Soeben stieß ich bei Fefe auf das aktuelle Eurobarometer mit Daten von November 2013. Fefe will unter anderem darauf hinaus, dass unter den wichtigsten Problemen, die die Europäer in ihren Ländern gegenwärtig erkennen, Arbeitslosigkeit auf 50 Prozent kommt, Terrorismus dagegen nur auf zwei Prozent. „Nur ‚Sonstiges‘, ‚Nichts davon‘ und ‚Weiß nicht‘ haben weniger Ausschlag als Terrorismus“. Dazu gehören auch die tatsächlichen Probleme der Frauen von heute.

Jedenfalls wenn es nach unserer neuen Ministerin für alles außer Männer Manuela Schwesig geht, die sich Christian bei Alles Evolution neulich näher angesehen hat.  In dem Beitrag wird ein Zitat Schwesigs angeführt, das ich schon drauf und dran war, zu kommentieren, was ich dann aber in einem Gefühl übermannender Sinnlosigkeit abgebrochen habe. Da sagt Schwesig mit Blick auf ihre Amtsvorgängerin Kristina Schröder:

Von den tatsächlichen Problemen der Frauen von heute habe die Ministerin “offenbar keine Ahnung”, sagt die SPD-Politikerin. Ungleiche Bezahlung, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wenig Frauen in Führungspositionen – da gebe es “einen riesigen Handlungsbedarf”. Dass Frauen mit guter Ausbildung deutlich weniger verdienen als Männer, “ist nicht fair und muss geändert werden”.

Auf beunruhigende Weise bestärken diese Sätze den dringenden Verdacht auf vorzeitigen selbstverschuldeten Hirntod bei der Sprecherin. Der Ausdruck „tatsächliche Probleme“ legt nahe, ihre Widersacherin führe eine irgendwie abgehobene Debatte, die nur für eine Sondergruppe oder Eliten relevant sei, und sie habe die realen, handfesten Probleme des alltäglichen Lebens derjenigen, über die sie spricht, nicht vor Augen. Leider trifft ein solcher Vorwurf exakt das, was Schwesig selbst da macht.

Ungleiche Bezahlung. Damit kann nur ein Durchschnittswert gemeint sein, denn jeder Mensch dürfte mehr Leute kennen, die mehr oder weniger als er selbst verdienen, als solche, die das gleiche verdienen. Das ist erstmal kein Problem, unter dem man groß leiden muss, und ganz sicher keins, das speziell Frauen betrifft. Ein Vergleich statistischer Größen, also des durchschnittlichen Einkommens einer Frau und des durchschnittlichen Einkommens eines Mannes, soll nun ein prominentes „tatsächliches Problem der Frauen von heute“ sein? Das wäre es sicher, wenn die Unterschiede so riesig wären, dass Frauen besondere Probleme hätten, über die Runden zu kommen, oder wenn ihre schlechtere Bezahlung als Frauen wirklich für sie spürbar wäre. Das ist nun aber bekanntlich nicht der Fall, die schlechtere Bezahlung von Frauen für gleichwertige Arbeit beläuft sich verschiedenen Studien zufolge auf maximal acht Prozent. Diese maximalen acht Prozent, die kein Mensch im wirklichen Leben irgendwie wahrnehmen kann, sind nun ein dringenderes Problem als die groteske Ungleichheit in Manager- und Arbeitereinkommen und der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums insgesamt, wo es nicht um Zahlen wie acht, sondern eher um achttausend, achtzigtausend, achthunderttausendfache Unterschiede geht? Aber diese Unterschiede zählen nicht, weil sie nicht in angeborenen Merkmalen, sondern in unterschiedlicher Leistung begründet liegen, nicht wahr, weil z.B. eine Krankenschwester gegenüber einem Bänker ja nichts leistet? Lol. Sozialdemokratie heute.

Dieses tatsächliche Problem ist also eher ein statistisches Problem der Frauen von heute. Also mancher Frauen. Derjenigen, die aus Statistik Probleme und Politik generieren.

Mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hier wird es wirklich schmerzhaft. Wieso ist das ein Problem von Frauen und nicht von Männern? Weil Männer eh kein Recht und mutmaßlich keinen Bock auf Familie haben? Fuck off.

Wenig Frauen in Führungspositionen. Na man gut, dass wir keinen Elitendiskurs führen wie die Schröder. Da grämt sich die alleinerziehende Mutter, die Kassiererin, die Praktikantin, die altersarme Großmutter im Pflegeheim, dass es nicht mehr Frauen in Führungspositionen gibt. Damit wäre denen sehr geholfen.

Dass Frauen mit guter Ausbildung deutlich weniger verdienen als Männer, “ist nicht fair und muss geändert werden”. Eine blödsinnige Kautschukformulierung. Was wird hier verglichen?

  • „Frau mit guter Ausbildung“

vs.

  • „Mann“

Muss man, kann man dazu noch was Sinnvolles sagen? Bei einem Unterhosenwichtel scheint wenigstens noch die Möglichkeit zu bestehen, ihm zu erklären, wo sein Fehler liegt. Die haben wenigstens ein gewisses Bewusstsein für die Lücke in ihrer Rechnung. Hier kann man gar nicht mehr von einer Lücke in einer Rechnung sprechen. Es ist mehr eine Lücke zwischen Fragmenten. Aber wie Fragmente es so an sich haben, bilden sie kein Ganzes, und insgesamt ist da deutlich mehr Lücke als Fragment. Der Begriff „Trümmerfrau“ nimmt hier einen ganz neuen Gehalt an.

Was hat das nun mit Fefe und dem Eurobarometer zu tun? Na ja, ist ja offensichtlich, da geht es um das, was den Menschen einschließlich Frauen nach eigener Auskunft am meisten Sorgen macht. In Deutschland sind das Arbeitslosigkeit (20%), die wirtschaftliche Lage (13%), steigende Preise/Inflation (25%, Top-Antwort), Staatsverschuldung (23%), Gesundheit und Krankenversicherung (12%), Einwanderung (16%), Kriminalität (12%), Steuern (7%), Renten (19%), das Bildungssystem (20%), Wohnungsbau (7%), Umwelt, Klima- und Energiefragen (15%) und Terrorismus (2%). Das ist auf Seite 13, die zum Teil deutlich abweichenden Werte für andere EU-Länder ebenfalls dort, gemittelte Werte für Europa auf Seite 12.

Aber für solche langweiligen Realprobleme ist natürlich die Politik zuständig und nicht Frau Schwesig.

Beim Rumstöbern im Umfeld des Eurobarometers bin ich dann noch auf eine andere Erhebung gestoßen, und zwar über „Attitudes and opinions of women in Europe prior to the 2009 EP elections“ (Summary Analysis). Es fängt erst mal beunruhigend an:

The analysis of results of the Eurobarometer studies shows that women see their current situation as more negative than that of men. This is the situation in practically all areas and especially:

– On their perception of the economic situation, both at a national and European level, which is less optimistic than that of men;

– On their vision of globalization, viewed as more threatening by them than by men;

– On their support of the euro, which is significantly weaker than that of men.

Die aufgezählten Beispiele zeigen aber schon, dass es weniger um besondere Probleme von Frauen geht als um allgemeine Probleme, über die sich Frauen tendenziell mehr Sorgen machen als Männer. Wenn man den Bericht durchgeht, sieht man außerdem, dass diese Unterschiede sich im Wesentlichen im einstelligen Prozentbereich bewegen und teilweise auch gar keine statistische Signifikanz erreichen. Die tatsächlichen Probleme der Frauen von heute sind also: – Feministinnen sollten sich jetzt besser hinsetzen und Riechsalz bereithalten – im Großen und Ganzen dieselben wie die tatsächlichen Probleme der Männer von heute.

Zum Beispiel schätzen Frauen die eigene wirtschaftliche Lage um ein paar Prozentpunkte schlechter ein als die Männer ihre eigene. Aber:

If we control for other socio-demographic variables we discover that the sentiment of economic hardship increases with age and decreases with terminal education age. There are in fact larger differences within each gender group than between men and women (S. 3).

Größere Unterschiede innerhalb der Geschlechtergruppen als zwischen den Geschlechtern. It’s the economy, stupid! Aber Gott bewahre, dass wir uns mit solchen Problemen beschäftigen. Da wird es nämlich ganz schnell kompliziert, um nicht zu sagen komplex. Dann doch lieber die quadratisch-praktisch-guten Forderungen „mehr Frauen!“, „mehr Geld!“ und „mehr Geld für Frauen!“ Damit kann eine feministische Politikerin nix falsch machen.

Das heißt allerdings auch, dass sich eine feministische Politikerin um die tatsächlichen Probleme der Frauen von heute nicht schert. So wenig wie Alice Schwarzer um die der Prostituierten.

Weitere Ergebnisse: Frauen diskutieren weniger über Politik, obwohl auch hier der Unterschied nicht riesig ist. In dem Gefühl, auf verschiedenen Entscheidungsebenen gehört zu werden, bestehen „only slight differences“ zwischen Frauen und Männern (ebd.). (Obwohl nicht zu bezweifeln ist, dass das Gefühl, nicht gehört zu werden, bei Feministinnen überwältigend stark ist. Aber die wurden ja nicht gefragt, buahahahaha.) Interessant ist auch dieser Befund:

Women give more “don’t know” answers, showing a trend which is present throughout the entire analysis, that women may be less likely to hold an opinion than men on issues which do not concern them directly.

Ohne nähere Informationen kann man unmöglich sagen, ob das Ignoranz ist oder Weisheit bzw. zu welchen Anteilen. Weisheit? Ja, absolut, zu einem wachen Geist, zu einem weisen und selbstbewussten Menschen gehört die Fähigkeit, sich und anderen einzugestehen, dass man etwas nicht weiß, und es ist ein Zeichen von Gelassenheit, nicht das Bedürfnis zu haben, alles zu wissen. So ähnlich wie die Einsicht in eine eigene Krankheit der erste Schritt auf dem Weg der Besserung ist, gelangt man zu Wissen in der Regel nur über das Bewusstsein eines Nichtwissens. Alles wissen zu wollen und zu allem eine Meinung zu haben ist zwangsläufig eine Selbstüberschätzung, die im schlimmsten Fall den Erwerb wirklichen Wissens blockiert, das den bloßen Glauben, zu wissen, ersetzen könnte.

Diese Weisheit des „Weiß nicht“ ist eine Schlüsselqualifikation, die Frau Schwesig offensichtlich fehlt.

P.S. Fröhliche Weihnachten!

P.P.S. Der andere angekündigte Text ufert gerade aus und braucht noch ein Bisschen.

Advertisements