An sich ist der Text zu unwürdig unwichtig, um ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken. Er stammt nur aus einer Studentenzeitung der McGill University in Quebec, also nicht gerade der New York Times. Robin Urban kritisierte Arne Hoffmann bereits dafür, dass er ihn überhaupt zitierte, handele es sich doch offensichtlich nur um „ein paar verwirrte Trottel […], für die diese Aktion angeblich irgendwas-istisch ist„, wobei mit „Aktion“ Movember gemeint ist. Dazu weiter unten. Dem „verwirrte Trottel“ kann man zustimmen, aber seltsam ist, dass Urban im selben Text das Mädchenmannschaft-Blog als positives Beispiel erwähnt, das Männerrechtler nachahmen sollten, obwohl doch dort von genau derselben Dogmatik ausgehend ständig herumtheoretisiert wird, wie irgendwas-istisch alles ist. Ja, wenn der Text ein Einzelstück wäre, wäre er nicht der Rede wert. Man würde ihn wahrscheinlich für eine Satire halten. Da er aber eben kein Einzelstück ist, sondern seine genderistischen Grunddogmen höchstens etwas komprimierter und schlichter darbietet als z.B. bei der Mädchenmannschaft üblich, kann er als Material dienen, um sich ein paar dieser Dogmen genauer anzusehen. Darauf gestoßen bin ich via hier und dann hier.

Movember wurde in Deutschland weitestgehend „verschusselt“ (Arne Hoffmann). Deswegen noch mal kurz zur Erklärung. Ursprünglich stammt das ganze aus Australien. Die Idee ist, dass Männer sich alljährlich im Monat November Schnurrbärte wachsen lassen, um auf Probleme männlicher Gesundheit, insbesondere Prostatakrebs, aufmerksam zu machen. Dabei wird Geld gesammelt und an entsprechende Forschungseinrichtungen gespendet. In der Campuszeitung McGill Daily nun kritisiert ein Ralph Haddad „Movember as micro-aggression“ – ein schöner Treffer, wenn es denn so satirisch gemeint wäre, wie es klingt. Genauer:

what once started out as a harmless campaign has become sexist, racist, transphobic, and misinformed.

Na dann mal los.

Despite Movember claiming to be a global movement, it assumes privilege and a certain relation to class on behalf of the participant, which is only found in certain parts of the world.

Wenn man das ernst nimmt, müssen wir generell jede politische und soziale Bewegung abschaffen, weil solche Bewegungen immer von der Weltsicht und den Lebenslagen derjenigen geprägt sind, die sie zuerst hervorbringen. So etwas wie ein „global movement“ kann es so gesehen gar nicht geben. Aber Movember meint mit global movement wohl auch kaum, alle Interessen aller Menschen auf der Welt zu repräsentieren, sondern nur, dass Menschen aus aller Welt dabei mitmachen können. Können wohlgemerkt, nicht müssen. Es gibt bestimmt viele, die dazu eher sagen würden, nö, lass mal, wir haben andere Probleme. Das ist in Ordnung, und es ist wünschenswert, dass diese Leute dann eine eigene Bewegung starten, die sich auf ihre Probleme konzentriert. Der Anspruch, alles, was Menschen als öffentliche Akteure tun, müsse alle Interessen aller berücksichtigen und repräsentieren, kann nur zur vollständigen Lähmung politischen Handelns führen, weil er ganz unmöglich zu erfüllen ist. Es führt zu einem grandios anmaßenden, selbstgerechten Imperialismus, der andere in ihrer Besonderheit gerade nicht achtet, zu glauben, dass man dazu in der Lage sei. Gleichzeitig ist es die Grundlage der Konstruktion eines ständigen Kriegszustands („Gesamtscheiße“), so zu tun, als wäre es automatisch gegen jemanden gerichtet, wenn ich seine mir unvermeidlich zum größten Teil unbekannten Anliegen nicht ständig zu den meinen mache.

Übrigens … was ist mit den Frauen, die für sexuelle Selbstbestimmung Abtreibung demonstrieren? Unterstellen die nicht auch, dass zum Beispiel gut ausgebildete und ausgestattete Ärzte zur Verfügung stehen? Gilt das für alle Frauen auf der Welt? Privilegienscheiße!

It is also wrong that Movember aims to link masculinity and being a man to secondary male characteristics, including having a prostate and being able to grow a moustache. To be completely clear, you don’t have to be a man to have a prostate, and you don’t have to have a prostate to be a man. Being a man, according to Movember, implies an archaic view of gender that implies that only a male/female gender binary exists, and that you aren’t really a man if you don’t necessarily identify with that binary.

Kann man so sehen, wenn man einem simplen, augenzwinkernden, kulturübergreifend verständlichen, kampagnentauglichen Symbol den Anspruch andichtet, eine Letztwahrheit über menschliche Geschlechtsidentitäten und -merkmale zu verkünden. Es ist ein Symbol, himmelhergott! Natürlich ist es vereinfachend und pointiert. Das sind alle Symbole mehr oder weniger, und besonders solche, die vielen verschiedenen Menschen in Bezug auf ein öffentliches Anliegen Orientierung bieten sollen.

Dieses Problem der Genderisten mit dem öffentlichen Charakter von Symbolen und generell von Sprache sitzt tief. Hier zeigt sich das in dem Wörtchen „only“. Nein, das Symbol des schnurrbärtigen, eine Prostata sein eigen nennenden Mannes impliziert nicht, dass es nur männlich und weiblich gibt. Es impliziert, dass es männlich und weiblich gibt, und dass tendenziell gilt, je männlich, desto Schnurrbart. Man kann männlich und weiblich problemlos auch als äußere Punkte eines fließenden Kontinuums mit vielen Abstufungen sehen. Das würde überhaupt nichts an der Assoziation von Männlichkeit mit Schnurrbärten ändern, weil die zum männlichen Ende des Kontinuums signifikant häufiger auftreten werden. Die Erwartung, dass solche Globalkategorien alle Attribute und Identitätsmerkmale aller einzelnen Menschen abbilden sollen, die damit kategorisiert werden, läuft auf fundamentaler Ebene dem Prinzip Sprache zuwider. Ein Begriff, der in allen Einzelheiten und aller Besonderheit mich beschreibt, könnte kein Teil einer lebendigen Sprache sein, weil er eben nur auf mich anwendbar und damit für 99,99999993889999 Prozent der Menschen unverständlich und bedeutungslos wäre. Einen solchen Begriff kann es nicht geben.

Das ist auch die Idiotie und der Narzissmus der personalisierten Personalpronomen. Ich fühle mich nicht als ein „er“ und auch nicht als eine „sie“, ich möchte also, dass ihr mich von nun an Loretta nennt, dass ihr euch von nun an mit dem Pronomen umpf auf mich bezieht. Was hat umpf da wieder geschrieben? Und so weiter. Das ist dann ganz individuell. Umpf, das bin nur ich, damit identifiziere ich mich, da fühle ich mich abgebildet.

Nur: Umpf enthält keine Information mehr darüber, wie ihr mich seht.

Pronomen sind normalerweise persönlich und öffentlich zugleich, denn ich identifiziere mich damit, ein „er“ zu sein, und ihr seht mich auch als einen „er“. Wir haben also eine sprachliche Übereinkunft über mich. So etwas ist wichtig, denn wenn ich mich zum Beispiel für Napoleon halte, dann ist das nur in dem Fall unproblematisch, dass ich Napoleon bin, dass mich also auch alle anderen für Napoleon halten. Dass darüber, mit anderen Worten, eine Übereinkunft besteht. Ihr könnt mich aber gar nicht für umpf halten, weil umpf keine Bedeutung in irgendeiner euch bekannten, lebendigen Sprache hat. Wenn ich also darum bitte, umpf genannt zu werden, dann heißt das: mich interessiert nicht, wie ihr mich seht, ihr sollt mir nur zurückspiegeln, wie ich mich sehe. Und wenn ihr darauf eingeht, beißt ihr euch auf die Zunge und tut so, als wäre umpf ein Wort, obwohl ihr wisst, dass es keins ist, lobt damit nicht nur des Kaisers neue Kleider, sondern tut auch noch so, als würdet ihr damit seine individuelle Identität würdigen.

Es ist ein Zusammenbruch der Kommunikation, der Beziehung und des Respekts.

Es ist nicht, ich wiederhole,  n i c h t  die Aufgabe von Personalpronomen oder überhaupt irgendwelchen einzelnen Wörtern, irgendjemandes individuelle Identität erschöpfend abzubilden. Natürlich ist mit „Mann“ oder „Frau“ nicht alles über einen Menschen gesagt, und auch nicht über seine Geschlechtsidentität. Männer können sich stark darin unterscheiden, wie sehr sie sich mit Frauen identifizieren oder ihnen ähnlich fühlen, wie viele weibliche gute Freunde und gemeinsame Interessen mit ihnen sie haben, wie wohl sie sich in Männerrunden fühlen, in welchem Maß sie Frauen als gegensätzlich zu sich selbst wahrnehmen, was sie sich unter „typisch“ männlichen und weiblichen Eigenschaften oder attraktiven männlichen und weiblichen Eigenschaften vorstellen und wie weit sie sie verkörpern oder verkörpern wollen, in welchem Maß sie vielleicht homoerotische Gefühle oder eine Abneigung dagegen haben usw. usf., und für Frauen gilt das genauso. Das können sie aber alles immer noch, wenn sie sich mit allgemeinen Begriffen als „Mann“ und „Frau“ bezeichnen (lassen). Genderisten und Feministen beklagen, dass Menschen in ein Binärschema männlich/weiblich gepresst würden – aber niemand weit und breit presst da so beharrlich und vehement wie sie selbst. Ohne sie wäre nie jemand auf die Idee gekommen, dass ein Mensch mit der Bezeichnung „Mann“ oder „Frau“ vollständig definiert sein könnte.

Immerhin liefert Haddad im letzten Satz des zitierten Absatzes eine gelungene Pointe, indem er sich darüber beschwert, dass aus der Sicht von Movember jemand, der sagt, ich sehe mich nicht als Mann, nicht wirklich ein Mann sei. Muss man kurz drüber nachdenken, aber Vorsicht – mit Knoten im Hirn ist zu rechnen.

Dann ist da noch das Verdikt „racist“. Haddad streut Grafiken ein, die zeigen, dass Schwarze häufiger von Prostatakrebs betroffen sind als Weiße.

 This begs the question: who are all these white cisgender men fundraising and growing moustaches for?

Dabei ist erstens unklar, woher er die Information hat, dass nur Weiße an Movember teilnehmen. Schwarze können sich ja nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen auch einen Schnurrbart wachsen lassen. Aber auch wenn es stimmt, dass nur Weiße teilnehmen – ist es dann nicht eher nett von diesen Weißen, dass sie für alle Männer auf das Risiko von Männerkrankheiten aufmerksam machen und Geld für medizinische Forschung sammeln, wovon dann auch die nicht teilnehmenden Schwarzen profitieren? Wenn Schwarze nicht an Movember teilnehmen, ist das dann nicht einfach ihre eigene Entscheidung?

„Transphobic“:

No wonder Movember is exclusionary to trans* people: how are people who do not identify with that [established and outdated gender] binary and have a prostate supposed to partake in this cause?

Indem sie spenden? Sich einen Schnurrbart wachsen lassen? Die Sache einfach gut finden und weiterempfehlen?

Wie sollen arme Hartz-IV-Empfänger für malaysische Flutopfer spenden? Wie sollen Querschnittsgelähmte an einem Benefiz-Marathonlauf teilnehmen? Wie sollen Atheisten für Frieden auf Erden beten? Wie sollen Leute, die sich mit keiner der etablierten Parteien identifizieren, an einer Bundestagswahl teilnehmen? Wie sollen Heterosexuelle beim Christopher-Street-Day mitfeiern? Wie sollen sexuell belästigte Frauen, die kein Internet haben, einen #aufschrei twittern? Wie sollen Historiker einen Teilchenbeschleuniger reparieren? Wie sollen normale Leute aus jeder Mücke einen Patriarchanten machen? All diese Exklusion!!!1

Aus demselben Argument, das wir schon am Anfang hatten, nämlich dass doch die, die sich nicht mit einem binären Geschlechterschema identifizieren, von Movember ausgeschlossen seien, wird hier bemüht eine Transphopie konstruiert. Die Ironie dabei ist, dass Transsexuelle sogar mehr als alle anderen der Tatsache Ausdruck geben, dass Geschlechtsidentität nicht ausreichend durch ein irgendwas irgendwo dazwischen definiert ist. Sie unterziehen sich weitreichenden medizinischen Eingriffen und damit fundamentalen Veränderungen in ihrem Privatleben und setzen sich Spott und Intoleranz  aus, nicht um aus dem Schema männlich/weiblich auszubrechen, sondern um der Tatsache Geltung zu verschaffen, dass sie sich auf der anderen Seite verorten. Sie tun das alles, nicht um irgendwas jenseits von Mann und Frau zu sein, sondern um ein Mann zu sein oder eine Frau zu sein.

Wenn also Transsexuelle das Schema männlich/weiblich nicht nur im Wesentlichen passiv hinnehmen wie die meisten von uns, sondern sich sogar proaktiv, wie man heute sagt, all diesen Strapazen und dramatischen Veränderungen unterziehen, mit dem alleinigen Ziel, einen bestimmten Platz in diesem Schema einzunehmen, und dieses Schema „archaic“ und „outdated“ ist, dann sind Transsexuelle die gender-konservativsten Menschen von allen.

Nun klagt Haddad, Movember sei sexistisch, weil sich einige Männer bei Twitter dahingehend geäußert haben, dass die Aufforderung, sich nicht zu rasieren, nicht an Frauen gerichtet sei, höhö. Er zitiert zustimmend einen Blogger namens Jem Bloomfield:

This campaign, intended as a project by men for men, has immediately been turned into a pretext for demanding that women submit themselves and their bodies to male approval, […]

Dass die ganze Kampagne sich derart gewendet habe, weil es ein paar Tweets gibt, ist eine etwas gewagte Schlussfolgerung. Aber „submit themselves and their bodies to male approval“ klingt natürlich schön brutal, Unterwerfung und so. Das kann es ja auch nur im Patriarchat geben, dass Menschen dem anderen Geschlecht gefallen wollen. Männer würden sich niemals irgendwie pflegen und hübsch machen und gewisse Standards in ihrem Erscheinungsbild einhalten und dafür Belastungen auf sich nehmen, um Frauen zu gefallen, und Frauen würden so was niemals verlangen oder erwarten, aber nein. Räusper.

husband

Bloomfield fährt fort:

I don’t want to be told that a moustache makes me a man, or that my identity depends upon shaming women into being presentable to the male gaze.

Es ist zum Schreien. Das ist eure eigene Wahnvorstellung, dass eine Kampagne definiert, wovon eure Identität abhängt. Es ist eure Besessenheit, ständig von solchem Popelkram eure Identität abhängig zu machen. Und wisst ihr, das ist ungesund. Auch wenn es um eine andere, in euren Augen ganz ganz tolle Kampagne ginge, solltet ihr nicht eure Identität davon abhängig machen. Das wäre dann nämlich nicht viel Identität. Ihr seid ja keine Symbole, sondern ganz konkrete, spezifische Menschen. Ein spezifischer Mensch ist einzigartig und besonders und taucht kein zweites Mal auf, ein Symbol ist allgemein und öffentlich und dient dazu, sich trotz unvermeidlicher individueller Unterschiede zueinander und zum Rest der Welt in Beziehung setzen zu können. Wenn es so spezifisch wäre wie ihr, dann könnte es das nicht mehr. Das macht aber nichts, denn ihr müsst nicht Symbole werden. Die Symbole müssen aber auch nicht ihr werden. M’kay?

Dann erwähnt Haddad sogar, dass Movember tatsächlich auch Frauen aufruft, sich nicht zu rasieren. Aber:

But Bloomfield is right in saying that the campaign has been twisted into a misogynistic tool by its own users.

„Users“ einer ungewissen Anzahl. Der inflationäre Gebrauch von „Misogynie“ ist hier wie so oft einfach nur demagogisch. Das Wort bedeutet „Frauenhass“. Was hat das mit Hass zu tun, wenn ein paar Männer twittern, dass sie Frauen mit rasierten Beinen mögen, oder haarige Beine nicht so mögen? Haben Hundehasser den Wunsch, dass Hunde sich die Beine rasieren? Rasierte Beine bei Frauen sind vielleicht ein Schönheitsideal, das manche Frauen ablehnen. Ist doch gut. Diese Frauen lehnen das ab und diese Männer lehnen diese Frauen ab, die das ablehnen. Was zum Teufel hat das mit Hass zu tun? Geht’s nicht auch ’ne Nummer kleiner?

Die letzte obige Anklage, „misinformed“:

Movember is also a huge advocate of regular Prostate Specific-Antigen (PSA), testing for men (PSA is a specific type of protein found on the prostate gland, and this test examines the level of PSA in a man’s blood.)

Der Nutzen dieser Tests sei aber umstritten. Eine suche nach „antigen“ brachte tatsächlich ein (1) Ergebnis auf der Movember-Seite. Im Wortlaut:

Men should talk to their doctor about prostate cancer testing. There are advantages and disadvantages to PSA testing. Understand the prostate cancer risk factors, discuss these with your doctor and decide if prostate cancer testing is right for you.

Wenn das „huge advocacy“ ist, braucht Movember dringend lebensrettende Maßnahmen von einer Werbeagentur.

Und der letzte Absatz triumphiert dann mit der Erkenntnis, dass ein Schnurrbart keine medizinischen Informationen über Prostatakrebs vermittelt. Wow. So aware muss man erstmal sein.

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