Als „politisch engagierte, lesbische Feministin mit einer Neigung zum Jammern“ beschreibt Wikipedia die Dame, der wir den Bechdel-Test verdanken. Sie heißt Mo und ist Protagonistin der Comicreihe „Dykes to watch out for“, die Alison Bechdel in den 80ern veröffentlicht hat. Im betreffenden Strip erklärt Mo ihrer Freundin, dass sie nur Filme sehen möchte, in denen mindestens zwei Frauen vorkommen, die mindestens ein Gespräch miteinander haben, das sich nicht um Männer dreht. Seither verwenden Feministinnen den Test, um den „gender bias“ von Filmen aufzuzeigen. Und in diesen Tagen wird nun mit Verweis auf einen Guardian-Artikel herumgetwittert, dass Schweden diesen Test als Filmrating einführe. Um ein A-Rating zu bekommen, müsse ein Film dieses Kriterium erfüllen.

Also ist es in Schweden jetzt offizielle Politik, alle Filme daraufhin zu testen, ob sie auch einer politisch engagierten, lesbischen Feministin mit Neigung zum Jammern gefallen würden?

DUDE... Wait, what? - LOLcats from IcanHasCheezburger.com

Nein, nicht ganz. Denn nicht „Schweden“ führt dieses Filmrating ein, sondern, wie der Guardian in einem anderen Artikel nochmal betont, „just a few cinemas creating publicity“. Vier Kinos, um genau zu sein, sei es auch mit „Unterstützung“ durch das staatlich finanzierte Filminstitut, was auch immer „Unterstützung“ in diesem Fall bedeutet.

Nicht immer scheint dieser Unterschied klar zu sein; jedenfalls wird jetzt gejubelt:

@HuffingtonPost
Sweden’s new movie-rating system is pure genius [Link]

@sankles
Let me try that spelling again…Sweden are implementing the Bechdel Test in their cinemas!  Fantastic!

@Scarlaxis
Imagine the backlash if we did this in the U.S.

@ZainabSalbi
From @guardian, Swedish cinemas take aim at gender bias with Bechdel test rating. You go girls! [Link]

@nanayasleeps
Sweden to provide Bechdel film ratings RT @girlonetrack Finally, an article that makes me very happy. Yes. YES. YES!!

@Hecate_Theatre
And rightly so! More please! [Link] #feminism #bechdel

@HadleyFreeman
Love this: @TheBechdelTest as a movie ratings system [Link]

@antjeschrupp
Schweden führt den Bechdel-Test als Film-Rating ein ❤ – [Link]

Wir können also erst mal feststellen, dass die Publicity-Aktion besagter vier Kinos ganz gut funktioniert hat, obwohl das internationale Twittervolk eher nicht so oft in Stockholm ins Kino gehen dürfte. Davon abgesehen keine große Geschichte.

Wenn da nicht der beunruhigende Umstand wäre, dass viele Leute so ein Filmrating offenbar begrüßen würden. Es begrüßen würden, wenn der Staat allgemeinverbindlich nach politischen Kriterien die Qualität von Kunst bewerten würde. Das ist was ganz anderes als die bekannten Ratings, bei denen es um Jugendschutz geht. „Rated ‚R‘ for language, nudity and violence“ zum Beispiel; nicht „Rated ‚R‘ for liberal bias and cultural pessimism“. Die Jugendschutz-Ratings mögen prüde sein und öfter mal daneben liegen, aber sie beruhen auf der Annahme, dass es schädlich sein kann, in zu jungem Alter gewisse Dinge zu sehen, eine Annahme, die im Grundsatz wohl niemand bestreiten würde. Es geht darum, Schaden vom Zuschauer abzuwenden, nicht darum, Filmemacher zu drängen, eine vom Mainstream oder von der Regierung gewünschte Politik zu vertreten.

„Aber der Bechdel-Test verlangt doch gar nicht, dass irgendeine Politik vertreten wird, er verlangt nur, dass Gesellschaft angemessen abgebildet wird!“

Ja, aber nein, es ist auch nicht Aufgabe des Staates oder irgendeines Gremiums, und auch nicht die Aufgabe von Kinobetreibern, Filme daraufhin zu kontrollieren, ob sie Gesellschaft „angemessen“ abbilden. Künstler bilden Gesellschaft so ab, wie sie wollen, und haben Erfolg, wenn sie damit ein Publikum finden. Der Staat hat einzuschreiten, wenn sie damit Rechte verletzen, und sich sonst rauszuhalten.

Und was heißt eigentlich „angemessen“ oder „repräsentiert“ oder „gender bias“? Feministinnen sollte bekannt sein, dass Frauen auch in der Realität nicht überall eins zu eins vertreten sind, zum Beispiel in Führungspositionen. Wenn sie jetzt in Filmen trotzdem eins zu eins vertreten sein sollen, ist das keine Abbildung der Gesellschaft, wie sie ist, sondern ein Bild der Gesellschaft, wie Aktivistinnen sie gern hätten. Also wie jetzt? Sollen Filme die Gesellschaft abbilden oder eine Zielgesellschaft entwerfen? Und wenn letzteres, alle dieselbe?

Was abgesehen von der Missachtung fundamentaler Prinzipien einer freien Gesellschaft und freiheitlichen Verfassung an dem Rating und dem Jubel darüber deprimierend ist, ist mal wieder die Eliminierung jeder Frage nach Lebensqualität und der Qualität menschlicher Beziehungen. Es wird nicht gefragt, was für eine Geschichte der Film erzählt, welche Werte er vertritt, ob er ein Nachdenken inspiriert oder den Horizont erweitert und in welcher Richtung. Nein, es werden einfach Nasen gezählt. Weibliche Nasen versus männliche Nasen. Möglichst viele weibliche Nasen! – das ist heute als Kunstkonzept und politisches Programm hinreichend.

Befürworterinnen des Tests weisen sogar regelmäßig darauf hin, dass dieser kein Anzeiger der Qualität eines Films ist. Zum Beispiel Ellen Telje, an der Aktion beteiligte Kinobetreiberin aus Stockholm, laut Guardian:

Beliefs about women’s roles in society are influenced by the fact that movie watchers rarely see „a female superhero or a female professor or person who makes it through exciting challenges and masters them“, Tejle said, noting that the rating doesn’t say anything about the quality of the film. „The goal is to see more female stories and perspectives on cinema screens,“ he added. [„he?“]

Nicht mehr Qualität. Mehr Nasen! Das Kriterium „makes it through exciting challenges and masters them“ ist anscheinend durch ein Gespräch mit einer anderen Frau erfüllt. Ja, Weiber sind anstrengend! Aber Scherz beiseite. Der Test erfasst also nicht Qualität, sondern Feminismusgrade? Nein, auch nicht. Natürlich kann ein Film, in dem sich irgendwelche zwei Frauen über irgendwas anderes als einen Mann unterhalten, diese Frauen als dämliche Tussies darstellen und extrem frauenfeindlich sein, und natürlich kann ein Film eine starke, vorbildliche, inspirierende Heldin haben, die keinen Dialog mit einer anderen Frau hat.

Der „gender bias“ in Filmen ist zweifellos real, wenn man das so nennen will. Ein „gender bias“ ist das aber nur, wenn man die Annahme zugrundelegt, dass Frauen in Filmen gleichermaßen repräsentiert sein müssten. Aber wo nimmt man dieses Müssten her?

Wir können ziemlich sicher sein, dass die Erzeuger der immer teurer werdenden Hollywoodfilme eine ganz gute Vorstellung davon haben, was beim Publikum ankommt. Wenn sie die nicht hätten, würde kein Mensch so was finanzieren. Es gibt da jahrzehntelange Erfahrung, systematische Marktforschung und für den Fall, dass das nicht reicht, Vorabaufführungen neuer Filme vor einem Testpublikum. Vielleicht ist es Ihnen auch schon mal aufgefallen: Es gibt da so gewisse Strickmuster für einen großen Publikumsfilm. Ein Held muss klein anfangen, weil sein Kampf um was auch immer sonst nicht spannend wäre. Eine Liebesgeschichte, die Hindernisse zu überwinden hat. Konfrontationen zwischen Gut und Böse. Gewissenskonflikte zwischen Moral und Versuchung. Jemand lernt eine schwere Lektion und ist am Ende weiser. Jemand ist gezwungen, sich seinen Ängsten oder sonstigen inneren Konflikten zu stellen. Jemand wächst über sich hinaus. Jemand gerät auf die schiefe Bahn und findet im letzten Augenblick seinen Glauben wieder und kehrt um.

Diese Dinge. Sie sind geeignet und müssen das sein, ein Publikum anzusprechen, das sich aus Menschen zusammensetzt, die sehr verschiedene Geschmäcker, Bildungshintergründe und kulturelle Kenntnisse mitbringen, aus verschiedenen Regionen, Kulturen, sozialen Schichten und Gruppen etc. Solche Geschichten sind insofern Klischees, was sie sein müssen, um für ihr diverses Publikum anschlussfähig, konsensfähig zu sein; aber man kann das auch positiv ausdrücken und sagen, es sind Grundfragen und -konflikte des Lebens, die in der einen oder anderen Spielart für jeden interessant und relevant sind.

Und vielleicht funktionieren diese Erzählungen über allgemeine Aspekte und Probleme menschlichen Lebens ganz gut mit männlichen Protagonisten? Auch für weibliche Zuschauerinnen? Wäre das denn zwingend so schlimm?

@waterslicer
Wherein theaters in Sweden adopt the Bechdel Test and I realize half the movies I love wouldn’t pass. Sigh.

Diese Frau fühlt sich jetzt anscheinend niedergeschlagen, weil die Filme, die sie liebt, an dem Test scheitern und ihr nun problematisch erscheinen. Muss das so sein, muss sie sich jetzt schlecht fühlen? Ist es schlimm, dass sie diese Filme mit männlichen Helden liebt, macht sie das zu einer schwachen, dummen, unterdrückten Frau? Schadet es ihrer Karriere oder Lebensqualität? Warum soll eine Frau nicht mit den Konflikten eines männlichen Helden mitfiebern können; kommt die menschliche Empathie heute nicht mal mehr über den gender gap hinweg? Oder wenn sie die andere Position einnimmt – ist es schlimm, wenn eine Frau davon träumt, in einer Notlage von George Clooney gerettet zu werden? Es geht hier doch um Träume, Sehnsüchte, Ängste; ist es wirklich gesund, das politisch auf Linie bringen zu wollen, ist es nicht illiberal und herzlos gegenüber den Menschen, denen diese Filme etwas geben? Warum kann eine heterosexuelle Liebesgeschichte für Lesben und Schwule nicht interessant sein – es geht doch um Liebe und nicht um Geschlechtsteile und Sexpraktiken? Ist die Liebe von anderen komplett irrelevant und nicht nachvollziehbar, wenn sie nicht genau so formatiert ist wie die eigene? Sind wir so narzisstisch, im Kino nur uns selbst sehen zu wollen?

Umgekehrt bilden übrigens männliche Helden, weil sie eben Helden sind, auch die Lebenswirklichkeit von Männern nicht ab. Wenn ein Mann sich Spiderman anschaut, bekommt er davon nicht das Gefühl, dass er selbst ein Held ist, sondern bekommt eher vorgeführt, dass er keiner ist. Er kann nicht all diese Dinge tun wie der Held, er sieht nicht so gut aus, er ist nicht mehr so jung, er muss aufs Klo und er hat starke Zweifel, dass er so kühne Entscheidungen treffen und sein Leben riskieren würde, um anderen zu helfen. Es geht da nicht um Abbildung von Realität. Wenn man die Realität abbilden will, reicht es, eine Kamera in die Fußgängerzone zu stellen und nach einer halben Stunde wieder abzuholen. Aber das würde sich niemand angucken, weil jeder selbst in die Fußgängerzone gehen kann. Im Film, vor allem im großen Film, geht es um Mythen.

Es spricht überhaupt nichts gegen mehr Heldinnen im Kino. (Wobei ja dann allerdings als nächstes gefordert wird, dass die nicht zu sexy sind, nicht zu freundlich zu Männern, mit nicht zu männlicher Kamera gefilmt usw.) Aber wir sollten sehr genau darüber nachdenken, bevor wir unsere großen Geschichten und Mythen einem kalten, quantitativen, beziehungsblinden Nasenrepräsentationsrealismus opfern. Vielleicht transportieren diese Geschichten dann doch mehr, was für eine Kultur einschließlich ihrer Frauen wertvoll ist.

Nachtrag abends: Kurz nach Veröffentlichung dieses Artikels brachte das für Gender/Feminismus zuständige „Der die das Blog“ von Süddeutsche Online die Story nach Deutschland. Hier ein Überblick über die Reaktionen bei Rivva. Die Autorin hyperventiliert ein wenig – was man zum Beispiel daran sieht, dass bei ihr die ganze Sache mit dem Rating wegfällt und es stattdessen (im Tweet) einfach heißt:

Vier schwedische Kinos zeigen nur noch Filme, die Frauen ernst nehmen.

Das wäre natürlich erst richtig super, wenn alle Filme, die den Bechdel-Test nicht bestehen, einfach wegzensiert würden, statt nur einen Makel offizieller Missbilligung aufgeklebt zu kriegen. Wenn die Wahrheit schon entschieden ist, würde Kunstfreiheit nur unnötig verwirren.

Advertisements