Im Jahr 1964 veröffentlichten Martin Orne und Karl Scheibe die Ergebnisse eines interessanten sozialpsychologischen Experiments, das sich als recht wirkungsvoll erwiesen hatte. „Die Wände des Raumes haben angefangen, zu wanken“, hatte ein Teilnehmer berichtet, „die Gegenstände auf dem Schreibtisch sind lebendig geworden und haben sich umher bewegt“ ein anderer, „das Summen der Neonröhre wurde abwechselnd lauter und leiser, so dass es zeitweise wie ein Pressluftbohrer klang“ ein dritter. Einer von zehn brach das Experiment wegen einer „Desorganisation der Sinne“ durch Betätigung des Notfallknopfes ab. „Diese Versuchspersonen erweckten den Eindruck, geradezu gefoltert zu werden“, kommentierten die Forscher.

Diese Folter sah so aus: Die (natürlich freiwilligen) Teilnehmer waren gebeten worden, sich je allein in einen kleinen Raum zu begeben, der mit einem Schreibtisch und zwei „bequemen Stühlen“ ausgestattet war, und dort eine Weile zu bleiben. Von draußen fiel Tageslicht in den Raum und es waren Verkehr und Vogelgesang zu hören. Auf dem Tisch befanden sich eisgekühltes Wasser zum Trinken, ein Sandwich und Zettel mit Zahlenreihen, die man addieren konnte, um sich die Zeit zu vertreiben. Dies war aber freiwillig. Alternativ konnte man sich umher bewegen, schlafen – auch wenn es den Anweisungen zufolge vorgezogen wurde, dass man wach blieb – oder auch gar nichts tun. Die Versuchsteilnehmer hielten sich vier Stunden lang in diesem Raum auf. Ihnen war gesagt worden, dass sie an einem Experiment zu den Wirkungen von Sinnesentzug teilnahmen.

Sinnesentzug ist eine ernstzunehmende, schwere Foltermethode. Das menschliche Gehirn ist normalerweise immer aktiv; auch wenn man nicht konzentriert denkt, arbeitet oder kommuniziert, verarbeitet es einen ständigen Strom von Sinnesreizen. Es kann schweren Schaden nehmen, wenn dieser Strom für längere Zeit unterbrochen wird, wie zum Beispiel in Isolationshaft, insbesondere wenn es dunkel ist, keine Geräusche hereindringen usw.

Die Situation der Teilnehmer dieses Experiments stellte keinen Sinnesentzug dar. Sie war nur etwas langweilig. Sie entwickelten trotzdem Symptome, weil sie erwarteten, Symptome zu entwickeln.

Es gab nämlich eigentlich zwei Gruppen von je zehn Versuchspersonen, die in einigen Details unterschiedlichen Bedingungen ausgesetzt waren. Die Situation im erwähnten Raum war dieselbe, mit dem einzigen Unterschied, dass eine Gruppe über einen „Notfallknopf“ („Panic Button“) verfügte, der bei den anderen fehlte. Diese wurden angewiesen, falls sie abbrechen wollten, einfach an die Scheibe in der Tür zu klopfen. Alle anderen Unterschiede lagen zeitlich vor dem Aufenthalt im „Isolations“-Raum. Die Mitglieder der Gruppe, in der die obigen Symptome auftraten, wurden von einem Mann im Kittel empfangen, der mit einer „Aura großen Ernstes und großer Wichtigkeit“ auftrat, die Teilnehmer über ihre Krankengeschichte befragte und wissen wollte, ob sie zu Schwindel oder Ohnmacht neigten. Als „Deko“ lag ein Tablett mit Medikamenten, medizinischen Instrumenten und der Aufschrift „Emergency Tray“ sichtbar auf dem Tisch. Die Anweisungen für den Aufenthalt im Raum enthielten die Aufforderung, nicht zu zögern, den „Panic Button“ zu benutzen, „wenn die Situation schwierig wird“. Desweiteren wurde diesen Teilnehmern versichert, dass für den Notfall ein Arzt in der Nähe sei. In der Kontrollgruppe fehlte dieses ganze medizinische Theater, und der Versuchsleiter empfing sie in normaler Alltagskleidung.

Die Suggestion einer ernsten Lage und zu erwartender medizinischer Probleme machte sich in den oben aufgezählten Symptomen bemerkbar. Sinnestäuschungen, Rastlosigkeit, Reizbarkeit, Unbehagen und Desorientierung traten in dieser Gruppe deutlich häufiger auf, und auch in einer Reihe verschiedener Tests kognitiver Fähigkeiten im Anschluss schnitt sie signifikant schlechter ab. Das Resümee der Beobachter:

While the control group [d.h. ohne Theater] seemed to alternate between quiet contemplation and work with numbers, experimental subjects seemed to fluctuate between periods of unpleasant restlessness and abstract, vague periods of total inactivity.

Das Experiment war, wenn man so will, ein Meta-Experiment. Es ging dabei um die Frage, inwieweit die Erwartungen, die Psychologen ihren Versuchspersonen absichtlich oder unabsichtlich mitteilen, diese beeinflussen. Dieser Effekt ist ein methodisches Problem für jedes Experiment mit Menschen, weil er darauf hinwirkt, dass Forscher genau die Ergebnisse bekommen, die sie haben möchten. Orne und Scheibe ging es um dieses Problem der experimentellen Methode.

Das heißt nicht, dass die Versuchspersonen die Symptome vortäuschen, also schauspielern, um den Forschern einen Gefallen zu tun. Das gibt es auch, aber die Wirksamkeit sozialer Erwartungen und Suggestion geht viel tiefer. Man denke an den Placebo-Effekt. Der Glaube an die Wirksamkeit eines Medikaments trägt erheblich zur Heilung echter, physiologisch unzweifelhafter und ernsthafter Krankheiten bei. Es gibt auch sein Gegenstück, den Nocebo-Effekt. Don’t try this at home:

Ein Mann, der zum Tode verurteilt wurde und auf seine Hinrichtung wartet, bekommt Besuch von einem Arzt, der ein Experiment vorbereitet hat: Er verbindet ihm die Augen, fesselt ihn an Armen und Beinen an sein Bett und ritzt mit einem Skalpell die Haut an Handflächen und Fußsohlen ein. Gleichzeitig sticht er kleine Löcher in Wasserbeutel, die er an den Bettpfosten angebracht hat. Mit dem Schnitt in die Haut beginnt das Wasser in Blechschüsseln zu tropfen.

Der Arzt stimmt einen monotonen Singsang dazu an, der immer leiser wird. Irgendwann tropft das Wasser nur noch langsam in die Schüsseln, und der Mann ist nicht mehr ansprechbar. Der Arzt vermutet, der Mann sei eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. Doch er irrt, der Verbrecher ist tot – gestorben an dem Glauben, dass er verbluten würde. Dabei hat er durch die kleinen Schnitte in die Haut nicht mal ein Schnapsglas voll Blut verloren.

Mit solchen Extremen haben wir es hier natürlich nicht zu tun, aber das Beispiel zeigt die Macht unseres Glaubens über uns und das destruktive Potential der Suggestion. Jemandem den Glauben zu geben, er sei schwach, krank, in Gefahr, scheint demnach eine ernste Sache zu sein. Das dürfte umso mehr gelten, wenn es nicht bei einer einmaligen Suggestion bleibt, sondern diese ständig durch Gruppenrituale und -sprache aufrechterhalten wird und man sich gegenseitig im Glauben an sie immerzu bestärkt.

Genau das scheint aber in feministischen Diskursen zu passieren. Es erinnert zum Beispiel doch stark an die drastischen Warnungen vor einer läppischen, harmlosen Situation im genannten Experiment, wenn man sich die Warnung es auf der Startseite von hatr.org anschaut und dann das, wovor da gewarnt wird, dagegenhält:

Die aufgerufene Seite beinhaltet nicht freigeschaltete Hass-Kommentare von u. a. feministischen und antirassistischen Blogs. Deren Inhalt kann stark triggern, d.h. traumatische Erinnerungen und Angst auslösen. Er ist schwer zu ertragen.

Darunter muss man noch per Häkchen bestätigen, dass man die Warnung zur Kenntnis genommen hat: Aura des Ernstes und der Wichtigkeit. Und dann ist man u.a. hiermit, öh, „konfrontiert“:

hahaha. ihr seid zu dumm, um auf meine kommentare was vernünftiges zu antworten, oder? naja, viel spaß noch mit eurem blog. dumm bleibt halt dumm.

Is zwar schon ein bisschen spät, aber was solls…
-Wo ist denn eure sog. Ungerechtigkeit in der deutsche Gesellschaft? Frauen haben es genauso leicht/schwer an Jobs zu kommen, bzw. Geld zu verdienen. [usw. usf.] Brauchen wir noch einen Feminismus? Nein brauchen wir nicht. Ihr nervt.

Lauter Rechtschreibfehler! Was soll dieses _innen immer mitten drin? Solche Worte gibt es in der deutschen Sprache nicht, da sollte vom einem Studenten doch etwas mehr erwarten können. BItte überarbeiten, dass ist ja peinlich.

„Das Machtgefälle im Geschlechterverhältnis ist also bereits in dieser Theorie eingeschrieben“ Nein. Ist es nicht. Die Mainstream-Ökonomie kennt kein Geschlecht.
Andernfalls bitte die entsprechende Quelle aufzeigen.

seid ihr eigtl doof?

Dies kann also „traumatische Erinnerungen und Angst“ auslösen und „ist schwer zu ertragen“?

Seid ihr eigentlich doof?

Auf Hatr.org gibt es zugegebenermaßen auch schlimmere Kommentare als diese, aber ich musste nicht suchen und habe die Beispiele alle der ersten Seite entnommen. Aber auch bei den Schlimmeren bezweifle ich, dass sie ein großes Traumatisierungspotential haben. Antisemitischer Scheißdreck zum Beispiel ist eben antisemitischer Scheißdreck. Ich würde ihn auch löschen. Aber schwer zu ertragen? Wenn man so etwas nicht erträgt, wie erträgt man dann ein Geschichtsbuch, eine Zeitung oder einen Dokumentarfilm über ein halbwegs ernstes Thema? Es kann natürlich alles traumatische Erinnerungen wachrufen, wenn es nun mal mit ihnen verknüpft ist, laut Wikipedia z.B. „ein Jahrestag, ein Geruch, eine Geste, ein Geräusch“. Darum kann es bei Triggerwarnungen kaum gehen. Sonst könnte man sie genausogut überall anbringen wie komplett abschaffen.

Hatr.org ist nur ein Beispiel, wo das Missverhältnis von drastischer Warnung und lächerlichem Anlass besonders komprimiert und eindeutig zu bestaunen ist. Aber dies betrifft generell die Praxis der „Triggerwarnungen“, wie sie bei Feministinnen, zum Beispiel in der Mädchenmannschaft, sehr beliebt sind. Da diese das nicht selbst erfunden hat und in hohem Maße US-amerikanische Zauberformeln des Feminismus importiert („hate speech“, „victim blaming“, „male tears“, „rape culture“, „bullshit bingo“ usw.), geht es hier bei weitem nicht nur um ein bestimmtes Blog.

Wie das zitierte Experiment verdeutlicht, ist das penetrante Triggerwarnen nicht nur relevant für die sehr wenigen, die solche Warnungen wirklich brauchen (und srsly, wer braucht unter der Überschrift „Weil sich die Sprachführung über sexualisierte Gewalt verändern muss!“ „nochmal eine Triggerwarnung mit auf den Weg gegeben, da Hannah über sexualisierte Gewalt schreibt„? Seid ihr eigentlich doof?), sondern auch für alle anderen. Triggerwarnungen tun so, als würden sie nur defensiv auf eine traumatische Wirklichkeit reagieren. Doch völlig unabhängig davon, wie weit diese Traumatisierungen wirklich verbreitet sind, schaffen (wenn man will: konstruieren) Triggerwarnungen für die, die sie ernst nehmen, eine traumatische Wirklichkeit. In dieser gilt unter anderem:

  • Die Welt ist voll von Leuten, die derart bis auf die Knochen traumatisiert sind, dass sie zusammenklappen, wenn sie irgendwo „seid ihr eigtl doof?“ lesen. Diese Suggestion hilft natürlich erheblich, das Gefühl einer „rape culture“ aufrechtzuerhalten und weiterzuverbreiten. Irgendwoher müssen diese massenhaften schweren Traumatisierungen ja kommen.
  • Das Eintippen von „seid ihr eigtl doof?“ ist eine Gewalttat, die geeignet ist, einen Menschen ernsthaft zu verletzen, und der Tipper ist ein Täter.
  • Wenn jemand „seid ihr eigtl doof?“ für harmlos hält, dann fehlt ihm das Empfinden für die Gewalttätigkeit alltäglicher sozialer Praxis. Er ist also Teil dieser Gewaltpraxis, dieser „Gesamtscheiße da draußen„, und nimmt an ihr teil. Er muss entweder zum Feminismus konvertieren oder sich einen Täter nennen lassen.

Wer Texte liest, die mit Triggerwarnungen um sich werfen, muss den Eindruck bekommen, dass unter den Lesern eine erhebliche Anzahl von schwer Traumatisierten ist. Dieser Eindruck wird noch bestärkt, wenn in einem Blog Beschwerden über ausgebliebene Triggerwarnungen vorgebracht werden – auch wenn die Beschwerden nicht von Traumatisierten, sondern nur von Glaubensschwestern kommen, die über die Einhaltung der Konvention wachen. Aber darüber hinaus muss er sich fragen, ob er das betreffende Material nicht auch selbst als verletzend empfinden sollte. Sollte ich jetzt nicht etwas fühlen, etwas – Ungutes? Da! Fühle ich es jetzt? Oder nicht? Doch, ich glaube ja! Ich fühle es! Jetzt verstehe ich, warum der Panic Button die Triggerwarnung da ist! Ja, es ist verletzend! Endlich fühle ich es auch.

Wenn man die Triggerwarnungen ernst nimmt und wichtig findet, dann muss man auf diese Weise den Glauben an eine eigene und allgemein menschliche, tiefe, unberechenbare und akute Verletzlichkeit durch Pipifax kultivieren und verinnerlichen. Und solch ein Glaube ist dann eben nicht nur eine psychologische Theorie, sondern auch eine psychologische Wirklichkeit.

Sie reden also von Empowerment und tun systematisch das genaue Gegenteil. Neben seelischer Verwundbarkeit kultivieren sie Angst, Schwäche und Passivität. Öffentliches Leben ist unvermeidlich unter anderem ein Gerempel. Dafür kann man übrigens auch Wertschätzung haben, weil das eben das Leben ist, das als solches nicht nur aus Schweigen, Vorhersehbarkeit und Einheitsmeinungen besteht. Es geht darum, das Gerempel zivilisiert zu gestalten. Hier aber gibt man sich alle Mühe, durch gemeinsames Ritual jeden Rempler als Gewalttat und Verletzung, als Ausdruck gesellschaftlicher Kack- und Gesamtscheiße und „rape culture“ zur größtmöglichen Bedeutung und Schädlichkeit aufzublasen. Sie benutzen dieses Szenario ständiger verbrecherischer Gewalttätigkeit mit ihnen selbst in der Hauptopferrolle bekanntlich ausgiebig als ideologische und politische Waffe. Aber die ersten Leidtragenden dieser Psychodynamik sind sie selbst. Denn wie ist es wohl, wenn man wirklich permanent und unmittelbar wahrnimmt und fühlt, dass fast alle Menschen Täter und fast alle Handlungen verletzend sind?

Richtig: Man steckt tief in der Gesamtscheiße.

Triggerwarnungen kommen ursprünglich aus dem Bereich therapeutischer bzw. Selbsthilfe-Seiten. Da können sie sinnvoll sein – natürlich kommt es im Zuge von Therapien vor, dass man eine Weile die Beschäftigung mit bestimmten Themen besser vermeidet. Aber hier wird das ganze Leben zur Therapie gemacht, wird im Zuge dieser Therapie – jedenfalls im Umgang mit der Welt außerhalb der Gruppe – Schwäche erzeugt und kann das Therapieziel, die Abwesenheit von Triggern und Remplern, erst dann erreicht sein, wenn die ganze Welt im feministischen Sinn vollständig sozialrevolutioniert ist, was realistisch betrachtet für die einzelne Teilnehmerin heißt: nie.

Und an dieser Stelle erschiene es doch empfehlenswert, eine zweite Meinung einzuholen.

P.S. Ein paar weitere interessante und kritische Gedanken zur Triggerwarnung machte sich einmal Katrin Rönicke im „Freitag“. Sie ist eine der früheren Mädchenmannschaft-Autorinnen, die im Zuge der Radikalisierung des Blogs ausgestiegen (worden) sind.

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