld. Es war nicht ihre Idee, aus ihrem traumatischen Erlebnis, was immer es war, journalistisches Blockbusterkino zu machen. Und das wäre auch gar nicht nötig gewesen. Die umfangreiche Recherche zum Campusleben und sexueller Gewalt hätte auch ohne Jackie mehr als genug Stoff für einen Artikel hergegeben. Hätte dann halt nur nicht ganz so geknallt. Jackie ist zweifellos ein Opfer. Dazu gibt es wahrscheinlich einen oder mehrere unbekannte Täter und eine bekannte Täterin.

Jackies ehemalige Mitbewohnerin Rachel Soltis sagte, sie hat emotionale und physische Veränderungen an ihrer Freundin bemerkt, als sie im Herbstsemester 2012 eine Campuswohnung teilten.

‚Sie war zurückgezogen und deprimiert und kam morgens nicht aus dem Bett,‘ sagte Soltis. Sie sei überzeugt gewesen, dass Jackie zum Opfer sexueller Gewalt geworden war.

[…]

Jackie sagte Anfang der Woche, dass sie sich von der Rolling-Stone-Journalistin Erdely manipuliert fühlt. Sie habe ‚vollkommen die Kontrolle über ihre eigene Geschichte verloren.‘

Erdely stand/steht am Freitag nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. Kein Witz.

Der „Rolling Stone“, Jackie und Rape Culture

Im englischsprachigen Internet schlägt gerade ein langer Artikel von Sabrina Rubin Erdely Wellen, der im Rolling Stone erschienen ist: „A Rape on Campus: A Brutal Assault and Struggle for Justice at UVA„. UVA ist die University of Virginia. Erzählt wird die Geschichte von Jackie, die als 18-jährige im ersten Semester während einer Party im Haus der Studentenverbindung Phi Kappa Psi Opfer einer Gruppenvergewaltigung geworden sei. Ihre Geschichte bildet die Klammer für eine umfangreiche Recherche über Vergewaltigungen an Universitäten, insbesondere aber an der UVA, über Bagatellisierung solcher Taten sowohl seitens der Hochschulleitung und -verwaltung als auch der Kommilitonen, und über die Hilflosigkeit der Opfer, die mit ihren Traumata irgendwie leben müssen und nur gegen Wände des Schweigens und Unwillens stoßen.

Inzwischen gibt es einige Zweifel an der Geschichte. Das liegt zum einen an ihrem Inhalt und zum anderen an den Entstehungsbedingungen.

Den Anfang machte am 24. November der Journalist Richard Bradley, der als Redakteur in der Vergangenheit einmal auf gefälschte Berichte eines Autors hereingefallen ist und den nun einiges an dem Rolling-Stone-Stück skeptisch macht. Nach seinem damaligen Fehler habe er sich gefragt, warum er so leichtgläubig gewesen war, und sei auf die Antwort gekommen: weil die gefälschten Arbeiten jenes Autors seine eigenen Vorannahmen bestätigt haben. Seither sei er umso skeptischer bei Geschichten, die das zu tun scheinen.

Jackie, so heißt es im Rolling Stone, hatte erstmals während ihrer Zeit an der UVA ein Date, und zwar mit einem Drew (Pseudonym), der Mitglied bei Phi Kappa Psi war. Sie gingen zusammen auf eine Party im Haus der Verbindung, wo Drew sie fragte, ob sie mit nach oben komme, um sich einen ruhigeren Ort zu suchen. Was jetzt folgt, ist extrem brutal. Sie betreten einen Raum und Drew schließt sofort die Tür. Im Raum ist es stockdunkel. Jackie merkt, dass noch andere Männer anwesend sind, von denen einer sie von hinten ergreift. Sie schreit, stolpert rückwärts und kracht zusammen mit dem Unbekannten durch einen Glastisch. Als sie die Hand beißen will, die ihr den Mund zuhält, ballt diese Hand eine Faust und schlägt ihr ins Gesicht, worüber die Umstehenden lachen. Dann wird sie drei Stunden lang von sieben Männern vergewaltigt, während Glasscherben „sich in ihren Rücken graben“. Einen der Täter erkennt sie aus einem gemeinsamen Seminar wieder. Drew ermuntert die anderen und gibt Anweisungen. Einer der Männer bekommt keine Erektion, wird von den anderen aber angefeuert – anscheinend ist die Vergewaltigung ein Initiationsritual für die Männer – und penetriert sie mit einer Bierflasche.

Sie verliert das Bewusstsein und wacht allein um drei Uhr morgens auf. Als sie das Haus verlässt, ist die Party noch in vollem Gange. Draußen ruft sie ihre drei besten Freunde an, die auch kommen, ihr aber davon abraten, ins Krankenhaus zu gehen und die Tat zu melden, weil es ihren Ruf zerstören würde, „das Mädchen zu sein, das ‚Vergewaltigung‘ ruft“.  Die „Freundin“ Cindy gibt auch zu bedenken, dass die Gruppe nie mehr zu Verbindungspartys eingeladen würde, wenn Jackie den Fall bekannt mache. Sie geht also nicht ins Krankenhaus und spricht erst sehr viel später mit Universitätsvertretern, nachdem sie von weiteren Vergewaltigungsfällen hört.

Da sind natürlich einige Merkwürdigkeiten. Ich habe vor allem Mühe, mir vorzustellen, dass Studenten so brutal und ohne Mitgefühl sein können, aber dazu weiter unten. Davon abgesehen: Jackie, aber auch die Männer, bewegen sich der Darstellung zufolge die ganze Zeit auf einem Fußboden, die mit Scherben übersät ist, während der Raum „stockdunkel“ ist und Jackie sich trotzdem an alle Einzelheiten erinnert und dem Typen mit der Bierflasche noch flehend in die Augen geschaut haben soll. Dann kommt sie die Treppe herunter, traumatisiert und blutverschmiert, und niemand auf der Party nimmt davon Notiz. Ihre „Freunde“ sehen sie im selben Zustand und raten dazu, den Ball flachzuhalten. Jackie geht nicht ins Krankenhaus, anscheinend war da nichts behandlungsbedürftig.

Im Hinblick auf die Unmenschlichkeit der Täter hat mich ein Detail besonders skeptisch gemacht, das auch Bradley erwähnt:

‚Grab its motherfucking leg,‘ says the first rapist to one of his ‚brothers.‘ It reminds me of Silence of the Lambs: ‚It rubs the lotion on its skin…‘ But Silence of the Lambs was fiction.

Die Männer sollen von Jackie als einem „es“ gesprochen haben. Dafür fehlt mir ein bisschen die Vorstellungskraft – was, wie Bradley zu Recht immer wieder betont, nicht heißen muss, dass es nicht passiert ist. An Hollywood erinnert mich aber ebenfalls die Vorstellung, dass zwei Personen durch einen Glastisch krachen, ohne dass die Scherben eine Gefahr darstellen.

Der Artikel scheint eine perfekte Bestätigung der gängigen Vorannahmen rund um „Rape Culture“ zu sein; genau der Artikel, den sich jeder wünschen würde, der den Begriff weiter etablieren und das Thema sexuelle Übergriffe auf dem Campus lebendig halten bzw. eskalieren will. Das macht schon misstrauisch.

Die Washington Post berichtete am 28.11., dass bereits vier Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels das Haus der Verbindung angegriffen wurde und jemand „UVA Center for Rape Studies“ darauf sprühte. Die Präsidentin der Uni verkündete, dass alle Aktivität der Verbindungen vorerst bis Januar ruht. Außerdem hieß es in dem Beitrag:

Erdely verbrachte Wochen damit, die Details von Jackies Geschichte nachzuprüfen, einschließlich solcher wie ihrer Arbeit als Rettungsschwimmerin. Ihre Schlussfolgerung: ‚Ich halte sie für vollkommen glaubwürdig. Es ist unmöglich, genau zu wissen, was in diesem Raum passiert ist, weil ich nicht dort war. Aber ich glaube ohne Zweifel, dass sie eine Erfahrung beschrieben hat, die unglaublich traumatisch für sie war.‘

Einige Elemente der Geschichte allerdings scheinen zu sensibel für Erdely zu sein, um darüber zu sprechen. Sie will zum Beispiel nicht sagen, ob sie die Namen der von Jackie Beschuldigten kennt oder ob sie bei der Recherche Kontakt zu ‚Drew‘ aufgenommen hat, um eine Stellungnahme zu erbitten. Sie ist bei diesen Details zum Stillschweigen verpflichtet, sagt sie, und zwar aufgrund einer Vereinbarung mit Jackie, die ‚große Angst vor diesen Männern hat, vor allem vor Drew. … Sie fühlt sich wie eine leere Hülle. Wenn es darum geht, die Männer zu identifizieren – das fällt ihr sehr schwer.‘

Das Magazin Reason hakte hier ein und fragte am 1.12. aus denselben Gründen offen, ob die Geschichte wohl nur „ein gigantischer Betrug“ sei. New Republic berichtete am selben Tag, dass Erdely in einem Interview und bei direkter Kontaktaufnahme der Frage auswich, ob sie die Identität der Beschuldigten kenne. Minding the Campus fasst am 2.12. die Zweifel am Artikel und an der Glaubwürdigkeit von Erdely und Jackie zusammen und ist der Meinung, dass Jackies Angst als Erklärung keinen Sinn ergebe:

Jackie hatte so viel Angst vor Drew, dass sie es Erdely untersagt hat, ihn zu kontaktieren – aber nicht zu viel Angst, um ihn in einem landesweit bekannten Magazin als brutalen Vergewaltiger darzustellen?

Auch die akribische Nachprüfung von Jackies sonstigen Angaben, wie ihrer Rettungsschwimmertätigkeit, sind nicht unbedingt als Belege für ihre Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Vergewaltigung geeignet, wie Rolling Stone es darstellt. Weiter kritisiert Minding the Campus, dass Erdely in ihrem Artikel nur Personen zitiert, die „aus persönlichen oder ideologischen Motiven geneigt waren, Jackies Glaubwürdigkeit zu unterstreichen“, darunter eine Anwältin namens Wendy Murphy, die auf Campus-Vergewaltigungsfälle spezialisiert ist und zuvor im Zusammenhang ihrer Tätigkeit wiederholt falsche Tatsachenbehauptungen aufgestellt hat, was Erdely nicht erwähnt.

Der Rolling-Stone-Artikel ist trotzdem eine interessante Lektüre. Die Beschreibung des Campus, der Hochschulkultur, die Begegnungen mit Universitätsvertretern und all das ist sicherlich von einem gewünschten Narrativ eingefärbt, aber wohl kaum durchweg erfunden. Und schon kurz nach dem Erscheinen veröffentlichte das Magazin einige Leserzuschriften von Menschen, die selbst auf einem Campus Vergewaltigungsopfer geworden sind oder jemanden kennen, dem das passiert ist, und denen die Geschichte sehr nahe gegangen zu sein scheint. Diese Zuschriften klingen für mich authentisch.

Was ich mich jetzt frage, ist, ob es vielleicht auf (manchen) amerikanischen Campus-Unis tatsächlich so etwas wie eine Rape Culture gibt. Ich halte das als Charakterisierung ganzer westlicher Gesellschaften weiterhin für völlig meschugge und realitätsfern, aber was weiß ich denn über US-amerikanische Elite-Unis, Fraternities, Initiationsriten und so weiter? Nicht viel.

Der radikale Feminismus zeichnet bekanntlich ein sehr düsteres Bild von Männern, was sich darin spiegelt, dass eben Vergewaltigung zum zentralen Element patriarchaler Gesellschaftsstruktur hochgejazzt wird. Alles ist Vergewaltigung oder kurz davor. Der Gedanke, dass die meisten Männer überhaupt kein Interesse daran haben, eine Frau zu vergewaltigen oder zu unterdrücken, weil sie eben nicht von Natur aus abgrundtief böse sind, sondern Menschen mit Respekt begegnen und überdies Frauen mögen, kommt dort gar nicht vor. Männer sind eine ständige Bedrohung.

Jackies Vergewaltigungsszene schien mir zunächst wie eine romanhafte Umsetzung dieses finsteren, wahnhaften Bildes von Männern. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass normale Männer so brutal und grausam sein können. Und ich schreibe „normale“ Männer, weil wir andererseits natürlich schon wissen, dass Menschen zu extremen Grausamkeiten fähig sind. Ich denke beispielsweise an die Täter des Holocaust oder anderer Genozide. Darüber gibt es ja einiges an Forschung; prominent hat der Historiker Christopher Browning in „Ganz normale Männer“ beschrieben, wie ein Bataillon von Reservepolizisten, Männer verschiedenen Alters mit Familien und unterschiedlichen Berufen, über einige Einsätze hinweg zu routinierten Massenmördern werden.

Aber das ist eben etwas anderes, denn es waren keine normalen Umstände. Es war Krieg, es gab ein Regime, das diese Taten forcierte, es gab den üblichen Konformitätsdruck unter Soldaten (bzw. Polizisten), es gab ein Dauerfeuer an Propaganda, es gab eine Jahre dauernde Eskalation der Ausgrenzung und dann Gewalt gegen Juden und so weiter. Das heißt, die Grausamkeit dieser Täter kam nicht aus dem nichts; sie entstand in einem institutionellen Zusammenhang und einer umfassenden sozialen Dynamik, die ihre Wirkung über mehrere Jahre entfaltete. Kurz, es wurde gewissermaßen Grausamkeit kultiviert. Und wenn das passiert, ist Menschen so ziemlich alles zuzutrauen, ja.

Ein sehr anderes Beispiel für Grausamkeit, das aber im hier entscheidenden Punkt aufs gleiche hinausläuft, sind Schulamokläufe. Das Buch „School Shootings“ von Joseph A. Lieberman beleuchtet anhand sehr gründlicher Recherchen die Hintergründe aller größeren Fälle. Und auch hier, wo es nicht um Gruppen- oder Massendynamiken, sondern um ganz individuelle Täter geht, zeigt sich, dass solche extremen Gewaltausbrüche nicht einfach so passieren. Sie haben eine Geschichte. Die Bereitschaft, zu tun, was sie schließlich tun, muss auch erst einmal kultiviert werden. Dazu werden dann vielleicht Computerspiele benutzt, Militärkleidung, Trench Coats, Marilyn Manson oder was auch immer; es werden wütende Tagebücher und Manifeste geschrieben, Drohungen artikuliert, frühere Amokläufer recherchiert, kritisiert, angebetet etc. Insofern gibt es tatsächlich eine Amok-Kultur, die allerdings – zum Glück – sehr klein ist.

Vor diesem Hintergrund fällt sofort auf, dass bereits ein Uni-Campus eine Art sozialer Mikrokosmos ist, der eine von der Gesamtgesellschaft abweichende Kultur bilden kann, aber noch viel mehr gilt das für die Studentenverbindungen mit ihrer relativ geringen Größe, ihrer Exklusivität, ihrem großen Konformitätsdruck und der großen Bedeutung von Konvention und Tradition für ihr Funktionieren.

Erdely zitiert immer wieder verschiedene Strophen des „fight songs“ der UVA, in denen es ums Trinken und um Sex geht. Es gilt eine Art Ehrenkodex des harten Arbeitens und harten Feierns, wobei letzteres eben Komasaufen und Sex bedeutet. Und man hat dabei tatsächlich nicht den Eindruck, dass Frauen besonders viel Respekt entgegengebracht wird. Beispiele:

All you girls from Mary Washington and RMWC,
never let a Cavalier an inch above your knee.
He’ll take you to his fraternity house and fill you full of beer.
And soon you’ll be the mother of a bastard Cavalier!

A hundred Delta Gammas, a thousand AZDs
Ten thousand Pi Phi bitches who get down on their knees
But the ones that we hold true, the ones that we hold dear
Are the ones who stay up late at night, and take it in the rear.

She’s a helluva twat from Agnes Scott, she’ll fuck for 50 cents.
She’ll lay her ass upon the grass, her panties on the fence.
You supply the liquor, and she’ll supply the lay.
And if you can’t get it up, you sunuva bitch, you’re not from UVA.

Diesen Januar, so Erdely, habe ein Student von Dartmouth online eine Anleitung zur Vergewaltigung gepostet, und in Yale pflege man den Schlachtruf: „No means yes! Yes means anal!“

Außerdem ist bekannt, dass es eben tatsächlich mehr oder weniger harte Initiationsriten bei diesen Verbindungen gibt, mit denen Neuzugänge beweisen müssen, was für „harte Kerle“ sie sind, und dass diese Riten auch grenzwertig und gefährlich sein können. Wenn diese Männer selbst sich das antun, in dem Bewusstsein, sich dadurch Ehre zu erwerben, liegt der Gedanke nicht mehr so fern, dass sie auch glauben, eine Frau müsse sich halt mal eine härtere Nummer gefallen lassen, während der Mann, wenn er persönlich es auch nicht unbedingt will, sich den Verbindungsbrüdern beweisen muss. Dass unter diesen Bedingungen die Grenzen zur Vergewaltigung verschwimmen, ist durchaus vorstellbar, und vor diesem Hintergrund klingt es auch gar nicht mehr absurd, wenn die Forderung erhoben wird, Männern beizubringen, was Einvernehmen ist.

Den Begriff „Rape Culture“ auf die Gesellschaft im Allgemeinen zu beziehen, scheint mir nicht zuletzt deswegen abwegig, weil damit behauptet wird, es gebe eine allgemeine Akzeptanz für Vergewaltigung – und ganz offensichtlich ist das Gegenteil der Fall. Vergewaltigung gilt als eines der schlimmsten und grausamsten Verbrechen, die man sich vorstellen kann, und kaum ein Vorwurf gegen einen Mann ist so gefährlich wie ein Vergewaltigungsvorwurf. Wem sollte also daran gelegen sein, Vergewaltigungen zu verharmlosen und zu vertuschen?

Doch auch das könnte sich im Kontext der Studentenverbindungen anders darstellen. Hier gibt es durchaus solche Interessen, und zwar mächtige. Die Universitäten sind auf die Studienbeiträge und Spenden der reichen Eltern ihrer (künftigen) Studenten angewiesen. Sie haben einen Ruf zu verlieren. Deswegen heißen sie nicht Vergewaltigung gut, aber sie haben sicher kein Interesse an großer öffentlicher Aufmerksamkeit für Vergewaltigungen in ihren Mauern. Darüber hinaus werden Täter eventuell von ihren wohlhabenden Eltern protegiert, die sich gute Anwälte leisten können und Connections haben, was die Chancen der Opfer, mit einer Anzeige Erfolg zu haben, nicht erhöht.

Vielleicht ist das Vorgehen gegen Vergewaltigung an diesen Universitäten deswegen so schwierig, weil die Verbindungen so fest im Campusleben verankert sind, die nun einmal diesen chauvinistischen „Ehrenkodex“ haben, und als Brückenköpfe von Wirtschaftseliten in der Hochschullandschaft möglicherweise am längeren Hebel sitzen als ein Studiendekan.

Wenn an alledem etwas dran ist, werden die ganzen Vorstöße zur Regulierung des Sexlebens von Studenten, die aus der Ferne so hysterisch und absurd anmuten, verständlicher. Vielleicht gibt es da wirklich ein Problem dieser Art. Vielleicht trägt die Kultur des exzessiven Feierns verbunden mit steilen Macht- und Statushierarchien unter den Studierenden und dem Ideal empathieloser Härte, das aus dem zitierten Song spricht, tatsächlich unter anderem Züge einer Rape Culture.

Absurd und etwas armselig wäre es natürlich dann immer noch, wenn vor allem deutsche Feministinnen einen solchen Begriff dann aus dem Zusammenhang reißen und in ihrem gewohnten Furor mal eben dem ganzen Land, wenn nicht der ganzen Welt aufkleben. Damit machen sie es nicht leichter, auseinanderzuhalten, was Hysterie ist und wo es wirklich ein Problem gibt. Dass sich Frauen in letzter Zeit vermehrt selbst Drohungen zu schicken scheinen – sind das Verzweiflungstaten in einer tatsächlich verzweifelten Situation, oder wird die letztere mit solchen Taten nur simuliert? Es wäre tragisch, wenn die Radikalfeministinnen an den US-Unis sich deshalb so radikalisiert hätten, weil es ein ernstes Problem gibt, das ignoriert wird, und ihre Radikalität sich dann aber an alle möglichen Orte ausbreitet, wo dieses Problem gar nicht besteht – bis ein paar verwirrte Gender-Don-Quichottes in Berlin die Rape Culture in der Bibliothek suchen. Von der Dämonisierung des Mannes und dem Zelebrieren weiblicher Verwundbarkeit hat hier wie dort niemand etwas.

In guter Gesellschaft

Vor einigen Tagen hat der Branchenverband International Game Developers Association eine im September geschaffene Webseite mit umfangreichen Tipps zum Umgang mit Online-Harassment überarbeitet und ergänzt. Nun gibt es Aufregung über den Abschnitt „Mental Wellness and Self Care„, wo unter anderem Ressourcen für die Suche nach Psychotherapeuten und eine Selbstmord-Präventions-Hotline aufgeführt sind – Psychotherapie und Selbstmord sind ja schließlich die primären Optionen, die sich eröffnen, wenn man auf Twitter von anonymen Fremden angefeindet wird. Außer, man heißt Matt Taylor; dann muss man das hinnehmen und sich entschuldigen.

Es ist wie immer schwer zu entscheiden, ob diese Seite primär Propaganda gegen GamerGate ist – an anderer Stelle wird ein Ratgeber „How to be a good Ally“ von Feministing empfohlen; das einzige, wobei Männern Hilfe zusteht, ist demnach, Feministinnen zu helfen – oder die Urheber tatsächlich glauben, dass man praktisch so gut wie tot ist, wenn man unerfreuliche Tweets bekommt. So oder so wird damit jedenfalls der bekannte Opfer- und Verwundbarkeitskult gepflegt. Um Frauen zu „empowern“ muss man ihnen offenbar erst einmal einhämmern, dass sie die Schwächsten und Wehrlosesten Wesen seien, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Aber ich schweife ab. Der aktuelle Stein des Anstoßes ist die letzte Zeile im erwähnten Abschnitt (Übersetzung):

Ein externes Twitter-Tool, um schnell einige der schlimmsten Täter der jüngsten Welle von Belästigungen und Accounts, die ihnen folgen, zu blockieren

Auf Twitter kann man ja Teilnehmer blockieren, von denen man nichts mehr hören will, und dies ist nun also eine Liste mit gut zehntausend Accounts, die man damit auf einen Schlag stummschalten kann. Und wie ich eben bemerkte – Trommelwirbel – ich habe es auch darauf geschafft.

Aber nicht nur ich wundere mich darüber, wie einfach und sorglos man inzwischen online als Täter hingestellt wird. Wobei die Liste sich freimütig zur Sippenhaft bekennt – nicht nur „Täter“ werden geblockt, sondern auch deren Follower. Es spricht Bände über die Vorstellungen der SJW von Debatte und Diskurs, dass demzufolge jemandem zuhören automatisch zustimmen bedeutet. Vor ein paar Stunden twitterte ein Roberto Rosario (übersetzt):

Ich bin Vorsitzender von @IGDA_PuertoRico und wurde von der @IGDA als Belästiger gebrandmarkt, weil ich das #GamerGate-Hashtag benutzt habe (Link)

.@IGDA @IGDABoard Bringt das in Ordnung oder ihr bekommt zum nächsten Treffen am Dienstag meine Kündigung. Getaggt mit #gamergate (Link)

Ein Chris Kluwe, der über 200.000 Follower hat, bemerkte zum letzteren Tweet:

Diese Person bedroht die @IDGA [sic]. Ein kurzer Blick auf die, denen er folgt, sollte Beweis genug sein. (Link)

Chris Kluwe soll uns hier nicht weiter beschäftigen, aber auch menschliche Höchstleistungen an Dummheit haben ihre Würdigung verdient. Und ja, das „bedroht“ bezieht sich auf die Drohung mit Kündigung.

Tatsächlich hatte sich Rosario jedenfalls etwa eine Woche zuvor einmal bezüglich GamerGate zu Wort gemeldet. Und zwar so:

.@Geordie_Tait Ich habe gerade gehört, wie du im @Kingofpol-Interview sagst, dass alle pro-#GamerGater in die Gaskammern der Nazis geschickt werden sollten. (Link)

Ich beziehe nicht öffentlich Stellung zu #GamerGate, aber als Vorsitzender von @IGDA_PuertoRico muss ich zurückweisen, was du gerade gesagt hast. (Link)

Ach ja, da war ja noch was. Geordie Tait ist oder war (?) Autor bei StarCityGames und hat sich in den letzten Wochen mit solchen Perlen ins Gespräch gebracht, wie Rosario sie erwähnt. Er beharrt seither auf dem Standpunkt, dass es moralisch unproblematisch sei, einen Massenmord an GamerGate-Anhängern zu fordern, und begründet das so: Weil er Ungerechtigkeiten gegen Frauen aus der Geschichte aufzählen kann und das Ergebnis in der Summe schlimmer sei als der Holocaust, stelle dies keine Verharmlosung des Holocaust dar und eine Vergasung von #GamerGate kein Verbrechen, sondern nur ein kleines Stück ausgleichende Gerechtigkeit. Das misanthropische und wahnhafte Menschen- und vor allem Männerbild, das dem zugrunde liegt, kommt in folgender Passage von Tait zum Ausdruck:

Nur #GamerGate, diese Bastion von Pickup-Artists, Trollen und Arschlöchern, würde die traurige Wahrheit leugnen, dass Frauen buchstäblich niemals dieselben Annehmlichkeiten und Privilegien genossen haben wie Männer; zu keinem Zeitpunkt, seit sich die Erde formte, seit sie nur eine kochende Kugel war, die in einem Firmament aus Gas hing und die männlichen Mikroben die weiblichen vergewaltigt, verbal erniedrigt und ihnen mikrobische Jobs verweigert haben.

Doch, er meint das ernst. Wahrscheinlich würde er diese Formulierung als satirische Zuspitzung bezeichnen und nicht wörtlich ernst meinen, aber seine Vorstellung ist tatsächlich die, dass man z.B. von dem historisch später eingeführten allgemeinen Wahlrecht für Frauen ausgehen und dann rückwärts in der Geschichte ein immer schlimmeres Unrecht gegen Frauen extrapolieren kann, so dass man in prähistorischer Zeit bei permanenter Vergewaltigung, Versklavung und Misshandlung von Frauen durch Männer landet.

Inzwischen ist recht deutlich geworden, dass Geordie Tait psychische Probleme hat; man könnte da noch viel mehr zitieren, aber es geht nicht um die Person. Es geht um die verbreitete Denkfigur, die unterstellt, dass in der vorhistorischen Zeit, als es keine Gesetze, keine Gleichstellungsbeauftragten und kein Affirmative Action gab, Frauen permanent, systematisch und, je weiter man zurückgeht, immer schlimmer von Männern misshandelt worden seien. Das setzt voraus, dass Männer, sofern sie nicht von irgendwelchen stärkeren Kräften zurückgehalten werden, ein irgendwie angeborenes Interesse daran hätten, Frauen zu knechten. Mal abgesehen davon, dass mir aus der Antropologie oder Primatenforschung keine Hinweise darauf bekannt sind, dass dem so sei, ist bereits in diesem Bild ein ausgeprägter Hass auf Männer enthalten. Mit den Worten der Antifeministin Karen Straughan (im obersten Kommentar; das Video ist ein Interview mit ihr, in dem David Pakman diesen Punkt irgendwie nicht versteht):

Jeder Mann wurde von einer Frau geboren und aufgezogen. Sein Leben hing von der Hingabe, Liebe und Fürsorge einer Frau ab. Die Annahme, dass Männer als Klasse ein System geschaffen und über Jahrtausende aufrechterhalten haben, das diejenigen unterdrückt, die sie im Heranwachsen ernährt, gepflegt und geliebt haben und mit denen sie immer ihre intimsten emotionalen Bindungen gebildet haben, ist die Annahme, dass Männer zu menschlichen Gefühlen unfähig seien. […] Die Theorie des Patriarchats ist die Entmenschlichung von Männern.

Die Fraktion, deren extremer Repräsentant Geordie Tait ist und die sich dem Hass verschreibt, weil sie auf der Gegenseite nichts als Hass vermutet, tut mir für die Kälte und Schwärze ihres Menschenbildes leid. Ich kann mich deshalb gut damit identifizieren, zusammen mit Roberto Rosario, der die Idee eines neuen Holocaust nicht so dufte findet, mit der Urheberin der Matt-Taylor-Spendenaktion Julie M., die mit den Gewaltdrohungen gegen sie komischerweise nicht reich wird und auf die Titelblätter kommt wie Anita Sarkeesian, mit der Journalistin und Equity-Feministin Cathy Young, mit den Fine Young Capitalists, einer Frauengruppe, die per Crowdfunding ein von kfcFrauen entwickeltes Indiegame produziert, mit Oliver Campbell, der mit #Notyourshield Frauen und Minderheiten eine Stimme gibt, die sich nicht von den Social Justice Warriors vereinnahmen lassen wollen und vielen anderen wundervollen Menschen (und meinetwegen dann auch mit, äh, Kentucky Fried Chicken) auf einer schwarzen Liste zu stehen. Ich nehme die Ehrung, mit anderen Worten, dankend an.

Update unmittelbar nach dem posten: Haha, das ging schnell.

disclaimerSchon klar. Erst beschuldigen, dann denken.

Werden Sie Extremist!

Ein Wohlfühltipp von John Cleese.

Der größte Vorteil eines Daseins als Extremist besteht darin, dass es Ihnen ein gutes Gefühl gibt, indem es Ihnen Feinde verschafft. Lassen Sie mich das erklären. Wenn Sie Feinde haben, können Sie so tun, als läge alle Schlechtigkeit der Welt in Ihren Feinden und alle Güte der Welt in Ihnen. Eine attraktive Aussicht, oder nicht?

Wenn Sie also ohnehin viel Wut und Bitterkeit in sich tragen und deshalb Freude daran haben, Menschen schlecht zu behandeln, dann können Sie es jetzt so erscheinen lassen, als ob Sie es nur deshalb tun, weil Ihre Feinde so überaus schlechte Menschen sind, und als ob Sie immer gütig, höflich und rational wären, wenn es die nicht gäbe. Also – wenn Sie sich gut fühlen wollen, werden Sie Extremist.

Sie können herumstolzieren, Menschen beschimpfen und ihnen sagen, dass Sie sie am liebsten zum Frühstück fressen würden, und sich gleichzeitig als Verfechter der Wahrheit sehen. Als Kämpfer für das Gemeinwohl. Und nicht als den ziemlich traurigen Paranoid-Schizoiden, der Sie wirklich sind.

Gamergate – How It Works

Ergänzung am 3.12.: Da im Moment einiger Traffic vom Standard hierher kommt, möchte ich ein interessantes Detail zur betreffenden Geschichte ergänzen. Der Guardian, die ursprüngliche Quelle, hatte zuerst geschrieben, dass Pierce die erhaltenen Drohungen in direktem Zusammenhang mit GamerGate sehe („Pearce [..] believes the harassment she’s been receiving is directly related to the Gamergate controversy.“

Auf Twitter fragten daraufhin einige, worauf diese Annahme beruhe. Und Pearce tweetete:

Yeah, I’m not comfortable suggesting that this is related to GG. There’s no indication of that.

Und:

Yes, they asked. I wouldn’t have mentioned GG if I hadn’t been prompted to.

darauf folgte dieser Dialog:

@TheRealSkiba Nov 29
@Charalanahzard @dingl_ How do you feel being used an an object…a pawn so to speak, in their great machinations. #gamergate

@Charalanahzard Nov 29
@TheRealSkiba @dingl_ I feel that GG are doing that to me, too. That said, neither side has abused me at all! Very respectful.

@dingl_ Nov 29
@Charalanahzard @TheRealSkiba Hm to be fair we didn’t drag U into this but glad no abuse *Thumbsup There B trolls on all sides of things

@Charalanahzard
@dingl_ @TheRealSkiba That is true, and I’m not offended, but I certainly feel like I’m being used as a ‚pawn‘ for both sides.

Der Guardian ergänzte schließlich den Artikel. Aus Pearces „no indication of that“ wurde dabei „no solid proof“.

— Ab hier der ursprüngliche Beitrag —

dragon1dragon2

Genau so läuft das die ganze Zeit. Man wird ganz hirnkrank davon.

(Das Spiel heißt übrigens „That Dragon, Cancer“, mit Komma. „Der Drache Krebs“, nicht „Dieser Drachenkrebs“.)

Edit: Weil nicht alle folgen konnten:

– SabineGirl behauptet, Entwickler des Spiels „That Dragon, Cancer“ würden von GamerGatern belästigt, weil Menschen, die GamerGate nicht mag, das Spiel als interessant bezeichnet hätten.
– Entwickler von „That Dragon, Cancer“ erklärt, keine Belästigungen oder Drohungen von Gamergate oder sonst jemandem erhalten zu haben.
– Liz hält SabineGirl das unter die Nase und bittet um Stellungnahme.
– Die Antwort von SabineGirl an Liz (rechts) ist eindeutig.

Der Einzelfall ist unwichtig, aber interessant, weil – ich wiederhole mich – es die ganze Zeit so läuft. Auf Widerlegungen von irgendwelchen Teilen des feministischen / SJW-Narrativs, das GamerGate dämonisiert und bis heute herrschende Meinung der Mainstream-Medien ist (die vermutlich einfach aus den Gaming-Medien abschreiben), wird mit Beschimpfungen, Blocken oder Ignorieren reagiert.

LoMi machte mich dazu auf einen Kommentar von djadmoros bei man tau aufmerksam, der dazu gut passt. Daraus:

Die Differenzierungsverweigerung ist dann einfach ein operativer Modus der Unfähigkeit zur Perspektivübernahme. Differenzierung würde bedeuten, sich auf eine *gemeinsame* Welt einzulassen und deren Merkmale in einem Spiel auf Gegenseitigkeit zu »verhandeln«. Darum ist es in innerfeministischen Kontroversen auch so wichtig, sich bei jeder internen Kritik zu vergewissern, dass trotzdem die *Gemeinsamkeiten* nicht in Frage gestellt werden. Narzissmus kennt aber keine »gemeinsamen Welten«, sondern immer nur die eigene, und diese eigene Welt gründet in einer emotionalen Befindlichkeit, die *vor* allen Differenzierungen liegt. »Ich fühle mich betroffen« heißt dann automatisch: »ich habe recht«.

Und genau dieser Standpunkt wird uns dann als feministischer und weiblicher Beitrag zur Moral verkauft, d.h. das Insistieren auf rationalem Abwägen und Differenzieren wird als »männlich« und »patriarchal« denunziert. Von Carola Meier-Seethaler, einer der deutschen Matriarchats»forscherinnen«, ist überliefert, dass sie auf die banale Frage (einer Frau), *wann genau* die angeblichen Matriarchate denn existiert haben, geantwortet haben soll: »Das ist eine patriarchale Fragestellung«.

Das wiederum berührt natürlich eng den Aspekt der Realitätsverweigerung.

Wenn Mädchen Ingenieurinnen werden wollen sollen

Das gestern erschienene neue „Factual Feminist“-Video bringt ein gutes Beispiel für die Folgen des Glaubens an unterschiedslos geborene und dann beliebig formbare Menschen, mit dem ich mich kürzlich anknüpfend and Harald Eias „Hjernevask“ beschäftigt habe. Es geht um eine Werbekampagne des Spielzeugherstellers „Goldie Blox“, der Spielzeug für Mädchen anbietet, das diese dazu ermutigen soll, Ingenieurinnen zu werden. Das ist an sich durchaus zu begrüßen; Spielzeug sollte so vielfältig sein wie möglich. Ein Problem ist aber, dass dabei Mädchen, die mit konventionellerem Mädchenspielzeug spielen bzw. deren Eltern, die das zulassen, schlechtgemacht, beschuldigt und beschämt werden. Ein Werbespot zeigt, wie in einer Welt, die George Orwells „1984“ nachempfunden ist, Mädchen von „Big Sister“ am Fließband zu gleichförmigen pinken Barbies geformt werden.

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