Im Juni 2012 wurde eine junge Frau aus Kanada, die ankündigte, ein paar Videos über Frauen in Computerspielen zu produzieren, zum Opfer eines Tsunamis von hate speech, ungezügeltem und gewaltvollem Frauenhass, hauptsächlich auf Youtube. ’she needs a good dicking‘ gehört noch zu den freundlicheren Formulierungen, berichteten Wikipedia und FAZ gleichlautend. Und das stimmt. Hier ein paar von den richtig schlimmen:

This has the potential to be an interesting, but I have a question: Most people on the internet would do this series free of charge. People like the Game Overthinker have touched on women in video games and I assume one could do something like he does, except focus the entire show on the subject, not just one episode. So why are you taking money from people for something lots of other people could do for free?

Weiter geht es mit brutalstmöglichem Victim Blaming:

Honestly the best part about this is that the only people who agree with her are other feminists. No logical human being would consider anything she’s talking about „a problem“. You want a problem? Look into world hunger, cancer, murder, war, etc. THOSE are problems. Your obsession with the fact pixels and polygons are portrayed „sexually“ is NOT a problem. Get over yourself.

Bis hin zu rücksichtslosen Versuchen, das Opfer zu einem Dialog zu nötigen:

The feminist solution to everything: don’t bother reading people’s comments and actually think about what they’re expressing and why your idea might be wrong, just say „trolls“

Was war geschehen? Anita Sarkeesian, Betreiberin einer Webseite und eines Youtube-Kanals namens „Feminist Frequency“, hatte auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter einen Spendenaufruf eingestellt. Sie wolle 6.000 Dollar sammeln, hieß es darin, um fünf Videos zum Thema „Tropes vs. Women in Video Games“ zu produzieren. („Tropes“ sind so etwas wie Klischees.) Der Aufruf erntete auf der einen Seite einen Shitstorm an Kommentaren auf Youtube und anderswo, auf der anderen Seite aber auch ein fantastisches Spendenaufkommen, dies wahrscheinlich nicht zuletzt als Reaktion auf die beginnende Berichterstattung über die heftige Reaktion der Gamer-Gemeinde. Das Spendenziel war nach einem Tag erreicht und überschritten. Sarkeesian ließ die Spenden weiterlaufen und versprach dafür sieben weitere Videos, eine verbesserte Produktionsqualität und ein „classroom curriculum“ über Frauen in Videospielen. Nebenher veröffentlichte sie einen Screenshot der „hate speech“ auf Youtube, dem die obigen Kommentare entnommen sind, und deutete die Reaktionen als wichtige Bestätigung ihrer Auffassung, dass es im Gaming ein schwerwiegendes Sexismus-Problem gebe. Die Medien liebten sie und kotzten sich über das barbarische Gamer-Volk aus.

Der „dicking“-Kommentar ist übrigens der dritte auf dem Screenshot. Der erste ist ironisch sexistisch und trägt ein Argument vor, der zweite vertritt sachlich eine abweichende Meinung:

Ist es zu spekulativ, daraus zu schließen, dass FAZ und Wikipedia oben angefangen haben, an dritter Stelle etwas gefunden haben, das unter der Gürtellinie ist, und dies herausgegriffen und als zu den „noch freundlicheren Formulierungen“ gehörendes Beispiel verwendet haben? Hm …

Knapp anderthalb Jahre später jedenfalls, also jetzt, ist ihr Kickstarter-Projekt immer noch offen, auch wenn der Spendenstand kaum noch steigt. Er liegt bei 158.922 Dollar. Die von mehreren Kommentatoren gestellte Frage, warum sie Tausende Dollar braucht, um Szenen aus Videospielen zu kommentieren, was etliche Youtuber nebenher und regelmäßig machen, blieb unbeantwortet. Für „research“, hatte sie gesagt, obwohl die Titel der geplanten Videos verraten, dass sie eigentlich schon genau wusste, welche Ergebnisse ihre Videospiel-Forschung erbringen würde. Auch in anderer Hinsicht sind mit der Zeit die Gründe, nach der Verwendung des Geldes zu fragen, nicht geringer geworden. Von den angekündigten 12 Videos ist in den anderthalb Jahren, die vergangen sind, erst eins erschienen, „Damsel in Distress„, aufgespalten in drei Teile. Ein Blogger wies unter Angabe von Belegstellen darauf hin, dass die Computerspielszenen, die sie darin verwendet, zu einem erheblichen Teil aus Videos von anderen Youtubern geklaut sind. Jemand anderes (Video) entdeckte einen Mitschnitt eines Seminars, das sie mal gab, wo ihre Aussagen zu denen im Rahmen ihrer Kickstarter-Kampagne merkwürdig quer stehen. So sagte sie damals vor Studenten:

[…] I’m doing video games. It’s not exactly a fandom, I’m not a fan of video games. I actually had to learn a lot about video games in the process of making this. […] And also, video games, I would love to play video games, but I don’t want to go around shooting people and ripping off their heads, and it’s just gross.

Nachdem die Kickstarter-Geschichte lief, formulierte sie das, äh, etwas anders:

[…] I still love them. I think games are really where we’re going. […] Video games are so interesting and engaging and interactive. […] I’m a gamer and I enjoy games. […] I love games, I’m a fan of games.

Sie sind einfach ekelhaft. Genauer gesagt, ich liebe sie. Wo soll ich unterschreiben?

Das Interessante an dem Fall ist weniger die Einzelperson Sarkeesian als der Umgang der Öffentlichkeit damit. Warum steigen ihr eigentlich weiterhin nur die Gamer aufs Dach und nicht die Spender? So weit sich jedenfalls sehen lässt, haben außer ihnen so gut wie alle die Geschichte so übernommen: Junge Frau macht was Tolles, Kreatives, Engagiertes, Wichtiges, und eine Horde Gamer-Orks, die sich erst noch aus der Steinzeit herauskämpfen müssen, überziehen sie mit Beschimpfungen und sexualisierten Gewalt- und Todesdrohungen, weil sie es nicht ertragen, wenn eine Frau überhaupt etwas macht. (Merkwürdigerweise scheinen online verschickte Gewalt- und Todesdrohungen, wie sie Sarkeesian auf der Screenshot-Seite und anderswo behauptet massenhaft erhalten zu haben, sich nach Lektüre immer wieder selbst zu zerstören, denn irgendwie gibt es dafür nie Belege. Den veröffentlichten Screenshots lassen sich jedenfalls keine Bedrohungen ihrer Person entnehmen.) Doch immerhin ein paar leise Stimmen gibt es, die die Geschichte anders erzählen. Zum Beispiel eine Entwicklerin von Computerspielen, die sich darüber Gedanken macht, warum die Reaktionen, auch die von Frauen, oft negativ waren (Video):

I think she’s spot-on about the symptom […] because there are very few female characters, very few female protagonists, and the ones that are there are usually underdeveloped and weak, that’s true. […] But I think the problem is, the implications she’s making are very, very harsh, because she’s implying that the game developers are sexist themselves, that they think less of women, that they think women are less capable, and by using the term „misogyny“ she’s implying that they even go as far as to hate women. And this is a really serious accusation, it’s very insulting for someone to hear, even if it’s not said directly. Especially because it’s not said directly, it’s kind of implied. And it’s kind of hurtful to people to hear that. I personally think that even, you know, the nastiest trolls that she’s getting don’t hate women. They, deep inside, would probably love to have, you know, a wonderful female companion to share their video game passion with. They might just not have the social skills to do it, yet, and they don’t communicate themselves very well. But I don’t think any of the game developers really hate women.

Danke, danke, danke. Das ist wirklich zum Aufatmen und enthält viele wichtige Punkte. Vor allem den, ein bisschen ans Licht zu rücken, was Sarkeesian da eigentlich getan hat. Sie geht auf Youtube, mitten ins Herz der Computerspiele-Subkultur, wo sich Leute tummeln, die sich mit großer Leidenschaft und Hingabe damit beschäftigen. Sie kommt als Außenstehende dort hin, auch wenn sie behauptet, sie sei Gamerin. Sie ist nicht als Gamerin bekannt und auch nicht glaubwürdig. (Die ‚hate speech‘ auf Youtube enthält auch einige Male den Hinweis, dass der Controller, mit dem sie sich beim Spielen filmt, nicht an ist.) Sie ist als Feministin bekannt. Sie stellt sich also als Feministin in die Gamer-Kultur, macht mit überlegen wissendem Lächeln allen dort Aktiven schwere Vorwürfe, kündigt an, sie demnächst über ihre Fehler zu belehren, wobei „Fehler“ heißt, moralische Fehler, und ihre gesamte Kultur einer rigorosen Kontrolle und Beurteilung zu unterziehen, wobei ausschließlich ihr selbst die Rolle der Richterin zukommt. Und bittet dafür um Geld.

Haben Sie mal am ersten Tag als neuer Mitarbeiter in einer Firma angefangen, die Kollegen darüber zu belehren, was sie alles besser machen könnten und moralisch eigentlich müssten? Wie waren die Reaktionen?

Aber es ist noch schlimmer. Sie macht den Gamern noch nicht einmal wirklich einen Vorwurf, die es übrigens gewohnt sind, von Leuten, die nichts von Computerspielen verstehen, pauschal als Liebhaber von Vergewaltigungs- und Mordphantasien verleumdet zu werden, also als pervers und gefährlich – denn einen direkten Vorwurf sind sie ihr gar nicht wert. Stattdessen stellt sie sich in ihre Mitte und redet und urteilt über sie.

Haben Sie mal über jemanden geredet und geurteilt, als wäre er gar nicht da, der daneben stand? Wie waren die Reaktionen?

Dies ist der einzige Kommentar von Sarkeesian selbst auf dem Youtube-Screenshot:

PLEASE NOTE: I’ve left the comments open on this video as a way of showing why this topic is so important. I apologize in advance for the hate speech and ignorance that will inevitably be left below. So don’t feed the trolls – except maybe to thank them for proving to everyone that sexism in gaming is indeed a huge problem. [TRIGGER WARNING]

Als ob sich jemand für ein Rattenproblem in einer Lagerhalle entschuldigt. Sie redet über die Köpfe der Kommentierenden hinweg zu einem imaginären Publikum von guten Menschen, mit denen sie sich darüber einig ist, dass jene keine Menschen in dem Sinn sind, dass man mit ihnen kommunizieren kann, oder vielleicht sogar muss, wenn man in ihre Kultur eingreifen möchte. Viele der „Trolle“ beschweren sich denn auch genau darüber, siehe Zitat ganz oben. Ja, es gibt die vulgären und beleidigenden, aber die sind in der Minderheit, und ja, das ist so auf Youtube, und betrifft nicht nur Frauen. (Neulich gab es ein Q&A mit Eminem auf Facebook. Erste Frage: „What’s your favourite Mexican food mother fucker?“ Antwort: „taco’s bitch!“) Daneben wird vieles gesagt, was durchaus eine sachliche Kritik ist – auch wenn hier und da ein „fucking“ im Sinne von „verdammt“ eingestreut wird. Man kann darüber streiten, ob ein eingestreutes „fucking“ schlimmer ist als ein Kommunikationsverhalten, das oberflächlich freundlich ist, aber mit selbstzufriedener Selbstverständlichkeit den Status der Gemeinten als menschliche Subjekte leugnet.

Dieselbe Attitüde, die man angelsächsisch treffend als high and mighty beschreiben kann, prägt die Erwähnung des Falles bei der Mädchenmannschaft, wo tatsächlich vorsichtig und schüchtern etwas Differenzierung in den Kommentaren aufscheint und aber schnell dafür gesorgt wird, dass die nicht weit kommt. Ein Kommentator namens „totally stressed fan“ stellt seinem Fünkchen davon vorauseilend eine Schubkarre voll Beteuerungen zur Seite, wie Recht die Mädchen doch haben und wie gräuslich die Gamer doch sind – aber das reicht nicht. Youtube-Kommentare sollten, so schreibt er,

als das wahrgenommen werden, was sie zu 90% sind: als überflüssiger inet-dreck. dort schreiben oft viele (männliche) kiddies die schon aufgrund ihres alters extrem wenig ahnung haben, ich würd das also nicht zu voll nehmen. (auch wenn es damit natürlich trotzdem etwas über die gesellschaft aussagt, nicht das ihr mit eurem ekel unrecht hättet)

auch ich habe als mann mal gewagt längeres zur doch mindestens seltsamen rollenverteilung oder überhaupt physischen verteilung von frauen in videospielen zu schreiben und die reaktionen erinnerten an peinlichste orklager-kultur.
hier stechen femisten aller welt grad in ein lohnenswertes, kulturhistorisches bienennest, das selbst auch heute noch so gut wie nur von männern (re-)produziert wird. nur keine rücksicht!

„nur keine rücksicht!“ ist dort nicht radikal genug. Er wird zurechtgewiesen: Wenn eine Frau auf Youtube mit Vergewaltigung bedroht wird (was nicht geschehen ist), muss sie Angst haben, aus dem Haus zu gehen, und überhaupt erzeugt das alles ein Klima der Angst. Er  bleibt dabei, zu sagen, alles richtig und wichtig, aber vielleicht gibt man diesen Kommentaren damit, dass man sie ernst nimmt, gerade erst eine Macht, die sie eigentlich nicht haben und nicht haben sollten. Es wird ungemütlich:

Ich empfinde deine Kommentare als trivialisierend und bagatellisierend und insbesondere der gegenüber, die diesen Shitstorm aushalten muss(te).

Eine andere flankiert, doch doch, das ist ernst, eine Frau muss sich frei äußern können usw., und dann ein Machtwort:

Bitte nimm das an (nach drei Erklärungen) und gehe nicht von “eh wertlos” oder “kann man nicht für voll nehmen” aus.

Großartig, das sollten wir alle machen: Wenn wir jemanden in einer Diskussion „nach drei Erklärungen“ noch nicht überzeugt haben, sagen wir einfach: Bitte nimm das an!!!1! Denn die Wahrheit ist schon entschieden.

Natürlich muss eine Frau sich äußern können. Kann die hier fragliche ja auch. Sie bekommt sogar 158.000 Dollar dafür, eine (1) Stunde lang über Videospiel-Clips feministische Binsenweisheiten aufzusagen. Sie muss sich bloß im Klaren darüber sein, dass sie sich nicht in einem feministischen Schutzraum befindet, wenn sie in alle Richtungen rhetorische Kalaschnikoffs abfeuernd durch die große weite Welt marschiert. Beides gleichzeitig geht nicht.

Nachtrag: Siehe auch zu einem hier unterbelichteten Aspekt des Themas Erzählmirnix.

Nachtrag 20.11.: Vorgestern ist mit „Ms. Male Character“ eine weitere Folge von „Tropes vs. Women in Video Games“ erschienen. Und alle so: yeaahh! Laut dem ursprünglichen Spendenaufruf sollte das erst die fünfte Folge sein. Kein Statement zu der merkwürdigen Verzögerung, der Verwendung des Geldes und dem weiteren Zeitplan.

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