Eigentlich ist es nicht witzig, weil es um Leben und Tod geht. Aber es ist eben auch absurd.

Wenn man den Koalitionsvertrag (PDF) daraufhin durchsieht, was er über Frauen, Männer, Frauen*, Männer* und Frauenförderung Gleichberechtigung enthält, findet man zunächst das übliche. Zum Beispiel, dass „Gewalt an Frauen und Kinder“ (sic) konsequent bekämpft werden und es dafür Frauenhäuser und -hilfetelefone geben soll (S. 104), während Gewalt gegen Männer nicht als Problem gesehen, jedenfalls nirgends in dem 180-Seiten-Dokument erwähnt wird.

Dabei ist es ja was Gutes, wenn gegen Gewalt „an Frauen und Kinder“ vorgegangen wird, weniger Gewalt ist immer besser als mehr Gewalt, abgesehen von Fällen wie Notwehr und -hilfe oder Intervention bei Genoziden, was in größerem Maßstab das gleiche ist. Aber warum muss die Gruppe der Opfer, denen Schutz und Hilfe zusteht, künstlich kleiner gehalten werden als die Gruppe der Opfer faktisch ist? Der Soziologe Gerhard Amendt hatte zum Beispiel die Idee, Frauenhäuser abzuschaffen, dafür aber „Zentren für Familien mit Gewaltproblemen“ einzurichten, „die allen Familienmitgliedern professionelle Hilfe jenseits von politischen Ideologien leisten“. Das ist der, der sich auch gegen Frauenquoten ausspricht, u.a. mit dem Argument, dass diese „dem Ansehen von Frauen in höchstem Maße abträglich“ seien, „weil sie deren Leistungsbereitschaft infrage stellen“. Außerdem störten sie „das gesunde produktive Beziehungsgefüge und belasten bereits den sozialen Frieden in Unternehmen, Bildungsinstitutionen und Verwaltungen“. Dafür wurde er ja neulich von der Fachschaft der TU Berlin von einer Podiumsdiskussion zur Frauenquote ausgeladen. Nach wütenden Protesten im Vorfeld der Veranstaltung hieß es aus der Fachschaft:

Dass viele Menschen die Einladung eines solchen Herrn als Beleidigung aufnehmen könnten, war uns nicht bewusst.

Dass viele Menschen die Formulierung „eines solchen Herrn“ als die Beleidigung verstehen müssen, die sie ist, offenbar auch nicht.

Wir sehen ein, dass es falsch war, einem Redner mit solch radikalen Einstellungen eine Bühne zu bieten, und haben Prof. Amendt daher ausgeladen.

Klar: Wenn eine bestimmte politische Maßnahme diskutiert werden soll, dann ist eine Ablehnung dieser Maßnahme mit der Begründung, dass sie gemessen an ihrem eigenen Ziel kontraproduktiv sei, weil sie andere Folgen als die gewünschten habe, einfach zu radikal für so eine Diskussion. Macht Sinn. Profis besetzen Podiumsdiskussionen traditionell sowieso vorzugsweise mit fünf Mal derselben Meinung, so zum Beispiel Alice Schwarzer („Hier oben sitzt, wer Prostitution generell für ein Übel hält„).

Na ja, jedenfalls gut, dass die Idee eines allgemeinen Vorgehens gegen Gewalt, eines Vorgehens zur Unterstützung der Familien, die das brauchen könnten, wie jeder weiß, der es mal bei den Nachbarn rumpeln gehört oder eine überforderte Mutter ihr Kleinkind zusammenscheißen gesehen hat, eine Initiative zur professionellen Unterstützung aller Opfer von Gewalt in der Familie keine Bühne bekommt. Was erlauben Amendt?

Aber zurück zum Thema. Das ist ja alles nur das Übliche, und die Frauenquote für Aufsichtsräte wurde schon viel diskutiert, wenn das auch im akademischen Umfeld Berlins nicht möglich ist. An einer anderen Stelle aber wurde der Koalitionsvertrag überraschend und wie aus dem Hinterhalt noch einmal interessant:

Die Koalition erkennt die Schlüsselrolle von Frauen sowohl bei der Prävention als auch bei der Regelung von Konflikten an. Sie wird den Nationalen Aktionsplan zur VN-Resolution 1325 in enger Abstimmung mit der Zivilgesellschaft schrittweise umsetzen (S. 171).

Das ist ein eigenständiger kleiner Absatz im Bereich Außenpolitik („Verantwortung in der Welt“), der mit dem Text davor und danach nicht direkt etwas zu tun hat, nicht näher erläutert wird und dadurch ein bisschen verloren wirkt, aber auch eine gewisse schillernde Faszination ausstrahlt. Ich jedenfalls hatte von der Schlüsselrolle von Frauen sowohl bei der Prävention als auch bei der Regelung von Konflikten, die hier als bekannt vorausgesetzt wird, noch nie etwas gehört. Mir fiel spontan kein Beispiel dafür ein, dass Frauen in ihrer Eigenschaft als Frauen einen Konflikt beigelegt oder verhindert hätten, noch nicht mal ein hypothetisches Szenario, wie das aussehen könnte. Michelle Obama fällt Barack in den Arm? Femen stürzen sich zwischen die Fronten und zwingen die Truppen, das Feuer einzustellen? Frauen reden ihren wehrpflichtigen Männern ins Gewissen und die verweigern dann die Befolgung des Schießbefehls? Worin besteht die Schlüsselrolle von Frauen bei der Prävention und Regelung von Konflikten? Was ist UN-Resolution 1325?

Um das Konzept hinter Resolution 1325 zu verstehen, ist ein kleiner Exkurs nötig. Die bisher lückenloseste und kompetenteste Darstellung von politischen Strategien dieser Art, die es auch in anderen Bereichen gibt, findet sich in der Folge Gnomes der Serie South Park. Darin treiben Underpants Gnomes ihr Unwesen, in der deutschen Fassung Unterhosenwichtel, die nachts in Wohnungen eindringen und dort Unterhosen stehlen. Es kommt schließlich dazu, dass sie von den Kindern ertappt werden und diese dann in ihre Zwergenhöhle mitnehmen, um ihnen alles zu erklären.

Bei der Recherche entdeckte ich, dass schon vor zwei Jahren der Ökonom Art Arden auf die realpolitische Relevanz des dreistufigen Unterhosen-Businessmodells hinwies:

It’s fair bet that a lot of the policy proposals that come into your field of vision are based on a view of the world more appropriate to the Underpants Gnomes from South Park than serious and reasoned discussion. […] The argument usually proceeds as follows:

Phase 1: Pass a law.
Phase 2: ?
Phase 3: virtue and/or prosperity.

Diesem Konzept folgt exakt Resolution 1325. Dabei ist Phase 1, man kann es sich denken: mehr Frauen. Phase 3 ist Frieden. Phase 2: ?

Man kann sich hier durch einige Statements von Befürwortern klicken, die erklären, warum Resolution 1325 nötig und wichtig ist. Zum Beispiel Frau Dr. Inge von Bönninghausen, Vorsitzende des Deutschen Frauenrats e.V.:

Ich unterstütze den Aktionsplan zur UN-Resolution 1325, weil wer Frieden ernst meint, die Resolution 1325 umsetzen muss – sofort!

Warum? Weil muss! Nee, is klar. Weitere Erklärungen:

… weil mehr Weiblichkeit mehr Menschlichkeit bedeutet. (Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter in Zusammenarbeit mit Bergrun Richter)

… weil ohne Frauen der Frieden nicht bombensicher ist. (Ulrike Helwerth, Vorsitzende des Journalistinnenbundes)

… weil ohne Frauen eine friedliche Welt nicht möglich ist. (Konstantin Wecker, Liedermacher)

„Ohne Frauen“ ist überhaupt keine Welt möglich, in der es Menschen gibt. Aber wer verfolgt denn auch das Ziel einer Welt oder eines Friedens „ohne Frauen“? Was soll das eigentlich heißen, „ohne Frauen“? Kann ein Friedensvertrag nicht wirksam sein, wenn er von Männern ausgehandelt wird? Gibt es dafür irgendwelche historischen Belege?

Der UN-Sicherheitsrat, heißt es in der Resolution,

 fordert die Mitgliedstaaten nachdrücklich auf, dafür zu sorgen, dass Frauen in den nationalen, regionalen und internationalen Institutionen und Mechanismen zur Verhütung, Bewältigung und Beilegung von Konflikten auf allen Entscheidungsebenen stärker vertreten sind;

[…]

bekundet seine Bereitschaft, in die Friedenssicherungseinsätze eine Geschlechterperspektive zu integrieren, und fordert den Generalsekretär nachdrücklich auf, sicherzustellen, dass bei Bedarf auch für Geschlechterfragen zuständige Elemente in Feldmissionen aufgenommen werden

[…]

fordert die Mitgliedstaaten nachdrücklich auf, ihre freiwillige finanzielle, technische und logistische Unterstützung von Trainingsmaßnahmen zur Sensibilisierung in Geschlechterfragen zu verstärken, […]

fordert alle beteiligten Akteure auf, bei der Aushandlung und Umsetzung von Friedensübereinkünften eine Geschlechterperspektive zu berücksichtigen, die unter anderem auf Folgendes abstellt:

a) die besonderen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen während der Rückführung und Neuansiedlung sowie bei der Normalisierung, der Wiedereingliederung und dem Wiederaufbau nach Konflikten;

b) Maßnahmen zur Unterstützung lokaler Friedensinitiativen von Frauen und autochthoner Konfliktbeilegungsprozesse sowie zur Beteiligung von Frauen an allen Mechanismen zur Umsetzung der Friedensübereinkünfte;

c) Maßnahmen zur Gewährleistung des Schutzes und der Achtung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen, insbesondere im Zusammenhang mit der Verfassung, dem Wahlsystem, der Polizei und der rechtsprechenden Gewalt;

Ja, Krieg ist schrecklich, wie die Taliban mit Frauen und Mädchen umgehen, ist schrecklich, Vergewaltigungen sind schrecklich, in vollem Ernst. Aber wieso sind Männer und Jungen von all dem ausgenommen? „Achtung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen“ – fehlt da nicht was? Warum heißen die Dinger nochmal „Menschenrechte“?

Die Resolution fordert eigentlich zwei Dinge, wobei nur unterstellt wird, dass die viel miteinander zu tun haben, nämlich zum einen die Beteiligung von Frauen an Interventionen, vom Fußvolk bis in die hohe Politik, und zum anderen mehr Aufmerksamkeit für betroffene Frauen in dem die Intervention „empfangenden“ Land. Als wüsste eine Wohlstandsfrau in einem NATO-Land automatisch, was den Frauen in Namibia fehlt; als wäre ein Mann nicht in der Lage, eine Menschenrechtsverletzung zu erkennen, wenn das Opfer eine Frau ist; zu schweigen von der magischen Verbindung zwischen Frauen und Frieden, die hier angenommen wird. Ich muss mich kurz schamlos selbst zitieren:

Ist der Drohnenkrieg der USA besser, da er von Obama geführt wird, als wenn er von Romney geführt würde? Wäre er noch besser, wenn er von Hillary Clinton geführt würde? Und dann noch einmal besser, wenn die lesbisch wäre?

Das ist nur hypothetisch, das hier aber nicht:

On May 12, 1996, [Madeleine] Albright defended UN sanctions against Iraq on a 60 Minutes segment in which Lesley Stahl asked her „We have heard that half a million children have died. I mean, that’s more children than died in Hiroshima. And, you know, is the price worth it?“ and Albright replied „we think the price is worth it.“ Albright later criticized Stahl’s segment as „amount[ing] to Iraqi propaganda“; said that her question was a loaded question; wrote „I had fallen into a trap and said something I did not mean“; and regretted coming „across as cold-blooded and cruel“. Sanctions critics took Albright’s failure to reframe the question as confirmation of the statistic. The segment won an Emmy Award.

Endlich wieder mal ein Emmy Award für eine Frau, das ist doch ein schöner Fortschritt und macht die Welt gleich acht Pfund menschlicher. Eine Frau hat 500.000 Kindern Frieden gebracht, davon mutmaßlich die Hälfte Mädchen.

england

Leckere Männertränen für Faselpiratinnen: Lynndie England macht die Welt menschlicher

Ich sag’s euch nicht gern, aber Frauen sind keine besseren Menschen.

Das leitet zu der sowieso interessanten Frage über, wie das eigentlich aussieht, wenn bei Interventionen, sei es durch Luftschläge, Bodentruppen oder Sanktionen, die besonderen Bedürfnisse von Frauen und Kindern respektiert werden. Legt man eine Mittagsruhe ein und macht um neun abends Schluss? Lässt sich unter Beteiligung von Frauen endlich die Idee des sauberen Krieges verwirklichen?

Es ist nicht zu bestreiten, dass Frauen und Kinder unter Krieg und unter so manchem Regime schwer leiden. Aber Krieg unter Wahrung der Menschenrechte ist ein Widerspruch, und soweit Krieg irgendwie gezähmt oder begrenzt werden kann, stellt sich die Frage, warum die Anliegen der Resolution nicht theoretisch und praktisch in den Menschenrechten enthalten sind. Ist wirklich davon auszugehen, dass ein Mann, der irgendwie den Auftrag hat, einen Bericht über die Menschenrechte in einem bestimmten Land oder über die voraussichtlichen Menschenrechtsprobleme bei Intervention oder Wiederaufbau zu verfassen, dabei einfach komplett die Frauen übersieht – wenn man dieses Amt nicht gerade einem zugekoksten saudischen Prinzen überträgt? Würde ihm nicht auffallen, dass Vergewaltigungen Menschenrechtsverletzungen sind? Braucht man einen Aktionsplan, um gegen „Kriegsverbrechen gegen Frauen“ vorzugehen, weil man allgemein „Kriegsverbrechen“, wie das Wort ja schon sagt, für okay hält?

Natürlich ist erst mal wahrscheinlich, dass ein Menschenrechtsbeauftragter oder -berater nicht sämtliche Anliegen der Frauen im betreffenden Land auf dem Schirm hat. Um dem abzuhelfen, gibt es nur einen vernünftigen Weg: Er müsste mit ihnen sprechen. Aber das gilt generell, wenn man sich ein Bild von der Lebenssituation in einem fremden Land machen will, dass man dazu mit Einheimischen sprechen und diese möglichst umfangreich beteiligen muss, wenn man nicht blindwütig in etwas hineinregieren will, das man nicht versteht. Das würde Frauen natürlich einschließen. Welchem westlichen Menschenrechtsbeauftragten würde das nicht auffallen, wenn er ausschließlich Kontakt zu Männern und männlich besetzten Gruppen in einem Land unterhält, in dem Frauen benachteiligt sind? Was müsste das für ein Trottel sein?

Das ist das Gefährliche an der Zauberformel mehr Frauen = bessere Welt; hier wird überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass Interventionen in fremde Länder generell Menschenrechtsfragen aufwerfen und notorisch dazu neigen, unberechenbare Konsequenzen nach sich zu ziehen, unter denen dann auch Frauen und Kinder leiden. Man muss das nur Frauen machen lassen, dann wird alles gut. Das Gunda-Werner-Institut verstieg sich schon mal dazu, für „Friedensprozesse und Sicherheitspolitik“ Frauenquoten zu fordern.

Quotenfrauen in Ämtern und Institutionen, die über Leben und Tod und das Schicksal von ganzen Gesellschaften entscheiden. No shit.

Im deutschen Aktionsplan zur Umsetzung der Resolution werden u.a. drei Hauptziele formuliert (S. 6):

– Wirksamer  Schutz  von  Frauen  und  Mädchen  vor  Menschenrechtsverletzungen.

– Wirksamer  Schutz  von  Frauen  und  Mädchen  in  Konflikten  vor  sexueller Gewalt.

– Wirksame  Strafverfolgung  bei  sexueller  Gewalt  und  anderen  Verbrechen gegen Frauen und Mädchen.

Natürlich alles richtig – aber muss man daraus schließen, dass Männer und Jungen vor all dem nicht geschützt werden sollen, oder sogar, es schon ausreichend sind? Ist es nicht vielmehr bekanntermaßen so, dass Männer, sofern sie aus dem Krieg überhaupt zurückkommen, dann feststellen müssen, dass sie fürs Leben traumatisiert sind und sich tendenziell keine Sau dafür interessiert?

In dem in gebrochenem Englisch verfassten Wikipedia-Eintrag zu Resolution 1325 ist ein Artikel im Ms. Magazine verlinkt, worin es heißt:

Not only are women at highest risk during a war, …

Moment. Wenn Männer freiwillig oder unfreiwillig im Auftrag ihrer Regierungen in den Krieg ziehen und sich gegenseitig umbringen, dann sind Frauen am meisten gefährdet? Ist das manipulative Präsuppusition – oder einfach die Annahme, dass es keine Gefährdung oder Rechtsverletzung darstellt, wenn Männer sich opfern und geopfert werden, weil das eben zu ihren normalen Aufgaben gehört? Wenn das die Annahme ist, sind Menschenrechte in Wirklichkeit tatsächlich exklusiv Frauenrechte, und die Wahrung dieser exklusiven Frauenrechte, die Menschenrechte genannt werden, verlangt die Aufrechterhaltung stereotyper Geschlechterrollen.

Aber wenn sie so ehrlich wären, würde all das eben nicht mehr einstimmig durchgewunken. Auch von Frauen nicht. Nur von Feministinnen, den einzigen, die von so einer Politik profitieren.

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