In einem Blogbeitrag mit dem wunderschönen Titel „Lasst Menschen doch einfach das tun, was wie wollen„, spricht sich Balorda gegen eine allgemeine Regel aus, die Frauen verpflichtet, nach Macht zu streben und Männer zu bekämpfen. In einer Antwort darauf weisen gleich vier Leute gleichzeitig ihren Standpunkt zurück – was nicht viel ist gemessen an den Brigaden, die gewöhnlich abweichende Meinungen in feministischen Kreisen zum Schweigen bringen, sofern solche nicht von vornherein durch Konferenzregeln oder Kommentar-Policy (erster Satz: „Du wunderst dich, warum dein Kommentar gelöscht wurde?“ – nein, überhaupt nicht) wirksam verboten sind.

Diese Antwort jedenfalls, die oberflächlich gelesen gar nicht so radikal klingt und auch nur von der relativ harmlosen Quote handelt, verrät einiges über die selbstbestätigende Zirkularität des feministischen Dogmatismus. Zum Beispiel wird auf den Vorwurf, Feministinnen glaubten, „die Wahrheit gepachtet“ zu haben, entgegnet, neinnein, die betreffenden Themen werden doch „innerhalb des feministischen Diskurses bereits seit Jahren immer wieder durchgesprochen und behandelt“, und zwar „auf wissenschaftlicher Grundlage innerhalb der Genderstudies als Teilbereich der Soziologie“. Innerhalb. Jemand, der nun von innerhalb mit jemandem außerhalb spricht, sagt hier also: wir haben nicht die Wahrheit gepachtet, wir verhandeln doch intern immer wieder über sie. Diese Sätze bringen das ganze intellektuelle Elend ganz gut zum Ausdruck. Ein aufgeklärter Diskurs, vor allem ein wissenschaftlicher, muss zuallererst nachvollziehbar und kritisierbar sein. Ein Diskurs, der sich im Rahmen dezidiert exklusiver Seminare, dezidiert exklusiver Konferenzen und dezidiert exklusiver Blogs mit sich selbst beschäftigt und nach außen hin sagt, wir haben das intern geklärt, erinnert am ehesten an die Funktionsweise von Sekten und ist mit „die Wahrheit gepachtet“ knapp und polemisch, aber treffend beschrieben.

Aber es sollte hier um eine andere Stelle gehen. Gegen den Vorwurf des Sexismus auf der Piratinnenkon heißt es:

Mir ist nicht klar, wieso die Veranstaltung als “diskriminierend” und “sexistisch” betitelt wird. Sexismus und Diskriminierung ist unmittelbar mit gesellschaftlichen Machtstrukturen verbunden, ich sehe nicht einmal im Ansatz, wie das hier zutreffen könnte.

Das heißt, die Frage, ob auf der Veranstaltung etwas vorgefallen ist, das sexistisch sein könnte, und was das ggf. war, spielt gar keine Rolle. Anders: Es wird nicht gefragt, ob es empirisch zutrifft, weil es gar nicht zutreffen kann. Eine andere Stelle macht dies klarer:

Mal noch deutlicher: Es geht bei Sexusmus und Diskriminierung um Gesellschaft. Nicht um Einzelfälle. Natürlich kann im Einzelfall eine Frau mehr Macht haben, als ein Mann. Das resultiert dann aber nicht aus einer gesellschaftlichen Bevorzugung Ihres Geschlechtes.

Interessant ist die Gleichsetzung von Gesellschaft und Macht. Darum geht es bei Gesellschaft, bei menschlichen Beziehungen, dem menschlichen Umgang miteinander: Macht. Sonst nix. Nun wird Macht in eine Menge, etwas im Prinzip mengenmäßig messbares verwandelt, wird die Macht aller Männer addiert, dagegen die Macht aller Frauen addiert, und festgestellt: Männer haben unterm Strich mehr Macht. Und deswegen ist es gar nicht möglich, dass von irgendeiner Frau in irgendeiner Situation, wie auch immer diese aussieht, Sexismus gegen einen Mann ausgeht. Wegen der Machtbilanz der Gesamtgesellschaft, wenn man sich diese als zwischen den Geschlechtern zweigeteilt denkt. Demnach könnte etwa ein Schwarzer in den USA auch unmöglich ein Rassist sein, oder ein Dicker Vorurteile gegen Schlanke haben. Geht einfach nicht. Wenn man so jemanden fände, der de facto rassistische, vorurteilsvolle Einstellungen hätte, die, mal um der Verdeutlichung willen, aus jeder seiner Äußerungen und Handlungen spräche, dann würde das aus dieser Logik heraus einfach als nichtexistent erklärt werden.

An diesem Kalkül ist natürlich einiges fiktiv. Zum Beispiel die letztlich menschenfeindliche Vorstellung, dass alles, was Gesellschaft ausmacht, sich einfach auf quantitativ gedachte „Macht“ runterbrechen lasse. Die Bezugsgröße Gesamtmacht eines Geschlechts, als ob die das einzige wäre, was die Parameter des Umgangs zwischen zwei konkreten Personen bestimmt. Die Bezugsgröße Gesamtgesellschaft, als ob es nicht unterhalb der Ebene der Gesamtgesellschaft Gruppierungen geben könnte, innerhalb deren die Macht anders verteilt ist als in der Gesamtgesellschaft, was dann auch das konkrete Geschehen in diesen Gruppierungen sicherlich in höherem Maße bestimmen würde als eine fiktive Gesamtgesellschaftsgeschlechtsmachtbilanz. Es zählen nicht bestimmte Bevorzugungen und Nachteile in bestimmten sozialen Kontexten; das steht da ausdrücklich. Es zählt nur die abstrahierte Gesamtbevorzugung.

Der Text benutzt das Wort „Machtstrukturen“, thematisiert aber keine Strukturen, sondern Mengen.

Es würde sich lohnen, das alles genauer auszuarbeiten, weil es in ziemliche Abgründe führt. Aber bereits bis hierhin wurde deutlich, dass es sich um Denkmuster handelt, in denen diejenigen, die sich ihrer bedienen, nur Recht haben können, eben aufgrund ihrer Benachteiligung in der Gesamtgesellschaftsgeschlechtsmachtbilanz. Ein Satz wie „Männer sind Schweine und sollten alle kastriert werden“ ist weder sexistisch noch sonst irgendwie zu beanstanden, eben aufgrund der Gesamtgesellschaftsgeschlechtsmachtbilanz. Kritik an feministischen Aussagen kann nicht stichhaltig sein, weil diese Aussagen intern geklärt wurden und wegen der Gesamtgesellschaftsgeschlechtsmachtbilanz.

So erklärt sich die eigentümliche Kombination von absolutem Wahrheitsanspruch und wildem Herumbehaupten, das diese Denkschule kennzeichnet.

Apropos: Antje Schrupp veröffentlichte gestern „Fünf Thesen zur Prostitution„. Sie unterscheidet zwischen freiwilliger und Zwangsprostitution und fährt fort:

Doch Freiwilligkeit allein ist noch kein Beweis für die Okayheit einer Handlung, es sei denn, man würde sich völlig einer neoliberalen Logik des „anything goes, Hauptsache es lässt sich damit Geld verdienen“ verschreiben.

Nein. Man würde sich vielmehr einer Logik des „anything goes, Hauptsache es wird niemand gezwungen“ verschreiben. WTF hat das mit Geldverdienen zu tun? Was hat die Frage, ob mit etwas Geld verdient wird, mit dessen Okayheit zu tun? Egal, weiter:

Hier also meine 50 Cent.

Frau Schrupp hatte offensichtlich einen Amerikaner zum Frühstück. Hier jedenfalls mein 50 Cent:

http://lmgtfy.com/?q=my+2+cents

http://lmgtfy.com/?q=50+cent

Die erste These:

Prostitution ist keine Naturerscheinung, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt

Boah, gähn. Konstruktpopukt. Mal ganz im Vertrauen: Wenn man den Konstruktivismus verstanden hat und ernst nimmt, dann ist alles, worüber wir reden können, ein gesellschaftliches Konstrukt. Das ist nicht schlimm, es ist auch nicht schlimm, darauf hinzuweisen, es ist eine legitime und oft nützliche Sichtweise. Aber eins ist es nicht: Ein Argument für oder gegen irgendwas. Und noch etwas ist es nicht: Ein Gegensatz zu einer Naturerscheinung. Ein romantischer Sonnenuntergang ist zum Beispiel eine Naturerscheinung, aber auch ein gesellschaftliches Konstrukt. Wir sehen Naturerscheinungen, wir sehen alles, was wir überhaupt sehen, durch die Brille bzw. in Form von gesellschaftlichen Konstrukten. Das ist der Witz dieser Sichtweise. Gemeint kann also nur sein: ist von Menschen geschaffen. Wobei man dann zurückfragen könnte, ja, von wem sonst, von Kühen?

Okay, Prostitution ist also keine Naturnotwendigkeit, ist dem Menschen nicht angeboren, sondern eine Institution, die es in manchen Kulturen gibt, aber nicht in allen.

Von der Prostitution wird gerne behauptet, sie sei das „älteste Gewerbe der Welt“, was so viel bedeutet wie: Gab es immer und wird es immer geben.

Wäh? Das „älteste“ besagt doch nicht „schon immer gegeben“, es besagt nur, „schon ziemlich lange“, und es besagt noch weniger darüber, ob es das in Zukunft geben wird. Außerdem ist der Ausdruck „Gewerbe“ ein ausgesprochen deutlicher Hinweis darauf, dass es sich um keine Naturerscheinung handelt, sondern vielmehr um etwas, das nach menschheitsgeschichtlichen Maßstäben relativ spät aufgetreten ist. Vorgestern zitierte SpOn aus dem französischen feministischen Magazin „Causette“, wo gestanden haben soll:

Das älteste Gewerbe? Das gilt eher für das Metier von Sammlern und Jägern.

Sammler und Jäger haben das Sammeln und Jagen gewerblich betrieben?

Okay, es tanzt uns also ein Strohmann vor der Nase rum, der behauptet hat, Prostitution sei eine Naturerscheinung. Ist ja ein guter und legitimer Hinweis Schrupps, dass es Prostitution nicht in allen Kulturen gibt. Aber es ist keine These und hat nichts mit Konstrukt oder nicht Konstrukt zu tun. Weiter:

Genauso könnte man Sklaverei oder Zweigeschlechtlichkeit als Naturerscheinungen beschreiben.

Sklaverei oder … was? Moment, was heißt das jetzt? Wikipedia leitet mich bei der Suche nach „Zweigeschlechtlichkeit“ weiter zu Hermaphroditismus und erklärt:

Hermaphroditismus (gr. von Hermes und Aphrodite), Zwittrigkeit oder Zwittertum bezeichnet in der Biologie das Vorkommen von doppeltgeschlechtlichen Individuen, also Individuen mit männlicher und weiblicher Geschlechtsausprägung und die sowohl männliche als auch weibliche Keimzellen bilden, bei einer Art.

Klingt für Normalsterbliche ziemlich stark nach einer Naturerscheinung, oder? Oder meint sie jetzt dieses Heteronormativitätsdings? Behauptet also, dass die Existenz von zwei Geschlechtern keine Naturerscheinung ist? Sorry, aber die Existenz von zwei Geschlechtern, die sich in gewisser Weise komplementär zueinander verhalten und aufeinander bezogen sind, hat in den letzten paar Milliarden Jahren die Evolution und Fortpflanzung unserer Art ermöglicht und tut das auch bei anderen Arten. Das ist so evident wie irgend etwas nur sein kann, was natürlich nicht heißt, dass die kulturbedingt verschiedenen Rollen, die sich dann an diesen Geschlechtern festmachen, Naturerscheinungen wären. Aber wenn die Existenz von zwei Geschlechtern, die sich in gewisser Weise komplementär zueinander verhalten und aufeinander bezogen sind, keine Naturerscheinung ist, dann gibt es keine Naturerscheinungen.

Und dann die „Analogie“ Prostitution – Sklaverei – Zweigeschlechtlichkeit. Das könnte man höchstens unter der Frage „Was gehört nicht in diese Reihe?“ in einen IQ-Test aufnehmen, was aber witzlos wäre, weil jede Antwort richtig wäre, zumal nachdem schon konzediert ist, dass wir unter „Prostitution“ freiwillige Prostitution verstehen. Srsly, whatabouttehcommonsenz?

Und das schließt den Kreis zu den kurzen Überlegungen zur argumentativen Haltung und Situation von Feministinnen am Anfang. Dass jemand etwas dermaßen der härtesten Evidenz, die man sich überhaupt vorstellen kann, Widersprechendes einfach so in den Raum hineinbehauptet, ist erklärungsbedürftig. Und ebenso die Tatsache, dass überhaupt jemand den Text nach dieser Stelle noch weitergelesen hat. Ich habe es nicht.

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