In der jüngsten SpOn-Kolumne von Silke Burmester geht es gar nicht um Männer, Frauen, Feminismus, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Patriarchat oder Gewalt. Eigentlich geht es um gar nichts um das Wort „Achtsamkeit“ und die Empfindungen der Autorin, die damit einhergehen. Irgendwelche Sprachmoden dieser Art sind ja immer leichte Ziele für Glossen und Kolumnen; man kann zetern und schimpfen, niemand braucht sich direkt angesprochen zu fühlen und alle können sich gemeinsam darüber auskotzen, wie blöd die Leute sind. (Wirklich, die Leute sind das Schlimmste; wenn irgendwann mal der Konsens als solcher ausstirbt, wird er in diesem Punkt vermutlich am längsten überlebt haben.)

Und weil es eine so launige, weglesbare, egale Gefühlskolumne ist, fliegt die männerfeindliche Demagogie, die sie enthält, völlig unterm Radar. Wenn sie die These, dass Männer von Natur aus und universell Täter und Frauen von Natur aus und universell Opfer seien, wenigstens als solche formulieren und begründen würde, könnte man sich damit auseinandersetzen, die Begründung und Beweisführung prüfen, kritisieren, widersprechen. Aber natürlich ist es nicht möglich, eine so pauschale These ernsthaft aufrecht zu erhalten. Stattdessen kann man aber einfach so tun, als wäre daran gar kein Zweifel möglich. Dann muss man nichts belegen, bietet keine Angriffsfläche für sachliche Kritik und kann die Auffassung verbreiten, ohne sie wirklich vertreten und verantworten zu müssen. Die Stelle lautet so:

Gegen die Achtsamkeit an sich ist also wenig zu sagen – und wie so viele gute Dinge ist sie auch nicht neu. Ihre letzte große Zeit hatte sie in den achtziger Jahren, als sie im „Hallo, ich bin der Jens“-Gewand daherkam. Auch damals hat man sehr viel in sich hineingehorcht und das, was man dort hörte, war Teil des großen Miteinanders. „Du, ich finde das ganz schön gemein, dass du deinen Frust so an der Jenny auslässt. Das macht mich echt total traurig!“ Ja, so hat man damals gesprochen und es hat einen auch ganz schön weitergebracht. Endlich konnten sich auch mal Männer in Gesprächsgruppen zusammenfinden, etwa weil sie ihre Frauen vermöbeln und sich darüber austauschen, was das mit ihnen macht. Oder Frauen darüber sprechen, wie es sich anfühlt, dass der Jens immer mit seiner WG-Bewohnerin pennt, wenn man beim Selbstverteidigungskurs ist.

Erstmal lässt Jens seinen Frust an der Jenny aus, und niemand stoppt ihn. Dann kommen die Männer, die an Selbsthilfe- oder Therapiegruppen teilnehmen, weil sie ihre Frauen vermöbeln: Das heißt, wenn Männer tatsächlich mal seelische oder emotionale Probleme haben, dann müssen das Probleme sein, die aus ihrer Täterschaft entstehen. Männer haben keine echten, legitimen Probleme, die Aufmerksamkeit und Bemühungen um Abhilfe verdient hätten. Frauen hingegen müssen sich darüber sorgen, dass „der Jens“ sich daneben benimmt. Und als I-Tüpfelchen noch der Selbstverteidigungskurs. Suggestion: Ohne fortgeschrittene Nahkampftechniken kommt eine Frau gar nicht lebend über die Straße.

Es gibt hier eine Aufstellung von 286 Studien aus verschiedenen Ländern über Frauen als Täterinnen in Fällen häuslicher Gewalt; Studien, die darauf hinweisen, dass Frauen in Partnerschaft und Familie mindestens so gewalttätig oder sogar noch gewalttätiger sind als Männer.

Wie die Zahlenrelationen im Einzelnen auch sein mögen – das Kind ist hier eigentlich schon in den Brunnen gefallen, und das ist generell ein Problem der Männerrechtsbewegung, denn sobald man mit solchen Studien argumentiert, lässt man sich auf die unfruchtbare und destruktive Machtmengenlehre der Feministinnen ein. Wenn wir darüber streiten, welches Geschlecht häufiger Täter oder Opfer ist, welches Geschlecht schlimmer ist, welches Geschlecht mächtiger ist, dann enden wir in gegenseitigen Beschuldigungen, mit denen wir immer auch eine Mehrheit Unschuldiger beschuldigen, statt uns wirksam und ernsthaft um Menschenrechte und Menschenwürde zu kümmern, und vor allem stimmen wir dann stillschweigend dem Unsinn zu, dass alle Männer auf der einen und alle Frauen auf der anderen Seite je eine gesellschaftliche Gruppe bilden, deren Mitglieder einander so ähnlich sind oder derart miteinander in Verbindung stehen, dass sie so etwas wie eine Kollektivschuld tragen könnten oder als Gruppe einen sozialen Akteur darstellten.

Männer, das heißt alle Männer zusammengezählt, haben „mehr Macht“ als alle Frauen zusammengezählt. Deswegen brauchen Frauen eine Frauenbewegung, einen Kampf für Frauenrechte, Frauenquoten, Initiativen gegen Gewalt gegen Frauen usw., und Männer brauchen: gar nichts. Und die überlegene Machtstellung der Männer ist ja überall sichtbar. Keines der Top-30-DAX-Unternehmen wird von einer Frau geführt! Der Bundestag zu soundsoviel Prozent männlich! Und so weiter.

Aber was heißt das jetzt konkret für leibhaftige Menschen? Was hat ein Mann, der geschlagen oder vergewaltigt wurde, davon, dass die Top-30-DAX-Unternehmen von Männern geführt werden? Kann ein Mann, einfach weil er ein Mann ist, jederzeit Ackermann anrufen, und der schickt dann die Männer-Kavallerie? Was hat ein Mann, der gemobbt wird, gefeuert wird, auf Hartz IV ist, obdachlos ist etc., davon, dass die Bundestagsmehrheit männlich ist? Was hätte umgekehrt eine Frau in Notlage davon, wenn die Hälfte der Top-30-DAX-Unternehmen von Frauen geführt würde? Das wäre vielleicht (aber auch nur vielleicht, denn bei weitem nicht jede/r will so einen Job) schön für die 15 DAX-Unternehmens-Chefinnen. Aber für die anderen Frauen? Die große Mehrheit der Frauen mit alltäglichen Problemen?

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(Don’t mention it; you didn’t)

Die Machtmengenlehre ist gesellschaftsblind und menschenfeindlich. Sie präsentiert Gesellschaft als aus zwei feindlichen Gruppen mit unvereinbaren Interessen zusammengesetzt. Entspricht das der Realität? Wenn man sich mal in der eigenen Umgebung umschaut statt nur im eigenen Ideologie-Wildwuchs? Sieht man da Männer, die Geld und Macht aufhäufen und Frauen unterdrücken, schlagen und vergewaltigen, oder sieht man nicht vor allem Männer und Frauen, die befreundet sind, als Kollegen gut zusammenarbeiten, sich lieben, sich gleichermaßen bemühen und abrackern, um ihren Kindern ein gutes Leben zu bieten? Wie wäre es, denen das zu danken, statt einander zu misstrauen und anzuklagen? Sieht man Männer, die auf jede Frau, die ihnen vorgestellt wird, erstmal herab bzw. ihr auf den Arsch schauen, und Frauen, die erstmal eingeschüchtert und ängstlich sind, wenn ein fremder Mann reinkommt, und sich gar nichts zu sagen trauen – oder nicht doch öfter Männer und Frauen, die einander einfach normal und höflich als individuelle Personen gegenübertreten? Ist man pauschal und automatisch neidisch auf jeden, der mehr verdient oder eine höhere Position hat? Ist jeder, der mehr verdient oder eine höhere Position hat, ein Ausbeuter und Unterdrücker? Muss man da wirklich gar nicht differenzieren, was jemand mit seiner Macht (oder aufgrund seiner Machtlosigkeit) anstellt? Wenn man eine gerechtere Welt will, wären dann nicht die wirtschaftlich und militärisch begründeten Ungleichheiten unter den Menschen der erste Ansatzpunkt? Brennt es nicht da am meisten, ist nicht da die Ungleichheit am größten und am brutalsten? Ist der Drohnenkrieg der USA besser, da er von Obama geführt wird, als wenn er von Romney geführt würde? Wäre er noch besser, wenn er von Hillary Clinton geführt würde? Und dann noch einmal besser, wenn die lesbisch wäre? Warum ist es wichtig, welches Geschlecht an den Ärschen mit dran ist, die diese Dinge tun? Was häusliche Gewalt angeht, kann sich keiner von uns direkt selbst überzeugen, weil wir nicht wissen, was die Leute(TM) in ihren Wohnungen machen. Studien sagen uns, Männer sind Täter, und Studien sagen uns, Frauen sind Täter, und beide sind Opfer, und Kinder sind Opfer. Wollen wir einander nun grundsätzlich misstrauen? Oder nicht doch bei der Unschuldsvermutung (ja, ich bekenne mich zum RotzRotz Pride!) bleiben, und wenn es zu einem Unrecht kommt, gegen den Täter und für das Opfer einschreiten, ohne den Fall als ideologische Waffe gegen die halbe Menschheit zu richten?

Wenn man die Menschenrechte ernst nimmt, sind Frauen darin inbegriffen. Wer meint, dass Männer eigentlich gar keine Rechte oder Würde brauchen, weil es ja eine Elite von Ackermännern gibt, denen es materiell an nichts fehlt, der hat offensichtlich einen Kurzschluss im Hirn und nicht begriffen, was Menschenrechte sind und warum es sie gibt, von Ernstnehmen ganz zu schweigen.

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