Neulich hatte ich auf Twitter einen ärgerlichen Wortwechsel mit Hadmut Danisch (im Folgenden HD). Ich nehme dies zum Anlass, ein paar Probleme zu diskutieren, die ich mit seinen Standpunkten habe. Zunächst Konkreteres zu den Gründen für diesen Text.

1.) Ich halte HDs Verwaltungsgerichtsklage in Sachen Gender Studies an der HU Berlin weiterhin für eine im Prinzip großartige Sache, und ebenso vieles andere, was er tut und schreibt. Deshalb hatte ich mich bemüht, ihn bzw. sie (also die Klage) zu unterstützen und wollte das eigentlich auch weiterhin tun. Leser haben mich auch dazu ermuntert. Seine Reaktion auf meine Kritik hat nun aber noch einmal die inhaltlichen Differenzen deutlich gemacht, die ich durchaus vorher schon gesehen habe, aber bis dahin zugunsten unserer gemeinsamen Ablehnung des Genderismus ignorieren wollte. Nachdem ich mich nochmal eingehender bei ihm umgesehen habe und sich durch den Twitter-Dialog mein Eindruck verstärkt hat, dass eine Verständigung schwierig bis unmöglich ist und das, was ich bei ihm nicht mittragen kann, allem Anschein nach weitergehen wird, halte ich es für sinnvoll, dazu meine Position deutlich zu machen. So kann ich in Zukunft hierauf verweisen, was besser ist als komplett auf \ignore zu schalten. Vielleicht enthält das Folgende auch unabhängig von Meinungsverschiedenheiten bestimmter Blogger ein paar Anregungen zum Nachdenken und/oder Nachlesen.

2.) Die Differenzen betreffen vor allem wissenschaftliche Fragen, genauer gesagt wissenschaftstheoretische Fragen, die aber mit politischen und kulturellen verbunden sind. Man kann es darauf runterbrechen, dass er einen nach meiner Auffassung irrationalen Hass auf und unbegründete Pauschaulurteile gegen Sozialwissenschaftler verbreitet, während ich, was manche sich vielleicht schon gedacht haben, einen sozialwissenschaftlichen Bildungshintergrund habe. Allerdings geht es nicht nur um Sozialwissenschaftler, denn wenn eine Karikatur von diesen zusammen mit ebenso stereotyp gedachten 68ern, Linken, Grünen, Journalisten, Genderisten, korrupten und nichtsnutzigen Akademikern und ich weiß nicht wem noch zum Adressaten einer innergesellschaftlichen Feinderklärung gemacht wird, vielleicht sogar so getan wird, als steckten sie alle unter einer Decke, nimmt das eine demagogische Qualität an und hat nichts mehr mit rationaler Wissensgewinnung oder einer Auseinandersetzung mit nachprüfbaren Tatsachen zu tun. Es ist seltsam, so etwas bei ihm zu finden, weil er selbst einen m.E. sehr guten Beitrag darüber geschrieben hat, dass die Ausbreitung von Wissenschaftsfeindlichkeit gefährlich ist. Leider wirft seine Praxis der Pauschalverurteilungen aus meiner Sicht auch einen Schatten des Zweifels auf die Informationen in seinen Texten, denn wenn ich nach seinem Blog gehe, ist ein Urteil von ihm, dass etwas nur „Geschwafel“ o.ä. sei, nicht vertrauenswürdig, weil solche Urteile dort in anderem Zusammenhang oft nicht begründet und nicht zutreffend sind. (Ich bestreite nicht, dass es in den Sozialwissenschaften viel Geschwafel gibt. Aber ich lehne es ab, ein Fach ausschließlich an dem Schlechtesten zu messen, was es hervorbringt, und ich bezweifle umgekehrt stark, dass jede Diplomarbeit in Mathematik, Informatik usw. Gold ist. HD weiß seinen Büchern zufolge eigentlich am besten, dass das nicht der Fall ist.)

Ich hatte bei der Einrichtung dieses Blogs spontan die Tagline What about teh common senz gewählt, weil meine Motivation nicht primär eine männerrechtsaktivistische oder antifeministische war, sondern mir in der relativ kurzen Zeit, in der ich mich, ausgelöst durch die Fäkalienunwetter um #OMG13gate (sic), mit Feminismus befasst hatte, vor allem dessen Irrationalismus, Dogmatismus, intellektuelle Mangelhaftigkeit und unredliche Formen der Auseinandersetzung sauer aufgestoßen waren und mich massiv überrascht und erstaunt hatten.

Im Ergebnis mögen meine Positionen „maskulistisch“ sein, aber aus meiner Sicht vertrete ich keine Partikularinteressen, sondern Selbstverständlichkeiten. Ebenso wie etwa Arne Hoffmann, Lucas Schoppe oder Christian Schmidt. Auch ohne langes Studium des Feminismus muss man aus meiner Sicht eher dieser Seite als der feministischen Recht geben, einfach weil diese Leute sauber argumentieren, ihre Behauptungen begründen und belegen und niemanden unter der Gürtellinie angreifen. Es geht mir um Selbstverständlichkeiten aufgeklärten Denkens und rationaler Auseinandersetzung, immer unter der politischen Maxime der Durchsetzung der Menschenrechte, einer liberalen Gesellschaft und einer möglichst hohen Lebensqualität für alle. Während ich HDs Feminismuskritik weitgehend zustimme und sein Engagement beeindruckend finde, steht sein Irrationalismus in direktem Widerspruch zu den Prinzipien, von denen achdomina in erster Linie motiviert war. Es passiert allzu oft, dass man alle allgemeinen Wahrheits- und Anstandsprinzipien, die einem eigentlich bekannt sind, in den Wind schlägt, nur weil es gerade gegen den richtigen Feind geht. Deswegen bleiben Grabenkämpfe aller Art so oft in gegenseitigem Bewerfen mit Einseitigkeiten stecken und kommen in der Sache keinen Schritt weiter. Für jeden, der etwas lernen will, ist es Zeitverschwendung, sich daran zu beteiligen.

3.) „Wissenschaftstheoretische Fragen“ – das klingt sehr speziell und vielleicht egal, weil „nur“ theoretisch. Es geht aber darum, woher wir unser Wissen nehmen und unter welchen Bedingungen etwas als sicher gelten kann, und solange das nicht geklärt ist, kann jeder alles behaupten. HDs Hinweis, dass der Genderismus gezielt und bewusst die wissenschaftliche Rationalität untergräbt, ist richtig. Man kann es am Beispiel des Vortrags der Verfassungsrichterin Susanne Baer nachvollziehen, der seiner Klageschrift angehängt ist. Sie sagt, kurz gefasst, dass die herrschenden wissenschaftlichen Qualitätskriterien Konstruktionen sind (was richtig ist, aber nichts über ihre Eignung zur Wissensgewinnung aussagt), die man überwinden müsse, und sich wissenschaftliche Qualität schon irgendwie von selbst herstellen werde, wenn nur im Wissenschaftsbetrieb mehr Gleichheit herrschte. Eine irrationale Annahme. Wieso sollte mehr Gleichheit Qualitätskriterien entbehrlich machen? Nebenbei bemerkt ist dieser Standpunkt auch unfreiwillig frauenfeindlich, weil er annimmt, dass Frauen nicht in der Lage seien, die etablierten Kriterien anzuwenden, und dass die Wissenschaften sich in Selbsterfahrungsgruppen verwandeln müssten, damit Frauen daran teilnehmen könnten.

Da sind wir uns wohl einig. Mein Problem ist aber, dass HD seinen eigenen Irrationalismus pflegt. Er befördert ebenfalls Beliebigkeit in der Wissenschaft, eine Ersetzung rationaler Wahrheitskriterien durch subjektives Bauchgefühl, nur an anderer Stelle und auf andere Art. Beide, er und Genderismus, nehmen für sich in Anspruch, einen wissenschaftlichen Standpunkt zu vertreten, aber beide gründen diesen Standpunkt auf ihren Partikularinteressen, Neigungen und Intuitionen. Das ist irrational in dem Sinn, in dem ich im Folgenden den Begriff der Rationalität auch gebrauche: Eine Aussage ist rational, wenn sie für andere vernunftbegabte Wesen, und nicht nur für Glaubensbrüder/-schwestern, nachvollziehbar begründet ist. Das heißt, die Gründe müssen erst einmal überhaupt genannt werden und dann auch einsehbar, nachprüfbar sein.

Was bisher geschah

Um der Transparenz willen hier zunächst der Twitter-Dialog. Ich sagte:

Sehr bedauerlich, dass @Hadmut Danisch nichts gegen die Rechten in seinen Kommentarspalten unternimmt.

Darauf folgte:

danisch

Ich kann nachvollziehen, wenn man meint, dass die von mir zitierten Fetzen nicht eindeutig genug sind, um die Bezeichnung „Nazisprech“ zu rechtfertigen. Diese ist natürlich zugespitzt und war von mir auch nicht dazu gedacht, auf die Goldwaage gelegt zu werden. Besonders die Bedeutung von „muss gründlich aufgeräumt werden“ hängt natürlich davon ab, womit derjenige aufräumen will (dazu siehe unten). Nach der Stoßrichtung des gesamten Kommentars aber scheint mir mit „politisch unkorrekte Blogs“ durchaus ein ganz bestimmtes politisch unkorrektes Blog gemeint zu sein (google it). Und auch wenn nicht, ist es nun mal meist eine bestimmte politische Ecke, in der man sich „politische Unkorrektheit“ auf die Fahnen schreibt, und wenn jemand meint, mit den Blogs aus dieser Ecke sei man auf einem „guten Weg“ (siehe unten), dann ist die Positionsbestimmung recht eindeutig, und ich will damit nichts zu tun haben.

Ich sehe political correctness in Deutschland nicht als ein wirkliches Problem an. Wenn gefordert wird, einen bestimmten Ausdruck zu gebrauchen oder nicht zu gebrauchen, dann überlege ich, ob ich diese Forderung sinnvoll und berechtigt finde. Wenn ja, übernehme ich den vorgeschlagenen Sprachgebrauch, wenn nicht, nicht. Wo ist das Problem? Wenn ich nun unbedingt „Zigeunersoße“ schreiben wollte, könnte ich das doch tun. Manche würden sich beschweren, aber sonst hat ein Blogger doch auch nicht die Erwartung, dass die ganze Welt gut findet, was er schreibt. Und vor allem unterstellen die Leute, die anderen political correctness oder ein Einknicken vor ihr vorwerfen, dass die Gegenseite sich einem Sprachdiktat beugt und das eigene Denken zensiert. Diese Unterstellung ist oft falsch. Wenn man bei mir das Wort „Neger“ nicht findet, liegt das nicht daran, dass ich mein Bedürfnis, „Neger“ zu schreiben, unterdrücke, sondern daran, dass ich ein solches Bedürfnis nicht habe.

Da man jedenfalls bei Twitter nicht mehr als Fetzen zitieren kann, fand ich die Unterstellung nicht besonders fair, ich würde wie ein pawlowscher Hund auf einzelne Wörter und Redewendungen reagieren und wäre nicht in der Lage, einen Textinhalt zu erfassen, und ich würde Wörter „verbieten“ wollen, obwohl ich gerade gesagt hatte, dass ich nicht auf Sperren hinauswill. Weil mich diese unfreundliche Nullantwort geärgert hat, habe ich mit dem untersten Tweet die Klappe zugemacht, es mir dann anders überlegt und noch ein paar Erklärungen hinterhergeschickt. Auf die kam keine Antwort mehr.

Inzwischen hat HD eine Moderationsnotiz in den fraglichen Kommentar eingefügt, weil darin Susanne Baer als „Verbrecherin“ bezeichnet wurde. Das hatte ich nicht zitiert, aber es gehört und passt zum Gesamtbild, das dieser Kommentar abgibt. Er lautet:

> Was das System aber als Versuch der Beseitigung der verfassungsgemäßen Ordnung oder so verfolgen würde.

Hihi. Ein System, das sich schon lange nicht mehr an die verfassungsgemäße Ordnung hält, will andere wegen “Beseitigung” verfolgen.

Eine neue Partei zu gründen, das haben schon viele versucht. Unser Parteiensystem ist so ausgelegt, daß neue Parteien keine Chance haben.

Wir müssen das Volk zum Aufwachen bringen!
Im Internet sind wir schon auf einem guten Weg. Es gibt politisch unkorrekte Blogs, und wer sie liest, fängt an, nachzudenken.

Aber: Diese Seiten erreichen nur wenige Prozent des Volkes!
Die große Mehrheit des Volkes weiß noch nicht einmal, daß wir [Anmerkung vom Blog-Admin: Mäßige Deine Worte. Verbrecher ist, wer wegen einer Straftat verurteilt – oder mindestens ihrer stark verdächtig – ist. Rechtsbeugung ist zwar nach § 339 StGB mit mindestens einem Jahr Gefängnis belegt, aber so lange ich noch in der Aufklärung des Ganzen bin, halte ich das für einen Ticken verfrüht. Zumal man nur dann Verbrecher sein kann, wenn man auch schuldfähig ist. Und den Punkt will ich mal noch offen lassen.]eine Verbrecherin am Bundesverfassungsgericht sitzen haben.

Der Genderismus ist einigermaßen durchschaut, aber die Wurzeln, die in den 68ern liegen, müssen noch aufgearbeitet werden. Genderismus ist nur die Fortsetzung von dem, was damals mit “Pädagogik” und “Soziologie” begann.
Die 68er-Nachfolger, die Grünen, sitzen heute in den Schulen und Hochschul-Lehrstühlen, indoktrinieren unsere Kinder und bilden unsere Lehrer aus.
Auch da muß gründlich aufgeräumt werden.

Jetzt geht es aber erstmal daran, die breite Masse zu erreichen.

Ich halte das für rechtes Zeug, rechte Feindbilder, rechten Bluthochdruck, rechtes Verschwörungsdenken. Kein Grund, Katastrophenalarm zu geben oder in Panik zu geraten, aber man kann doch einfach in einem eigenen Kommentar zu Protokoll geben, dass man dem nicht zustimmt. Dafür reicht eine Zeile, man setzt damit Standards für künftige Kommentare und niemand braucht über Verbote oder Zensur zu fantasieren.

Korrelation und Kausalität – hätten Sie’s gewusst?

Es ist natürlich kein Zufall, was für Kommentare in einem Blog auflaufen, und dieser hat eine inhaltliche Schnittmenge mit HDs Beiträgen. Ein aktuelles Beispiel:

Eine Korrelation ist noch keine Kausalität…

…sag ich immer. Wäre ich jetzt aber Soziologe, Politologe oder Journalist, dann hätte ich jetzt ganz „wissenschaftlich” herausgefunden, warum U-Bahnen in Singapur sauber und in Berlin dreckig sind. Wenn ich das vorhin richtig gesehen habe, fahren die U-Bahnen in Singapur fahrerlos.

Damit lässt sich ohne weiteres eine enorme Statistik aufstellen, wenn man die U-Bahnen in Berlin und Singapur danach untersucht, wie sauber sie sind und ob Fahrer drinsitzen. Damit lässt sich eindeutig belegen, dass der Dreck in der U-Bahn hochgradig damit korreliert, ob es einen Fahrer gibt. Und für Soziologen und sonstige wissenschaftlich nicht durchtrainierte Statistik-Spinner wäre damit ja klar, dass darin der Beweis liegen muss, dass der Dreck in der U-Bahn eindeutig von den Fahrern und nicht von den Fahrgästen verursacht worden sein muss und die Lösung des Dreckproblems darin liegt, die Berliner U-Bahnfahrer zu feuern. Denn genau nach diesem Schwachsinnsmuster lesen sie ihre Statistiken ja sonst auch immer.

[…]

Quatsch. Tun sie nicht. Was hier verspottet wird, ist ein Strohmann.

HD reitet häufiger darauf rum, dass eine Korrelation keine Kausalität ist. Das ist natürlich richtig, aber die Behauptung, dass Sozialwissenschaftler das nicht wüssten, ist völlig bizarr. Das wäre etwa so, als ob ein Mathematiker den Unterschied zwischen Multiplikation und Addition nicht kennte. Es ist eine Trivialität des ersten Semesters. Man wird in jedem Vorlesungsverzeichnis eine Einführung in Methoden der quantitativen Sozialforschung finden, wobei der genaue Veranstaltungstitel natürlich variieren kann.

Das ist so trivial, dass man auch die Begriffe „Korrelation“ und „Kausalität“ gar nicht braucht, um es zu verstehen. Man stelle sich vor, ein durchschnittlicher Achtklässler bekäme zum Beispiel Zahlen vorgelegt, die besagen, dass Alkoholiker überdurschnittlich oft auch Raucher und Raucher überdurchschnittlich oft auch Alkoholiker sind. Würde er nicht nach spätestens zwei Minuten Nachdenken darauf kommen, dass er jetzt noch nicht weiß, ob das Rauchen bei den Leuten zum Alkoholismus oder der Alkoholismus zum Rauchen geführt hat oder es eine dritte (vierte, fünfte …) Ursache für beides gibt, die dann noch zu ermitteln wäre, oder ob Rauchen und Alkoholismus einander gleichermaßen befördern und es in den einzelnen Fällen mal so und mal so herum läuft?

Und HD behauptet, Sozialwissenschaftler hätten das nach einem ganzen Studium, in dem sie sich dauernd mit Fragen beschäftigen, ob und wie verschiedene Einzelbeobachtungen eines gesellschaftlichen Geschehens zusammenhängen, noch nicht verstanden. Hätten nicht verstanden, dass irgendwelche zwei Merkmale, die sich gleichzeitig beobachten lassen, auf verschiedene Weise oder auch gar nicht zusammenhängen können. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt und dementsprechend von ihm auch nie belegt wird, ist es völlig unplausibel. Wie sollte es möglich sein, es jahrelang erfolgreich zu vermeiden, eine solche Trivialität zu verstehen, obwohl man von der Art der Probleme, mit denen man sich befasst, ständig mit der Nase darauf gestoßen wird?

Und wenn Journalisten oder auch Sozialwissenschaftler von einer Korrelation auf eine Kausalität schließen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie den Unterschied nicht kennen. In der Regel wird es eher der Fall sein, dass sie über die Kausalität einfach Plausibilitätsannahmen anstellen. Wenn man zum Beispiel eine negative Korrelation zwischen Armut und Intelligenz vorfindet, kann ein Neoliberaler sagen, tja, die Leute sind arm, weil sie halt nicht so schlau sind; wer was kann, wird auch was, und die sind nichts geworden, weil sie nichts können. Und ein Linker kann sagen, nein, die hätten ursprünglich genausoviel gekonnt wie alle anderen, aber die Armut hat ihnen zugesetzt und darunter hat ihre Intelligenz gelitten. Beide Erklärungen sind erst einmal unbewiesen und dürfen von einem Wissenschaftler nicht als Faktum ausgegeben werden. Aber Plaubilitätsannahmen dieser Art stellen Hypothesen zur Verfügung, die man dann im nächsten Schritt prüfen kann. Ohne Annahmen keine Hypothesen und ohne Hypothesen keine empirische Forschung, weil man nicht ins Blaue hinein irgendwas erforschen kann. Solche Annahmen stehen also unvermeidlich bereits am Anfang eines Forschungsvorhabens. Es mag nicht immer zulässig sein, wenn jemand seine Hypothese durch eine vorgefundene Korrelation bestätigt sieht. Es bedeutet aber auch noch lange nicht, dass er den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität nicht kennt.

Zudem ist es oft gar nicht möglich, eine Kausalität ohne Plausibilitätsannahmen lückenlos zu „beweisen“. Deswegen konnte die Tabakindustrie jahrzehntelang sagen: Jo, der Mann hat viel geraucht und jetzt hat er Krebs, aber andere rauchen und haben keinen Krebs, und noch andere haben Krebs und rauchen nicht, das beweist also gar nichts. Es könnte ja theoretisch auch sein, dass Leute, die viel rauchen, häufig auch ungesund essen und das ungesunde Essen den Krebs verursacht, oder ein Mangel an Bewegung usw. Aber irgendwann sagt man halt, es lässt sich beobachten, dass Raucher über lange Zeiträume gesehen überdurchschnittlich häufig Krebs bekommen, und vieles deutet darauf hin, dass das eine Konsequenz des Rauchens ist, auch wenn sich diese Konsequenz nicht immer einstellt, also gehen wir nun vernünftigerweise davon aus, dass es eine kausale Verbindung gibt. Da ist vernünftige Abwägung und menschliches Ermessen im Spiel, und ohne geht es nicht. Denn im Fall des Rauchens ist genaugenommen sogar bewiesen, dass es eine strenge Kausalität nicht gibt, weil sonst jeder Raucher an Krebs erkranken müsste.

Eine Billardkugel, die mit bestimmter Kraft aus bestimmter Richtung angestoßen wird, setzt sich immer in bestimmter Richtung und Geschwindigkeit in Bewegung. Dies ist der Idealfall, der Modellfall der Kausalität. Er gehört zur Mechanik. Wenn man es mit komplexen Systemen zu tun hat, also schon in der Biologie und erst recht in der Soziologie und Psychologie, wird man Kausalität in dieser Eindeutigkeit in den seltensten Fällen finden, weil die Zusammenhänge dort eben nicht einfach mechanische sind.

Ein kurz zuvor veröffentlichter Beitrag über Korrelation und Kausalität handelt von einem Buch namens „Männer und Frauen. Grafiken erklären die Unterschiede“. Die Autoren nennen Zahlen, denen zufolge weitaus mehr Frauen- als Männerunterhosen verkauft werden, und schließen daraus, dass Männer eine schlechtere Hygiene haben. HD zählt eine Reihe alternativer Erklärungen für die verschiedenen Verkaufszahlen auf und folgert:

Die Aussage, dass das mit der Sauberkeit zu tun hätte, ist also Nonsens.

Dann sind die selbstgemachten Alternativerklärungen aber gleichfalls Nonsens. Eine Vermutung beweist nicht, dass eine andere Vermutung falsch ist. Sie beweist nur, dass eben verschiedene Vermutungen möglich sind. Alle diese Vermutungen sind erst einmal Hypothesen, die man nun prüfen könnte. Dabei kann man über die Plausibilität der einzelnen Möglichkeiten streiten und wird forschungsökonomisch diejenigen zuerst prüfen, die man für die wahrscheinlichsten hält. Auch hier braucht man Plausibilitätsannahmen, weil man ohne sie unendlich viele Möglichkeiten empirisch prüfen müsste, auch solche, die einem völlig schwachsinnig erscheinen. Manchmal mag das, was einem zunächst abwegig erscheint, sich als richtig herausstellen, aber alles in allem ist es rational und pragmatisch, erst einmal das Naheliegende zu prüfen. (Wobei ich in diesem Fall zustimme, dass die Erklärung „Männer sind Schweine“ nicht die nächstliegende ist.)

Davon abgesehen macht bei diesem Buch doch schon der Titel klar, dass es kein wissenschaftliches Buch ist, sondern eher eine Klo-/Unterhaltungs-/Party-/Friseurlektüre. Entsprechend heißt es über die Autoren:

Beim ersten habe ich nicht entdeckt, was er eigentlich von Beruf und Ausbildung her ist, er schreibt für die ZEIT bzw. ZEITmagazin. Und scheint mit Vorliebe Statistiken zu präsentieren und als Erklärungen auszugeben. Der Zweite ist Grafik-Designer, hat an der Berliner Universität der Künste studiert, […]

Ein Journalist und ein Grafikdesigner also. Und was können jetzt Politologen und Soziologen dafür?

HD bietet auch einige Buchrezensionen an, darunter auch welche zu gesellschaftlichen Themen:

  • Das Elend der Universitäten, ein Sammelband. Die drei Herausgeber sind Politologen (was nicht erwähnt wird). „Den ersten – von den Herausgebern geschriebenen – [Beitrag] habe ich gelesen und er gefällt mir.“
  • Der zweite Beitrag, ebenfalls von einem Politikwissenschaftler (was nicht erwähnt wird): „ziemlich drastisch, aber fundiert … Trefflich formuliert … Schön gesagt und gut getroffen … Die Darstellung gefällt mir insgesamt sehr gut. An einem Punkt bin ich aber skeptisch: …“. Okay, skeptisch, aber ein Vollidiot scheint auch dieser Verfasser nicht zu sein.
  • Uni-Angst und Uni-Bluff – Wie studieren und sich nicht verlieren, von einem Soziologen (was nicht erwähnt wird): „… das Buch ist wirklich super“.

Auch Harald Eia, der Dokumentarfilmer, der in Norwegen den Genderismus auffliegen ließ, ist übrigens Soziologe. Das wird in der Klageschrift immerhin erwähnt.

Diese Auswahl der Buchrezensionen ist nicht selektiv. Eigentlich hatte ich vielmehr nach Verrissen gesucht, um vielleicht eine begründete Kritik einer sozialwissenschaftlichen Arbeit zu finden, mit der man sich sachlich auseinandersetzen könnte. Aber auch unter den Buchrezensionen Fehlanzeige. Das Bashing findet immer nur im Vorbeigehen und in Form unbelegter Pauschalurteile und Beschimpfungen statt. Etwa so:

Da bei den Genderisten zwar keine Naturwissenschaftler (und sonstige auf Wahrheit und Seriosität ausgerichtete Leute) mitmachen, dafür aber sehr viele Soziologen, Journalisten, Politikwissenschaftler, Medienleute mitmachen, herrscht bei den Genderisten durchaus das Fachwissen, wie man Kritiker diskreditiert.

Beispiele dieser Art findet man bei ihm ohne Ende. Neben der Sache mit den Buchrezensionen steckt noch eine weitere Ironie darin, dass HD in seinen Büchern detailliert seine Erfahrungen mit korrupten und/oder inkompetenten Informatikern und Juristen ausbreitet. Wenn es an Allgemeinbeschimpfungenaussagen geht, sind die Korrupten und Inkompetenten aber immer Sozialwissenschaftler.

Wissenschaft selbstgemacht

Noch schräger wird es, wenn man sieht, dass HD sich selbst als Sozialwissenschaftler betätigt, wenn er eine Theorie der Ausländerfeindlichkeit aufstellt, sowie als Philosoph, wenn er eine Theorie der Moral aufstellt. Da er das tut, kann er logischerweise nicht der Auffassung sein, es wären überhaupt keine begründeten Aussagen über Gesellschaft möglich – was auch irrational und mit einem modernen Wissenschaftsverständnis unvereinbar wäre, weil Menschen nichts Magisches sind, sondern Teil der Natur, die sich auf rationale Weise beobachten und beschreiben lässt. Da er nun Geistes- und Sozialwissenschaftler sowie Philosophen ständig für nutzlos und dumm erklärt und sein Desinteresse an ihren Arbeiten bekundet, aber selbst häufig Thesen und Theorien über soziale Zusammenhänge aufstellt, muss er also annehmen, dass er, ohne entsprechende Ausbildung, im Alleingang nach Feierabend, eine bessere Sozialwissenschaft und Philosophie aus dem Ärmel schütteln kann als Jahrhunderte, im Fall der Philosophie Jahrtausende von darauf spezialisierten Denkern und Forschern vor ihm sie aufeinander aufbauend erarbeitet haben.

Das muss man kurz sacken lassen.

Diesseits von Zauberei oder Verschwörungstheorie ist nicht zu erklären, wie das möglich sein sollte. Die Annahme ist neben ihrer Irrationalität auch ahistorisch, weil die moderne Naturwissenschaft sich in der griechischen Antike und der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, welche dann Säkularisierung, Industrialisierung und freiheitliche, rechtsstaatliche Verfassungen hervorgebracht hat, in engem Zusammenhang mit der Philosophie entstanden ist. Das ist kein Zufall, sondern war notwendig, weil wissenschaftlicher Fortschritt Klarheit über den Unterschied zwischen Glauben und Wissen und über die Bedingungen menschlicher Erkenntnis voraussetzt. Man nennt das Erkenntnistheorie. Ohne eine Theorie von den Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis ist es unmöglich, rationale Wissenschaft zu betreiben, weil man kritiklos dem ausgeliefert wäre, was einem irgendwie gerade einleuchtet. Dass wir heute mehr oder weniger intuitiv erkennen können, was eine wissenschaftliche Aussage ist und was nicht, liegt nicht einfach daran, dass Menschen plötzlich aus heiterem Himmel so clevere Köpfchen geworden sind, wie sie es vorher nie waren, sondern daran, dass wir durch Schule, Uni und unsere Kultur insgesamt dieses philosophische Minimum gelernt haben, das in allen wissenschaftlichen Disziplinen und überhaupt in der kulturellen Formatierung von Wissen enthalten ist. Zum Beispiel Logik. Welche Disziplin ist für Logik zuständig? Der Irrationalismus, um den es hier geht, hält Philosophie für Geschwafel – dabei ist es seit Jahrtausenden die ureigenste Aufgabe der Philosophie, zu klären, wie sich Sätze formulieren lassen, die als wahr gelten können, also mit Gewissheit kein Geschwafel sind. Sobald man aufhört, blind seinem Bauchgefühl zu vertrauen, merkt man, dass diese Frage nicht trivial ist, da unsere Sinne uns bekanntlich täuschen und wir uns irren können. Dass heutige Philosophie-Absolventen oft schwafeln – joah, geschenkt. In welcher Disziplin gibt es in unserem Zeitalter, wo Wissenschaft zur Massenware und -beschäftigung geworden ist, keinen Müll?

Weil HD, so weit ich sehen konnte, sein Wissenschaftsverständnis nur im Vorbeigehen, in flapsigen Randbemerkungen, launigen Bewertungen und Beschimpfungen „darstellt“, halte ich mich nun an seine Theorien der Fremdenfeindlichkeit und der Moral, um der Sache näherzukommen. Er sagt darin, dass sie keinen wissenschaftlichen Anspruch hätten. Trotzdem behaupten sie ja etwas und argumentieren, und es wäre widersinnig, das zu tun, wenn sich damit nicht der Anspruch verbände, dass diese Behauptungen und Argumente irgendwie gültig seien.

Zwei Theorien

Der Kern der Theorie der Ausländerfeindlichkeit, der von einer Quelle inspiriert ist, an die er sich nicht genau erinnert, ist der, dass es sich im Evolutionsprozess als Überlebensvorteil erwiesen habe, das Abnorme oder Ungewohnte als feindlich und gefährlich zu bewerten, und dass nun bei Ausländerfeindlichkeit dieses archaische Muster der Gefahrenvermeidung wieder „durchbricht“. Ich beschränke mich hier auf die offensichtlichsten und wichtigsten Fehler und Unstimmigkeiten dieser Theorie.

  • Der Text unterschlägt die evolutionäre Bedeutung der Neugier. Alle höher entwickelten Lebewesen zeigen Neugierverhalten. Das lässt sich jederzeit beobachten und ist evolutionslogisch auch notwendig. Je höher der Grad an Komplexität und Variabilität der Umwelt, in der ein Organismus überleben muss, umso weniger können seine Verhaltensprogramme genetisch präzise festgelegt sein, weil er eine gewisse Flexibilität braucht, um sich an vielfältige und wechselnde Anforderungen anpassen zu können. Dieses Sich-Anpassen nennt man lernen. Neugier ist das instinktive Verhaltensprogramm, das aktives Lernen motiviert, indem es – konträr zur Grundthese – für eine positive Hinwendung zum Unbekannten sorgt.
  • Die Theorie ignoriert den für ihr Thema wichtigen Umstand, dass Gefahrensignale oft spezifisch codiert sind. Es wird zwar erwähnt, dass Tiere ihre Hauptfeinde an bestimmten äußeren Merkmalen erkennen, aber gleichzeitig so getan, als würde vor allem das Unbestimmte als gefährlich wahrgenommen. Es wäre aber kontraproduktiv, wenn Tiere permanent vor allem möglichen Kram weglaufen würden, nur weil sie solchen Kram noch nicht gesehen haben oder sich daran nicht mehr erinnern. Gefahr signalisieren vielmehr spezifischere Reize wie Silhouetten, Farben, Schreie, ruckartige Bewegungen, plötzlicher Lärm, vibrierender Boden usw. Hier gibt es viel gesichertes Wissen der Verhaltensforschung, das zugunsten einer Vermutung darüber, wie Gefahrenwahrnehmung funktionieren könnte, ignoriert wird.
  •  Wenn man bedenkt, wie die Europäer ab dem 16. Jahrhundert mit den Afrikanern und etwas später mit den amerikanischen Ureinwohnern umgesprungen sind, bekommt man nicht den Eindruck, sie hätten vor diesen für sie doch sehr fremdartigen Menschen sonderlich Angst gehabt.
  • „Jeder Abnormität ohne nähere Betrachtung (böse) Absichten eines Anderen zu unterstellen, also in alles und jedes Bewußtsein zu stopfen, […] hat [..] entwicklungshistorisch den höchsten Überlebenserfolg gesichert. Deshalb scheuen und springen Pferde in Panik, weil sie die besten Chancen haben, damit ein aus dem Gras aufspringemdes Raubtier abzuwerfen und ihm zu entkommen, während der Esel stur stehenbleibt, weil in bergigem Gelände jede falsche Bewegung die letzte gewesen sein könnte.“ Und wo genau stopft der Esel jetzt Absichten und Bewusstsein hinein? Der Text vermengt Gefahrenwahrnehmung und Animismus (die Neigung, in unbelebten Dingen Absichten zu sehen), aber beide haben nichts miteinander zu tun. Dass Tiere, die zum Beispiel vor Feuer oder Lärm fliehen, dem Feuer oder Lärm „Absichten“ unterstellen, ist reine Fantasie und ein Theorem, das weder beweisbar noch überhaupt notwendig ist. Denn evolutionstheoretisch gesehen ist es überflüssig, etwas als gefährlich Identifiziertes grundsätzlich mit „Absichten“ auszustatten. Die Identifikation als gefährlich genügt. „Wenn was passiert, was man nicht auf normale Weise erklären kann, war es eben entweder Gottes Wille oder der Teufel. […] Das Rudiment des bewährten Raubtierfluchtreflexes ist der Drang, in allem und jedem eine Absicht, einen versteckten Angreifer zu sehen.“ Götter, Geister, Heilige usw. sind aber nicht immer Angreifer, sondern mindestens genauso oft Verbündete und Beschützer. Und was zum Teufel ist die „normale Weise“, etwas zu erklären? Die des Verfassers vermutlich. Das würde heißen, dass fast alle Menschen sich zu fast allen Zeiten „unnormal“ verhalten, denn das wissenschaftliche Zeitalter ist in menschheitsgeschichtlichem Maßstab lächerlich kurz und auch in ihm ist Religion alles andere als tot. Die Annahme, dass eine naturwissenschaftlich-kausale Erklärungsweise für Menschen die „normale“ ist und irgendwie zuerst da war, hat nichts mit der beobachtbaren Wirklichkeit zu tun.
  • Dann kommt noch eine Anwendung der Theorie auf den Nationalsozialismus. „Es würde bedeuten, daß ausgerechnet die Nazis, die sich so viel auf eine genetische Überlegenheit eingebildet haben, genetisch unterlegen waren/sind, denn ihr archaisch geprägtes Verhalten würde unter dieser Theorie bedeuten, daß sie wesentlich näher am urzeitlichen Höhlenbewohner und weniger am zivilisierten Homo Sapiens aufgestellt sind. Nazitum wäre ein konkretes Merkmal intellektueller und damit genetischer und evolutionärer Rückständigkeit.“ Aber wie ist es möglich, dass in 12 Jahren Nazitum plötzlich Millionen Menschen rückständige Gene hatten, davor aber noch nicht und danach auch nicht mehr?
  • „Möglicherweise ergibt sich sogar ein Übersprungeffekt wie bei Allergien: […] Vielleicht gibt es das auch in diesen Verhaltensmustern. Womöglich führt unsere zivilisierte und beschützte Welt dazu, daß die Verteidigungsmechnismen unterfordert sind und sich deshalb ein Feindbild und eine Verallgemeinerung schaffen, wo es keinen Angreifer gibt.“ Das Nazitum ist allerdings im unmittelbaren Fahrwasser eines verheerenden Weltkriegs und einer verheerenden Wirtschaftskrise mitsamt Massenarbeitslosigkeit etc. unter Bedingungen scharfer sozialer Konflikte und gewaltsamer Unruhen entstanden. Von einer „beschützten Welt“ war diese Situation weit entfernt.
  • Schließlich wird noch darauf hingewiesen, dass die Rassen-Reinheitslehre der Nazis nach ihren eigenen Maßstäben kontraproduktiv war, weil ein gesunder Genpool sich durch eine möglichst große Durchmischung verschiedener Genome herstellt. Wenn dem aber so ist, kann nicht gleichzeitig die Wahrnehmung von Fremden als feindlich dem Evolutionsprozess förderlich gewesen sein, wie anfangs behauptet wurde.

Die ganze Theorie ist Kraut und Rüben, geprägt von dem unbedingten und nie begründeten Willen, alles biologisch zu erklären, als sei das automatisch wissenschaftlicher, auch um den Preis dauernder Selbstwidersprüche und Vernachlässigung relevanter Fakten, die zur Prüfung der Theorie zur Verfügung stehen. Die Theorie steht in vielen ihrer Behauptungen auf Kriegsfuß mit gesichertem Wissen und ist noch nicht einmal in sich logisch, strahlt aber durch die Berufung auf Naturwissenschaften Wissenschaftlichkeit aus. Naturwissenschaftliche Begriffe werden hier zu Fetischen. Die Erwartung, ihre Anwendung führe automatisch zu einer validen Erklärung, ohne dass diese Anwendung in sich logisch sein oder die Schlussfolgerungen empirisch geprüft werden müssten, ist nicht weniger irrational als die, zu validen Erklärungen gelange man automatisch durch mehr Gleichheit im Wissenschaftsbetrieb.

Die Tatsachen, dass erstens Menschen und Gesellschaften in sehr verschiedenen Graden und zum Teil auch gar nicht fremdenfeindlich sind, dass es zweitens keinen Beleg dafür gibt, dass diese Unterschiede genetisch begründet wären, und dass drittens bestimmte Menschen und Gesellschaften auch im Lauf der Zeit das Maß ihrer Fremdenfeindlichkeit stark verändern können, ohne dass sich dabei ihre Gene veränderten, verweisen deutlich und dringend darauf, dass Fremdenfeindlichkeit, zumindest auch und in erheblichem Umfang, soziale Ursachen hat.  Das aber kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Und es darf nicht sein, weil Soziologen doof sind.

Irrational.

Bei der Moraltheorie ergibt sich das gleiche Bild. Um ein paar evolutionsbiologische Wissensfragmente herum wird assoziativ und beliebig ein kontrafaktisches und in sich widersprüchliches Gedankengebäude errichtet, wobei das einzige erkennbare Kriterium dafür, dass eine Schlussfolgerung zulässig und richtig ist, darin besteht, dass sie dem Verfasser gerade irgendwie einleuchtet.

Dazu kurz allgemein. Das Hauptproblem mit dem Theoretisieren auf der Grundlage evolutionsbiologischen Halbwissens, das im Gefolge von Richard Dawkins populär geworden ist, besteht darin, dass man damit alles „beweisen“ kann. Natürlich ist es richtig, dass Organismen letztendlich einfach aufs Überleben ausgerichtet sind, weil Organismen, die das nicht sind, eben langfristig nicht überleben. Wenn das aber das einzige ist, was man an empirischem Wissen berücksichtigt, kann man sich damit alles zusammenspinnen. Man kann zum Beispiel sagen, Vergewaltigung ist evolutionär sinnvoll (habe mal irgendwo gelesen, dass jemand das behauptet), weil damit die Männer eine möglichst große Streuung ihrer Gene erreichen. Man kann aber auch sagen, Vergewaltigung ist evolutionär schädlich, weil sie die Frau traumatisiert, die dadurch außerdem ein gestörtes Verhältnis zum Kind entwickelt, das dadurch wiederum nicht zu voller Stärke heranwachsen kann, oder auch weil durch Vergewaltigung Feindschaften entstehen, die den Gruppenzusammenhalt bedrohen. Man kann sagen, es ist evolutionär sinnvoll, wenn Sippen erst mal alle Früchte probieren, so dass zwar einige an den giftigen Früchten sterben, dafür aber die Gruppe über alle Früchte bescheid weiß und somit ihre Ernährungsmöglichkeiten maximiert, oder, es ist evolutionär sinnvoll, wenn Sippen bei dem bleiben, was sie kennen, weil alles andere unwägbare Gefahren bedeutet. Man kann sagen, feste Paarbindungen sind evolutionär sinnvoll, weil sie ständige Konkurrenzkämpfe um die Weibchen vermeiden und eine kontinuierliche Versorgung des Nachwuchses sicherstellen, oder man kann sagen, feste Paarbindungen sind evolutionär schädlich, weil sie einer möglichst breiten Durchmischung der Gene entgegenstehen.

So kann sich jeder seine Lieblingstheorie zusammenschnitzen. Aber das ist alles fiktiv, solange man nicht irgendwie Informationen darüber heranschafft, wie es denn nun wirklich war, statt sich mit den eigenen Fantasien darüber zu begnügen, wie es gewesen sein könnte.

So auch diese Moraltheorie. In einem Buch, das ihm ein Leser zugeschickt hat, hat HD gelesen,

daß ein gewisser Robert Spaemann (nie von dem gehört), der einer der einflußreichsten deutschen Ethiker sein soll (sowas gibt’s auch?), vehement die These verträte, daß Moral nicht relativ wäre, sondern es ein allgemeingültiges natürliches Sittengesetz gäbe. Und das halte ich für Unfug.

Nebenbei sieht man noch mal, dass Geisteswissenschaftler so verachtenswert sind, dass man stolz darauf sein kann, nichts über sie zu wissen – obwohl man dann genaugenommen auch nicht wissen kann, dass sie verachtenswert sind. Aber weiter im Text. Die These lautet:

Etwas ist nicht unmoralisch, sondern es wird von jemandem als unmoralisch bewertet.

Das kann man so sagen, aber das heißt dann auch: Etwas ist keine Straftat, sondern wird von jemandem als Straftat bewertet. Etwas ist keine Sprache, sondern wird von jemandem als Sprache interpretiert. Etwas ist kein Mittagessen, sondern wird von jemandem als Mittagessen verspeist. Die Unterstellung, Spaemann oder sonst jemandem wäre nicht bewusst, dass Kategorien wie Moral und Unmoral, wie alle Kategorien, menschliche Kategorien sind, die nur existieren, wenn sie benutzt werden, ist mal wieder atemberaubend. Auf das Grundmissverständnis, das in dieser Gegenüberstellung von Sein und Bewertetwerden steckt, kommen wir noch zurück.

Moral und unmoral liegen nicht in der Sache, in der Handlung, sondern im Auge des Betrachters. Sie entstehen erst durch die Einordnung durch einen Betrachter in einen Maßstab. Die übliche Sprachweise, das etwas unmoralisch sei, und man es nicht nur so empfindet, ist nur ein rhetorisches Mittel, der eigenen Meinung den Anschein des Allgemeingültigen zu geben.

Dann ist aber meine Aussage, dass das hier auf dem Tisch eine Kartoffel ist (und nicht etwa eine potato oder pomme de terre), ebenso nur ein rhetorisches Mittel, um meiner Meinung den Anschein des Allgemeingültigen zu geben.

Das ist Quatsch. In menschlichen Gesellschaften gibt es Konventionen darüber, was als moralisch und was als unmoralisch angesehen wird. Wenn ich sage „das ist unmoralisch“, berufe ich mich auf diese Konvention, ebenso wie wenn ich sage, „das ist strafbar“. Der einzige Unterschied ist, dass Strafbarkeit präziser definiert ist – aber auch nicht so präzise, dass darüber nicht gestritten zu werden bräuchte; dafür gibt es ja Gerichte. Jetzt kann man auch sagen, die Strafbarkeit liegt nicht in der Sache selbst, sondern in der Bewertung der betreffenden Handlung durch Menschen. Ja, und? Das heißt weder, dass sie nicht real ist, noch, dass sie nicht für die Zwecke der betreffenden Kommunikation als allgemeingültig unterstellt werden kann. Es liegt auch nicht in der Kartoffel selbst, Kartoffel zu heißen oder gegessen zu werden, sondern es ist eine Konvention von Menschen, sie so zu nennen und als etwas Essbares zu behandeln. Wir sagen: „das ist eine Kartoffel“ und nicht „ich bezeichne das jetzt mal als Kartoffel“, obwohl wir wissen, dass die allermeisten Menschen das Ding nicht Kartoffel nennen. Wir unterstellen also auch da eine Allgemeingültigkeit, die eigentlich nicht gegeben ist. Das ist aber kein „rhetorisches Mittel“ zu irgendwas, sondern einfach ein normaler Gebrauch von Sprache.

Damit gibt es jedoch keine allgemeingültige absolute Moral, anders als etwa die Mathematik oder die physikalischen Naturgesetze. Mathematik funktioniert auch auf dem Mond oder dem Mars, ebenso die Physik, sonst würden die Marsrover da oben nicht fahren.

Moral funktioniert auch auf dem Mond, sonst würden Astronauten dort oben ihre Kinderstube vergessen, sich gegenseitig an die Gurgel gehen und ihren Befehlen nicht mehr gehorchen.

Ein Stein fällt auch dann nach den Gesetzen der Gravitation, wenn keiner guckt.

Nein, Steine kümmern sich nicht um Gesetze. Der Begriff „Naturgesetz“ führt leicht in die Irre, weil Gesetze im juristischen Sinn Vorschriften, Naturgesetze aber Beschreibungen sind. Wir halten uns an Gesetze. Der Stein hält sich nicht an Gesetze, sondern er tut, was er sowieso tun würde, und Menschen formulieren Naturgesetze, die beschreiben, was er tut. Das wird klarer, wenn man sich vor Augen führt, dass die Newtonsche Mechanik, die für fallende Steine zuständig ist, das physikalische Geschehen eben nicht exakt beschreibt, sondern nur für die meisten praktischen Zwecke exakt genug. In ihr sind nämlich Quantenmechanik und Relativitätstheorie nicht berücksichtigt. Sie ist deshalb keine vollständige Physik und gilt nicht universell. Sie ist keine genaue oder gar „objektive“ Abbildung der Natur, sondern ein gedankliches Werkzeug, das für die meisten Zwecke einer physikalischen Wissenschaft gut genug ist. Mehr nicht.

2+2 ist auch da oben vier. Und nach allem, was wir bisher wissen, gilt das auch im Rest unserer Galaxie. Moral jedoch nicht. Ein Völkermord, ein Krieg, Massenvergewaltigungen, Sex außerhalb der Ehe, sind dem Mond oder dem Jupiter herzlich egal, sie spielen eigentlich überhaupt keine Rolle.

Dass 2+2=4 ist, ist dem Mond ebenfalls herzlich egal. Ohne Menschen gibt es keine Mathematik. Es gibt vielleicht zwei Nüsse, und woanders noch zwei Nüsse, aber keine „zwei“ oder „vier“, keine Addition und keine Gleichung. In der Natur gibt es keine Mathematik. Es gibt nur Dinge, genauer gesagt Relationen, die Menschen mit Mathematik beschreiben können.

Das mag nach Spitzfindigkeiten klingen. Es ist aber wichtig, weil diese Passagen davon ausgehen, dass man mit naturwissenschaftlichen Beschreibungen einen exklusiven Zugang zur „objektiven“ Wirklichkeit habe, den andere Beschreibungen nicht haben. Das ist eine Illusion. Physikalische Beschreibungen sind in vieler Hinsicht exakter als andere, aber sie sind ebensowenig „die Sache selbst“ wie irgend eine andere Beschreibung. Man seziere eine Billardkugel und zeige mir, wo darin die „Kausalität“ versteckt ist. „Kausalität“ ist eine Beschreibung bestimmter Typen von beobachtbaren Abläufen und, wie alle Begriffe, eine konventionelle Verallgemeinerung. In der Natur gibt es solche Abläufe, aber keine Verallgemeinerung.

Dazu noch ein Gedankenexperiment: Wenn du mich fragst, was ich gestern gemacht habe, und ich dir für jeden gegebenen Zeitpunkt des gestrigen Tages die exakten Koordinaten aller Atome übermittle, aus denen ich bestehe, könnte man sagen, das sei eine sehr exakte Auskunft. Aber man könnte auch sagen, es ist vor allem eine gigantische Menge nutzloser Daten – und keine Antwort auf deine Frage, solange du die Daten nicht aufwändig in etwas Verständliches zurückübersetzt. Die Form meiner Beschreibung ist nicht zweckmäßig. Und sie ist insofern auch nicht exakt, als sie dich mit Informationen überschwemmt, mit denen du nichts anfangen kannst, während die Antwort „ich habe Karten gespielt“ knapp, sparsam und auf den Punkt ist, also exakt die Information liefert, die gefragt war, und den ganzen überflüssigen Quatsch wie zum Beispiel die Details meines Blutkreislaufs weglässt. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, die atomare Beschreibung als „realer“ anzusehen, zumal man aus ihr keine Erklärung für irgendein Verhalten generieren kann. „Er ist geflohen, weil er Angst hatte“ – man versuche mal, diesen Ablauf auf atomarer Ebene zu erklären. Warum sollte ausgerechnet eine Form der Beschreibung, die keine Erklärungen hergibt, realer sein als eine, die das tut?

Sie ist es nicht. Die mechanische Form der Erklärung ist für manche Zwecke, logischerweise vor allem physikalisch-technische, am besten geeignet, und für andere weniger gut oder gar nicht. Selbst innerhalb der Physik ist sie nicht für alles geeignet, so dass man dort in manchen Fragen auf Relativitätstheorie oder Quantenmechanik zurückgreifen muss. Mit real oder nicht real, objektiv oder nicht objektiv, hat das nichts zu tun.

Dies beinhaltet keinerlei Kritik an Naturwissenschaften oder -wissenschaftlern, vor denen ich großen Respekt habe. Einen eifersüchtigen „meins ist besser als deins“-Grabenkrieg zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern halte ich für ungefähr so albern wie Jungs gegen Mädchen. Ich wende mich hier nur dagegen, Wissen über eine Sache mit der Sache selbst zu verwechseln. Das ist ein Anfängerfehler. Wir haben keinen Zugang zur Sache selbst. Wir haben menschliches Wissen, das eine Verarbeitung menschlicher Wahrnehmungen ist, nicht mehr und nicht weniger.

(Weil ich das Gefühl habe, dass dieses Grundmissverständnis weiter verbreitet ist, weise ich kurz darauf hin, dass nicht nur schwulgrünlinke 68er-Sozialwissenschaftlerjournalisten einen konstruktivistischen Standpunkt vertreten. Moderne Naturwissenschaftler tun das ständig, auch wenn sie es nicht so ausdrücken. Besonders deutlich ist das zum Beispiel in der Kybernetik, die hauptsächlich von Natur- und Ingenieurswissenschaftlern geschaffen wurde und später die Systemtheorie und Komplexitätsforschung befruchtete, die heute hochaktuell sind. Diese beiden sind interdisziplinär, spielen aber eher in Ökologie, Biologie, Wirtschaftswissenschaft und Informationstheorie eine Rolle als in der Soziologie oder Politikwissenschaft, und haben viele praktische Anwendungen, zum Beispiel für Wettervorhersage und andere Simulationsmodelle. Der renommierte Biologe Umberto Maturana und der Physiker Heinz von Foerster, die aus der kybernetisch-systemtheoretischen Richtung kommen, werden dem „radikalen Konstruktivismus“ zugeordnet, auch wenn ersterer das ablehnt, und der Biologe Richard Lewontin beginnt sein Buch „Die Dreifachhelix – Gen, Organismus und Umwelt“ mit dem Satz: „Es ist unmöglich, Wissenschaft zu betreiben, ohne eine Sprache zu verwenden, die aus einer Vielzahl von Metaphern besteht“. Als Beispiele nennt er „Wellen“ und „Partikel“ (Teilchen), die DNA als „Blueprint“, ein Gen als „Information“. Das Buch ist übrigens sehr empfehlenswert. Ich beschränke die Wikipedia-Links aufs Nötigste, weil jeder selbst googeln kann und Wikipedia stinkt.)

Es folgt nun ein längerer Absatz darüber, „daß der Mensch sehr viel weniger bewußt und intelligent handelt, als er glaubt“.

Wie im Tierreich, es geht letztlich nur um Fressen und F…ortpflanzen, alles andere ist nachrangig und dient letztlich nur diesen beiden Hauptzielen. Der Mensch unterscheidet sich nicht durch sein Bewußtsein, seine Ethik oder Moral vom Tier, sondern nur davon, daß er diese beiden Ziele auf sehr viel komplexere Weise und mit mehr Rechenaufwand verfolgt.

Was nur eine andere Ausdrucksweise für dasselbe ist. Die Beschreibung der höheren psychischen Funktionen von Menschen als „Rechenaufwand“ ist in keiner Weise „realer“ als diejenige als „Bewusstsein“. Beides sind Beschreibungen, die in verschiedenen Zusammenhängen mehr oder weniger zweckmäßig sein können, mehr nicht. Bei „Rechenaufwand“ und „Programmen“ ist zudem offensichtlich, dass es sich um Computermetaphern handelt. Hier ganz ähnlich:

Juristen bilden sich ein, sie würden Juristerei betreiben. Tun sie nicht. In Wirklichkeit haben sich da nur unsere Verhaltensmuster verselbständigt und abstrahiert.

Ich bilde mir ein, ich würde sprechen. Tue ich nicht. In Wirklichkeit flattert da nur meine Zunge durch die Luft, die ich ausatme.

Allerweltsbeobachtungen wie die, dass Recht aus Abstraktionen besteht, werden in pseudobiologische Ausdrücke übersetzt, die dann als „die Wirklichkeit“ bezeichnet werden. Dass Rechtspraktiker Recht praktizieren ist dadurch irgendwie plötzlich keine Wirklichkeit mehr. Weil es nur eine menschliche Beschreibung ist? Und für HDs Beschreibungen gilt das nicht?

Jetzt aber kommen wir der Sache näher, was Moral ist.

Ich bin der Auffassung, daß es aber auch solche evolutionär entwickelten Verhaltensweisen gibt, die ebenfalls allein dem Überleben und der Fortpflanzung dienen, die aber das langfristige Verhalten und damit langsame Entscheidungen und Verhaltensgrundsätze, die langfristige Lebensstrategie betreffen. So wie Eichhörnchen eben nicht nur vor der Katze fliehen, sondern für den Winter auch Vorräte anlegen. Und dieses evolutionär entwickelte Langzeitverhalten, daß ist das, was wir als „Moral” bezeichnen. Das bringt das Gefühl für Gerechtigkeit, für Wohlverhalten, für moralische Anforderungen hervor.

Inzwischen hat sich die Theorie so weit, äh, entwickelt, dass sie diametral ihrer eigenen Ausgangsthese widerspricht, dass Moral nur im Auge des Betrachters liege. Langfristig evolutionär entwickelte Verhaltensmuster liegen ja wohl in den Organismen, die sich so verhalten. Außer wenn mit der Ausgangsthese gemeint war, dass diese Verhaltensmuster „an sich“ nicht „Moral“ heißen. Das wäre aber eine leere Aussage, weil es überhaupt nichts auf der Welt gibt, das „an sich“ irgendwie „heißt“.

Richtig ist, dass Moral ein Komplex an Verhaltensweisen ist, deren Funktion darin besteht, das Leben und Überleben in Gruppen zu sichern. Dass Menschen irgendwelche Mechanismen brauchen, um ihr Zusammenleben zu regulieren, ist offensichtlich. Und das ist es ja auch, was Philosophen mit einem allgemeinen „Sittengesetz“ meinen – Regeln, die in jeder menschlichen Gesellschaft gelten müssen, damit diese Bestand haben kann. Die Frage nach einem allgemeinen Sittengesetz ist die Frage, welche Regeln das sind.

Etwas anderes ist an dieser Stelle bzw. dieser Theorie aber erschreckend, und erschreckend wirklichkeitsfern. Das wird etwas weiter unten deutlicher:

So wie der Mensch unterschiedliche Hautfarben, groß oder klein ist, lange, kurze, dicke oder dünne Nasen hat, oder wie sich überhaupt die Tierarten an die Lebensbedingungen angepaßt haben, so gibt es auch verschiedene Verhaltensweisen, die wir evolutionär entwickelt haben und die an die Umweltbedinungen angepaßt sind.

So hat es sich unter manchen Bedingungen als günstig erwiesen, nicht den Einzelnen, sondern die Gemeinschaft zu fördern und kooperativ zu handeln, sich nicht gegenseitig zu benachteiligen. Entsprechende soziale Verhaltensweisen sind entstanden. Auch im Tierreich gibt es Tiere, die im Rudel mit Sozialsystem leben, weil es sich bewährt hat.

Heißt „evolutionär entwickelt“, dass gemeint ist, die Unterschiede im Sozialverhalten seien genetisch codiert und vererbt? Oh Gott. Oh Gottogott.

Wieso können Gesellschaftsstrukturen und mit ihnen Verhaltensweisen sich dann innerhalb einer Generation, sogar im Ernstfall innerhalb von Tagen, radikal verändern, etwa durch Revolution, Bürgerkrieg, Spaltung von Gruppen usw.? Wieso entwickelt dann ein Säugling, der unter ägyptischen Nomaden geboren und dann sofort nach Manhattan gebracht wird und dort aufwächst, perfekte Manhattaner Verhaltensweisen und eine völlig andere Moral als seine nomadischen Eltern? Wieso kommt Philip Rösler rüber wie ein ganz normaler deutscher Streber?

Es wäre eine wissenschaftliche Revolution, wenn es stimmen würde, dass verschiedene Menschengruppen verschiedene genetisch codierte Verhaltensmuster aufweisen. Aber so ist es hier dargestellt:

Wie man auch im Tierreich leicht sehen kann, gibt es unterschiedliche Strategien. Manchmal ist die strikte Partnertreue der Weg zum Überlebenserfolg. Unter anderen Bedingungen kann es die Promiskuität, der wilde Gruppensex sein.

[…]

Menschliche Moral läuft nicht anders. Manche haben eben das Programm, eine offene Sexualität zu betreiben, weil sich das evolutionär bewährt hat. Sie werden Minirock und „Spaßvögeln” außerhalb der Ehe nicht als strategiewidrig und damit auch nicht als unmoralisch bewerten.

Manche haben das Programm? Wie kann sich ein Programm evolutionär für manche bewährt haben und für andere nicht? Hat jeder seinen eigenen individuellen Evolutionsprozess? Wiedergeburt? Es scheint wirklich so zu sein, dass dieses „manche“ sich auf Einzelpersonen bezieht:

Und es gibt Männer, deren Verhaltensprogramm darauf hinausläuft, ähnlich wie bei den Nagetieren und den Pavianen zu verhindern, daß Frauen Kinder von anderen Männern austragen.

Sorry, aber eine Aussage der Form, für manche Individuen einer Population hat sich X evolutionär bewährt, ist einfach sinnlos. Und wenn es doch auf Gruppen und nicht auf Individuen bezogen sein soll, dann ist das eine rassische Erklärung von Verhalten, für die es keine Belege gibt. Und es ist ja nicht so, als ob nie jemand nach solchen Belegen gesucht hätte.

Die Theorie noch mal auf eine Formel gebracht:

Moral ist die Übereinstimmung mit unserem genetisch vererbten (und durch Erziehung und Erfahrung ergänzten) Verhaltensprogramm.

In der etwas unentschlossenen Klammer spiegelt sich eine theoretische Unklarheit, die auch schon den Text zur Ausländerfeindlichkeit durchzog, nämlich die, dass dauernd Lernen und biologische Selektion miteinander vermengt werden und das Verhältnis zwischen beiden nicht geklärt oder wenigstens diskutiert wird. Wenn eine Theorie keine Klarheit darüber hat, was sie als genetisch selektiert und was als sozial entwickelt und vererbt und damit kulturell variabel ansieht, dann weiß diese Theorie selbst nicht, was sie eigentlich behauptet.

Es wird noch wilder, aber mir reicht’s dann auch langsam. Nur eine Frage hätte ich noch. Wenn Moral die „Übereinstimmung mit unserem genetisch vererbten (und durch Erziehung und Erfahrung ergänzten) Verhaltensprogramm“ ist, warum müssen dann alle Gesellschaften so einen Aufwand an sozialer Kontrolle zum Beispiel durch Mahnungen, Belehrung, Tabus, Lob und Tadel, Scham und Schuld, Fantasien von Himmel und Hölle, Bedrohung, Überwachung, Bestrafung usw. treiben, um moralisches Verhalten auch nur halbwegs aufrechtzuerhalten – zu mehr als halbwegs reicht es ja nie? Wenn jetzt Anarchie ausbräche und wir für einen Moment frei von allen Zwängen wären – würden wir dann alle unseren inneren Strebungen nachgeben und uns plötzlich alle perfekt moralisch verhalten, weil unser Inneres uns das diktiert?

moewe

Aber ich kann es mir schon denken. Der Mord und Totschlag, der dann das Bild prägen würde, wäre ganz leicht mit dem Dominantwerden archaischer Raubtier-Fluchtprogramme zu erklären. Die brechen ja immer durch, wenn eine Theorie in Lebensgefahr ist.

Ein tl;dr zum Schluss

Trotz seiner Verdienste um die Genderismus-Kritik, einschließlich der vielleicht noch kommenden, fällt es schwer, HD bedenkenlos zu unterstützen. Denn er vertritt nicht die rigorose Wissenschaftlichkeit, die zu vertreten er den Eindruck erweckt, sondern einen eigenen Irrationalismus, der sich schätzungsweise je zur Hälfte aus naturwissenschaftlichen oder vielmehr naturwissenschaftlich klingenden Versatzstücken und aus seinen Intuitionen, Neigungen und Abneigungen zusammensetzt. Er macht Sozialwissenschaftler und Philosophen zu einem Feindbild, ohne das zu begründen, und kann es auch gar nicht begründen, da er selbst elementare Grundlagen der betreffenden Disziplinen sowie der Wissenschaftstheorie und -geschichte nicht zur Kenntnis nimmt. Da das Glaubenssystem des Genderismus sich vor allem auf Annahmen über die menschliche Natur und Gesellschaft stützt, stellt sich die Frage, ob er nicht qualifizierter und glaubwürdiger von jemandem kritisiert werden kann, der sich mit so was auskennt oder es wenigstens nicht aus Prinzip ablehnt, sich darüber zu informieren.

Zugegeben – um zu widerlegen, dass Geschlechter im 18. Jahrhundert erfunden wurden, wie HD zufolge in einem deutschen Gender-Lehrbuch behauptet wird, braucht man sich mit nichts auszukennen. Man braucht nur irgendein historisches Dokument aus dem siebzehnten. Es bleibt aber das Problem, dass sein Engagement sich nicht nur gegen Genderismus richtet, sondern gegen eine rationale Auseinandersetzung mit Fragen und Problemen der Gesellschaft schlechthin, denn die wird in den Sozialwissenschaften (was nicht heißt: von allen Sozialwissenschaftlern) versucht. Man muss sich überlegen, ob man das unterstützen will, zumal wenn man die dazu anschlussfähigen rechten Feindbilder und Verschwörungstheorien bedenkt, die oben angesprochen wurden.

Die Frage der Glaubwürdigkeit ist außerdem auch eine strategische. Die Klage hat Skandalisierungspotential und es wäre schön, wenn man Journalisten dafür interessieren könnte. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass ein Journalist, der HDs Blog einschließlich der Kommentare überfliegt (und dort dafür beschimpft wird, Journalist zu sein), sich so dazu bewegen lässt, der Sache einen Vertrauensvorschuss zu geben und seine knappe Zeit in die umfangreiche Klageschrift zu investieren.

Aus den Rundumbeschimpfungen und Pauschalurteilen ergeben sich für mich auch Schwierigkeiten damit, HD als glaubwürdige Quelle anzusehen. Wenn er in seiner farbigen Ausdrucksweise berichtet, die Gender-Literatur, die er zur Kenntnis genommen habe, sei „wissenschaftlich gar nichts“ und nur „Geschwafel“ und „dummes Zeug“ etc. (Gedächtniszitate), war ich zunächst geneigt, ihm das einfach zu glauben. Inzwischen kann ich es nicht mehr für bare Münze nehmen, weil er ganz ähnliche Formulierungen auch in anderen Zusammenhängen gebraucht, wo ich zufällig weiß, dass es nicht stimmt – außer, wie gesagt, wenn man sich an den jeweils schlechtesten Werken eines Faches orientiert. Das aber wäre irrational, weil man dann schlechte Arbeiten zum Anlass nähme, gute Arbeiten und das Potential für weitere gute Arbeiten in der Zukunft in die Tonne zu kloppen.

Dagegen

Voilá, mein Katalog verbotener Wörter und Redewendungen.

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