Gegen den Blogger Fefe läuft derzeit ein Hexenprozess, weil er nicht salutiert und die Hacken zusammenschlägt, wenn eine „verdiente feministische Aktivistin“ den Raum betritt. Seine verdächtigen Umtriebe bestehen darin, dass er Don Alphonsos Artikel über den Hass der Aufschrei-Fraktion empfohlen und sich über diesen (den Hass, nicht den Artikel) gewundert und ihn als inakzeptabel gewertet hat. Dabei bemüht er sich redlich, der netzfeministischen Seite Zugeständnisse zu machen, obwohl er dafür trotz verzweifelten Suchens wenig Grundlage findet:

Ich sehe mich da nicht als Betroffenen, weder von den marodierenden Masku-Horden, noch von den unflätigen Feministen-Schreihälsen. Aber im Vorbeiscrollen begegne ich ja schon diversem Unrat, und da war bisher noch so gut wie kein Masku-Unrat dabei, aber jede Menge Feministen-Schreihals-Unrat.

Ebenso im Zusammenhang mit Gamergate:

Beide Seiten verhalten sich offensichtlich unakzeptabel. Ich bin bisher aber hauptsächlich dem Hass der Feminismus-Seite begegnet, daher betrifft der mich in meiner persönlichen Wahrnehmung der Welt mehr.

Er findet also die Hasseruptionen der Maskuhorden nicht, von denen Lucas Schoppe hier schön nachgezeichnet hat, wie sie herbeifantasiert werden; aber er geht bis auf Weiteres wohl- bzw. übelwollend, je nach Perspektive, davon aus, dass es sie gibt. Er verlinkt sogar als Friedensangebot Anita Sarkeesian und attestiert ihr, sie halte „sich mit Beleidigungen vorbildlich zurück“.

Hmmm …

sexistmonsters

Davon abgesehen ist das ganze Narrativ, von dem sie derzeit lebt, eine Beleidigung für ihre Gegner, die als frauenhassende, hirnlose, medienmanipulierte und mordaffine Rudelwesen dargestellt werden. Beleidigend ist es auch, die detaillierten Auseinandersetzungen mit ihren Thesen zu ignorieren und ohne Erwiderung auf die Kritik einfach in den „Harrassment“-Eimer zu werfen. Man kann auch beleidigen, ohne „Arschloch“ zu sagen, und „Arschloch“ ist oft die harmlosere Variante.

Aber „übelwollend“ in Bezug auf Fefe nehme ich zurück. Seine Verurteilung von Grenzüberschreitungen unabhängig davon, wer sie begeht, ist unbedingt unterstützenswert, und die Fähigkeit, sie überhaupt unabhängig davon zu erkennen, wer sie begeht, ist mehr, als anscheinend die allermeisten kognitiv bewältigen können. Falls noch nicht bekannt, lese man zum Beispiel Arne Hoffmanns Rezension des neuen Aufschrei-Buchs und halte ein paar der Reaktionen dagegen, die Jörg Kachelmann erhielt, als er sie empfahl und Hoffmann als „ernstzunehmenden Menschen“ bezeichnete:

Ernst? Ja. So ernst, dass er gerne mit JF und eF kommuniziert und sogar von Bild als Maskulist bezeichnet wird.

Er bezeichnet sich selbst als Maskulisten, Sherlock, und zwar im Header seines Blogs. Der JF-Quark stammt vermutlich aus der Wikipedia. Es ist immer wieder verblüffend, wie oft die Aussage „er ist ein Maskulist“ so dargeboten wird, als handele es sich dabei um ein Argument. Die Menschen, die den Begriff „Masku(list)“ so verwenden, als stehe ein Maskulist automatisch irgendwo zwischen Sauron und Hitler, haben sich erkennbar nie darüber informiert, was ein Maskulist ist und will. Vermutlich vermuten sie, Maskulismus wolle eine Vorherrschaft von Männern über Frauen. Allerdings würde man für diese Vermutung etwa bei Manndat oder A Voice for Men keine Bestätigung finden. Wie kann man damit zufrieden sein, eine so scharfe Verurteilung von Menschen auf vages Hörensagen zu stützen, wenn es so leicht wäre, sich selbst ein Bild zu machen?

Weitere Antworten auf Kachelmann:

was für eine scheußliche Rezension. Und ich lese das auch noch.

Adjektive fallen gerne auf einen zurück. und dass der typ seinen „essay“ nur bei amazon los wird, sagt auch mehr über ihn aus.

Sagt mehr über ihn aus als? Auch ein auf halber Strecke abreißender Gedanke ist als Grundlage öffentlich über eine andere Person auszukübelnder Verachtung anscheinend gut genug, wenn man nur weiß, dass man zu den Guten gehört. Hoffmann hat bekanntlich Bücher publiziert und die Rezension ist dort, wo sie ist, goldrichtig platziert, aber wozu sich informieren, wenn man sowieso Recht hat?

Der Rezension ist deutlich die Erfahrung anzusehen, die Hoffmann mit Auseinandersetzungen im Rahmen dieses Themas hat. Sie gibt konkrete Aussagen des besprochenen Buchs mit Angabe von Textstellen wieder, sie argumentiert stringent und sie formuliert ihre Gegenposition anhand exakter Angaben seriöser Quellen von harten Daten. Wenn man, um ein Bild zu verwenden, ein kleines maskulistisches Haus in die Diskurslandschaft bauen will, das nicht sofort abgerissen, niedergebrannt und plattgewalzt werden soll, dann muss das schon ein kleines Fort Knox sein. Und wie man sieht, hilft auch das nur wenig.

Aber wie ist es psychologisch überhaupt möglich, nach der Lektüre all der Argumente und Fakten, die beispielsweise Hoffmann auffährt, das alles einfach als „scheußlich“ zu etikettieren und damit für erledigt zu halten? Wie kann das Wort „scheußlich“ etwas gegen eine Argumentation ausrichten? Wie bringt man es fertig, nichts von deren Inhalt zu einem durchdringen zu lassen? Dieselbe Frage stellt sich bei Gamergate und den Reaktionen auf den Artikel Don Alphonsos. Auch dieser hat, wissend, worauf er sich mit der Veröffentlichung eines solchen Artikels einlässt, penibel Texte und Tweets verlinkt, also einen Haufen an unzweifelhaften Quellen aufgefahren. Wie können diese sonst mutmaßlich gebildeten, intelligenten und sogar medienkompetenten Menschen sich damit begnügen, den Kopf zu schütteln und sinngemäß zu sagen, „das macht man doch nicht“, ohne sich mit dem Inhalt dessen, was da gemacht wurde, auch nur im Ansatz zu befassen?

Und wenn mal mehr aufgefahren wird als ein Tweet, wie neulich bei „Leitmedium“, offenbart sich die Inhaltsleere, mit der von dieser Seite die Auseinandersetzung geführt wird, nur noch eklatanter. Es geht wieder um den Beitrag Don Alphonsos. „Frage an die FAZ:“, ist der Titel, „Warum wird #aufschrei-Autorin Wizorek mit Hass-Autor Pirinçci verglichen?“ Schon mit dieser Frage wird selbstbewusst die inhaltliche Auseinandersetzung umschifft, denn die offensichtliche und naheliegende Antwort auf sie ist: Das steht doch im Text. Man kann aber auch die Gegenfrage stellen: Tja, warum denn nicht? Und die wird so beantwortet:

Anne Wizorek hat als Ko-Initatorion von #aufschrei den Grimme-Online-Award erhalten und macht sich für die Gleichstellung von Frauen stark. Der von ihr mit vertretene neue Feminismus wird auch im FAZ-Feuilleton als “wichtig” bezeichnet. Akif Pirinçci wird in vielen Publikationen als “Hass-Autor” und “Hass-Prediger” benannt, der homophobe Ressentiments schürt und auch bei AfD-Veranstaltungen auftritt. Er schreibt über die “Verschwulung der Gesellschaft”.

Die Grundlage der Beschwerde ist eine Berufung auf Konvention und Autorität. Alle sagen x über Wizorek und y über Pirinçci. Warum ist es in der FAZ erlaubt, was anderes als x über Wizorek und y über Pirinçci zu sagen? FAZ, Ihr Autor hat etwas anderes als x über Wizorek und y über Pirinçci gesagt, bitte unterbinden Sie das. Ich möchte weiterhin x über Wizorek und y über Pirinçci lesen, wie ich es gewohnt bin. Konfrontieren Sie mich bitte nicht mit davon abweichenden Gedanken und Informationen. Eine Million Fliegen …

Wie kann man die intellektuelle Tiefe und Courage dieses Appells für einen autoritär durchzusetzenden geistigen Gleichmarsch angemessen würdigen?

tumbleweed

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Oder steckt dahinter Methode?

Eher unscheinbar kam wiederum bei Fefe neulich ein Link daher, der zeigte, dass er sich trotz aller Beteuerungen, sich nicht ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen, sogar überdurchschnittlich ernsthaft damit beschäftigt, nur eben auf seine Art und abseits der Twitter-Schlammschlachten. Er verwies auf den langen und überaus lesenswerten Blogartikel „In Favor of Niceness, Community, and Civilization„. Der Verfasser Scott Alexander reflektiert darin über die Position eines Social Justice Warriors, der ihm anscheinend persönlich bekannt ist, und über seine eigenen Grundlagen dafür, diese Position zurückzuweisen. Überraschend daran ist, dass dieser Social Justice Warrior sich vollständig bewusst zu machen scheint, dass er foul spielt, dass er lügt, täuscht, unfaire bis unzivilisierte Mittel einsetzt und so weiter. Seine Position sei diese:

if a fight is important to you, fight nasty. If that means lying, lie. If that means insults, insult. If that means silencing people, silence.

Es hat ja eine gewisse Logik. Wenn einem etwas wichtig genug erscheint, um seine Zeit und Energie darin zu investieren, dann ist es doch wichtiger, zu gewinnen, als beim Kämpfen anständig zu sein.

Alexander diskutiert diese Position ausführlich und begründet, warum er seine eigene, die er als rationalistisch und liberal beschreibt, für die bessere hält. Ich kann mich Fefes Leseempfehlung nur anschließen. Nicht nur, weil der Beitrag intelligent ist, sondern auch, weil es ihm gelingt, einen freundlichen, positiven, kultivierten und humanen Ton zu pflegen, wie man ihn gerade bei diesem Thema, aber auch sonst bei polarisierenden Themen selten findet. Anders würde der Text allerdings auch nicht funktionieren, denn diese liberale Menschenfreundlichkeit und die damit verbundene Zivilität und Zurückhaltung seinen Gegnern gegenüber ist gerade das, was seine Position zur überlegenen macht – dass sie mit ihrer Überlegenheit nicht prahlt und vor allem daraus kein Recht ableitet, auf andere herabzuschauen oder ihre Rechte zu verletzen.

***

Rationalität als Prinzip der Erkenntnis und Auseinandersetzung bedeutet vor allem die Übereinkunft darüber, dass Behauptungen und Positionen in einer nachvollziehbaren Weise begründet sein müssen. In einer Antwort auf die Attacke zweier Feministinnen neulich auf angebliche „wütende weiße Männer“ hat Telepolis dies dankenswerterweise bereits herausgestellt. Im Zusammenhang damit gibt es aber noch einen Grund, das Kämpfen mit allen Mitteln abzulehnen, der bei Alexander nur am Rande mit einem Satz vorkommt. Dies hat mich erstaunt, weil er für mich eigentlich der wichtigste ist.

Und zwar: Je entschlossener, beharrlicher und im Ernstfall aggressiver ich für oder gegen etwas kämpfe, desto sicherer muss ich mir doch erst einmal sein, dass ich Recht habe. Und wie kann ich sicher sein, Recht zu haben? Aus meiner Sicht nur dadurch, dass ich mich immer wieder und ständig vergewissere, dass meine Positionen gut begründet sind, indem ich sie immer wieder und ständig kritisch prüfe.

Das Bauchgefühl, richtig zu liegen, ist nichts wert. Vom ganz Linken bis zum ganz Rechten, vom Atheisten bis zum religiösen Fundamentalisten, vom Rationalisten bis zum Esoteriker glauben alle, richtig zu liegen. Für sich im Stillen mag dieser Glaube angenehm sein und genügen, aber er genügt nicht mehr, wenn man anfängt, in Sinne der eigenen Vorstellungen politisch wirken zu wollen oder gar andere anzugreifen. Denn das würde heißen, allgemeine Verbindlichkeit für etwas einzufordern, das vielleicht nur eine eigene persönliche Präferenz ist. Das wäre dann nur, mit anderen Worten, lärmender Narzissmus.

Das Recht, in das Leben anderer einzugreifen, muss man sich dadurch erwerben, dass man bei der Meinungsfindung nach bestem Wissen und Gewissen vorgeht und die prinzipielle Bereitschaft mitbringt, selbst eines Besseren belehrt zu werden. Das ist der Deal, der es erst ermöglicht, sich auf Augenhöhe zu begegnen und überhaupt so etwas wie eine sachliche Auseinandersetzung mit Aussicht auf fruchtbare Ergebnisse zu bekommen. Aber schon vor dem Eintritt in eine Auseinandersetzung ist diese Sorgfalt und Zurückhaltung wichtig. Denn wenn man von der Voraussetzung ausgeht, dass man andere überzeugen kann, will und darf, selbst aber felsenfest auf seinem Standpunkt stehen bleiben wird, hat man für die eigene Position keine Kontrollinstanz mehr. Wer könnte diese Kontrollinstanz sein, wenn nicht die Gegenseite? Meine Homies und Parteigenossen? Wohl kaum. In gleichgesinnten Zirkeln kann man sich gegenseitig auch von den abwegigsten Glaubenssätzen überzeugen, das ist offensichtlich. Dadurch erklärt sich die menschliche Fähigkeit, mit Inbrunst die verrücktesten Dinge zu glauben. Wer sich ernsthaft für Erkenntnis interessiert, sollte einen wohligen Konsens innerhalb dieser Zirkel eher als Alarmsignal denn als beruhigend empfinden.

Um Missverständnisse auszuschließen: Natürlich glaubt man, dass die Gegenseite falsch liegt. Wenn man das nicht glauben würde, könnte man auch nicht glauben, selbst richtig zu liegen, könnte also gar keine Überzeugungen haben. Das ist nicht das Problem. Wenn man aber noch nicht einmal um der Debatte willen die Möglichkeit in Betracht ziehen kann, dass die Gegenseite doch richtig liegen könnte, führt das zu einer Respektlosigkeit den anderen gegenüber, die eine wirkliche Debatte von vornherein unterbindet, und zu einem Zustand, in dem die eigene Deutung der Welt nicht mehr auf die Probe gestellt wird. Aus ihr wird damit ein Glaube.

Wie wir aus der Geschichte und Gegenwart zur Genüge wissen, kann ein in Gruppen verankerter und sich selbst verstärkender Glaube in alle möglichen Richtungen mutieren und eskalieren. Zufall und Opportunität bestimmen darüber, ob dabei ein menschenfreundlicher Glaube herauskommt oder einer, der mit Kriegserklärungen und Vernichtungswünschen gegen andere Gruppen einhergeht. Verhindern kann das nur ein Regelwerk, das auch die Gegner eines Streits noch verbindet und es ihnen gleichzeitig ermöglicht, für ihre entgegengesetzten Positionen einzutreten.

Das ist die Bedeutung von Zivilisation – die allgemeine Gültigkeit von Verhaltensnormen, die ein Minimum an sozialem Frieden aufrechterhalten und es ermöglichen, dass Streit nicht zu Zerstörung führt, sondern im Gegenteil zu sozialen und geistigen Fortschritten, durch die sich entgegengesetzte Standpunkte und Interessen auf späteren oder wenn man so will, höheren Entwicklungsstufen integrieren lassen. Der springende Punkt ist: Wenn zivilisatorische Regeln nur für die anderen gelten, dann gelten sie überhaupt nicht. Wenn man sie außer Kraft setzt, um einen Gegner zu vernichten, vernichtet man nicht nur – wenn man Glück hat – den Gegner, sondern im Wirkungsbereich dieses Feldzugs auch die Zivilisation selbst.

Die Stärke des Beitrags von Scott Alexander besteht darin, dass er in diesem Sinn für Zivilisation wirbt, statt bloß auf einen Gegner einzuprügeln. Was der SJW-Debatte meist fehlt, sind positive Entwürfe, die eine Möglichkeit aufzeigen, eines Tages allen Beteiligten gerecht zu werden, also Entwürfe, die für alle potentiell attraktiv und offen sind.

I seek out people who signal that they want to discuss things honestly and rationally. Then I try to discuss things honestly and rationally with those people. I try to concentrate as much of my social interaction there as possible.

So far this project is going pretty well. My friends are nice, my romantic relationships are low-drama, my debates are productive and I am learning so, so much.

And people think “Hm, I could hang out at 4Chan and be called a ‘fag’. Or I could hang out at Slate Star Codex and discuss things rationally and learn a lot. And if I want to be allowed in, all I have to do is not be an intellectually dishonest jerk.”

And so our community grows. And all over the world, the mysterious divine forces favoring honest and kind equilibria gain a little bit more power over the mysterious divine forces favoring lying and malicious equilibria.

Andrew thinks I am trying to fight all the evils of the world, and doing so in a stupid way. But sometimes I just want to cultivate my garden.

Zur Nachahmung empfohlen.

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