Am 29. Oktober veröffentlichte das Internetmagazin „Truth Revolt“ einen Artikel über merkwürdige Passagen in dem autobiographischen Buch „Not That Kind of Girl“ der 28-jährigen TV-Schauspielerin Lena Dunham. „Lena Dunham Describes Sexually Abusing Her Little Sister„, war die Überschrift, und die fraglichen Passage aus einer Zeit, als Lena sieben und ihre kleine Schwester Grace ein Jahr alt war, klingt so:

One day, as I sat in our driveway in Long Island playing with blocks and buckets, my curiosity got the best of me. Grace was sitting up, babbling and smiling, and I leaned down between her legs and carefully spread open her vagina. She didn’t resist and when I saw what was inside I shrieked.

My mother came running. “Mama, Mama! Grace has something in there!”

My mother didn’t bother asking why I had opened Grace’s vagina. This was within the spectrum of things I did. She just got on her knees and looked for herself. It quickly became apparent that Grace had stuffed six or seven pebbles in there. My mother removed them patiently while Grace cackled, thrilled that her prank had been a success.

Der Autor Bradford Thomas ließ das weitgehend für sich sprechen und kommentierte es nicht groß. Seine Einordnung des Ganzen steckte ja auch schon in der Überschrift.

Interessant ist nun Dunhams Reaktion auf diesen Artikel. Sie twitterte am 1. November (1, 2, 3, 4; Screenshot):

The right wing news story that I molested my little sister isn’t just LOL- it’s really fucking upsetting and disgusting.

And by the way, if you were a little kid and never looked at another little kid’s vagina, well, congrats to you.

Usually this is stuff I can ignore but don’t demean sufferers, don’t twist my words, back the fuck up bros.

I told a story about being a weird 7 year old. I bet you have some too, old men, that I’d rather not hear. And yes, this is a rage spiral.

Kurz darauf berichtete Truth Revolt, einen Brief von Dunhams Anwälten erhalten zu haben.

On Saturday, HBO’s Lena Dunham sent a “cease and desist” letter to TruthRevolt demanding that we remove an article we posted last Wednesday on sections of her book, Not That Kind of Girl.

„In particular, the letter from Ms. Dunham’s lawyers labeled as “false and defamatory” our claims that she “experiment[ed] sexually with her younger sister Grace,” “experimented with her six-year younger sister’s vagina,” and “use[d] her little sister at times essentially as a sexual outlet.” In her desire to curb First Amendment freedoms, Dunham’s attorneys threatened legal action seeking “millions of dollars; punitive damages which can be a multiple of up to ten times actual damages; and injunctive relief.

Mich erinnert das an einen alten Witz von Volker Pispers: Ihm sei noch keine bessere Methode eingefallen, Angela Merkel zu beleidigen, als sie wörtlich zu zitieren.

Truth Revolt weigerte sich jedenfalls, irgend etwas zurückzunehmen, und lieferte bei der Gelegenheit noch weitere Zitate aus dem Buch nach:

As she grew, I took to bribing her for her time and affection: one dollar in quarters if I could do her makeup like a “motorcycle chick.” Three pieces of candy if I could kiss her on the lips for five seconds. Whatever she wanted to watch on TV if she would just “relax on me.” Basically, anything a sexual predator might do to woo a small suburban girl I was trying.

Und (und dann haben wir’s hinter uns):

I shared a bed with my sister, Grace, until I was seventeen years old. She was afraid to sleep alone and would begin asking me around 5:00 P.M. every day whether she could sleep with me. I put on a big show of saying no, taking pleasure in watching her beg and sulk, but eventually I always relented. Her sticky, muscly little body thrashed beside me every night as I read Anne Sexton, watched reruns of SNL, sometimes even as I slipped my hand into my underwear to figure some stuff out.

Dunham hat sich später bei Missbrauchopfern entschuldigt, die das Kokettieren damit, ein „sexual predator“ zu sein, möglicherweise nicht lustig finden, und Grace hat sich mit ihrer Schwester solidarisch erklärt; sie fühle sich nicht als Opfer und das sei alles in Ordnung. Dazu weiter unten. Darüber hinaus hat Dunham bevorstehende Lesetermine abgesagt und ist seit dem 3. November auf Twitter verstummt.

Ihre zuerst anscheinend aufrichtig empörte und dann überforderte Reaktion lässt vermuten, dass sie von selbst nie darauf gekommen wäre, dass solche Handlungen und die öffentliche Darstellung solcher Handlungen irgendwie problematisch sein könnte. Und das ist schon ziemlich erstaunlich. Wie kommt das? Vielleicht gibt Graces Statement vom 3. November einen Hinweis (1, 2):

heteronormativity deems certain behaviours harmful, and others „normal“; the state and media are always invested in maintaining that

As a queer person: i’m committed to people narrating their own experiences, determining for themselves what has and has not been harmful

Grace trifft damit genau den Punkt, aber sie trifft ihn von der falschen Seite. Die Heteronormativität ist es also? Das heißt, wenn ein älterer Bruder sich jahrelang Druck ausübend affektive und sexuelle Befriedigung bei seiner jüngeren Schwester verschafft hätte, würde sich niemand darüber aufregen?

Vielleicht hat Grace das noch nicht so richtig durchdacht.

Es ist gut, dass nun relativ offen darüber diskutiert wird, ob das sexueller Missbrauch sei oder nur normales Experimentieren von Kindern. Dass Kinder an sich selbst und miteinander ihre Sexualität und Anatomie erkunden, ist in gewissem Umfang normal und wohl unschädlich, und es ist nicht so leicht zu sagen, in welchem Umfang. Wenn man darüber mehr Klarheit gewinnt, lässt sich vielleicht das puritanische Misstrauen gegen Sexualität etwas zurückdrängen und lassen sich vielleicht Anklagen gegen Sechsjährige wegen „sexual assault“ eindämmen oder vermeiden.

Aber die Liberalität und Empathie, mit der jetzt Lena Dunhams Umgang mit ihrer kleinen Schwester diskutiert wird, fehlen völlig, wenn es um Fälle geht, an denen ein Mann und eine Frau beteiligt sind, und diese Fälle machen nun einmal den Großteil menschlicher Sexualität aus. Hier stellen bereits Blicke und Begrüßungen angezogener, erwachsener Menschen auf offener Straße „sexuelle Belästigung“ dar; man ist bereits ein Täter, wenn man einen Flirt anzufangen versucht, und macht sich auch als Unbeteiligter des Sexismus und der Frauenfeindlichkeit verdächtig, wenn man diese Wertung anzweifelt. Hier werden Liebende allen Ernstes dazu aufgefordert, sich gegenseitig (wahrscheinlich gemeint: der Mann der Frau) beim Vorspiel per App einen Fragebogen unter die Nase zu halten, um zu prüfen, ob deren Einverständnis mit dem Sexakt auch offizielle Gültigkeit beanspruchen kann, und um dieses Einverständnis in der Cloud zu hinterlegen – was auch immer es da soll. (Immerhin hat Apple das Ding als „excessively objectionable or crude content“ nach neun Tagen abgeschossen. Danke.) So absurd waren die Befürchtungen, einvernehmlicher Sex im Sinne der Affirmative-Consent-Doktrin erfordere die Vorlage eines Fragebogens, anscheinend nicht.

Diese expandierenden Definitionen verwischen nicht nur die Grenze zwischen traumatischen und bloß unangenehmen Erfahrungen und zwischen Verbrechen und Ungeschicklichkeiten. Die Aufweichung der Rechtsstaatlichkeit, die mit ihnen einhergeht, könnte sich für die Verantwortlichen schneller und direkter rächen als gedacht – sie haben nämlich auch den Nebeneffekt, dass ihnen zufolge auch immer mehr Frauen als Vergewaltigerinnen einzustufen sind. Das bekam Lena Dunham nun zu spüren – wobei der Fall kaum so harmlos ist wie Sex zwischen betrunkenen Erwachsenen; vor allem ist es auch kein kindliches Experimentieren mehr, wenn eine Siebzehnjährige sich mit ihrer elfjährigen Schwester sexuelle Lust verschafft. Ihre wütende Reaktion ist nachvollziehbar, wenn man einmal annimmt, dass sie die erlebten Zärtlichkeiten und Intimitäten mit ihrer Schwester nie im Kontext von sexuellem Missbrauch betrachtet hat. Ähnlich ging es mir neulich im Grimm-Zentrum, wo ich plötzlich meine spontane Idee, meine weibliche Begleitung zu küssen, in diesen Kontext gerückt fand, wo ich die kleinen Zärtlichkeiten zwischen uns tatsächlich noch nie gesehen hatte und wo sie auch nicht hingehören. Das war es, was mich persönlich getroffen, angewidert und wütend gemacht hat; diese Beschmutzung von etwas, das für mich wertvoll ist und diese Leute nicht das Geringste angeht, und „back the fuck off“ entspricht ganz gut dem, was ich ihnen in diesem Moment zu sagen gehabt hätte. Dieses totalitäre Eindringen in den Bereich persönlicher Beziehungen mit ihrem kalten Misstrauen und ihrer partikularen politischen Agenda ohne öffentliches Mandat, der sich derzeit massenhaft auf breiter gesellschaftlicher Basis vollzieht – das ist der größte sexuelle Übergriff von allen.

Lena Dunhams Reaktion zeigt die Wut, die man empfindet, wenn gerade das, was einem persönlich nahegeht und wichtig ist, in assoziative Nähe zu abscheulichen Verbrechen gerückt wird. Männer erleben das andauernd. Im Unterschied zu Lena Dunham nehmen sie es schweigend hin. Und im Unterschied zu Lena Dunham haben sich die meisten Männer tatsächlich nichts vorzuwerfen.

Nachtrag 8.11.: Weitere Kommentare und deutsche Pressestimmen zum Thema heute bei Genderama und Alles Evolution. Außerdem bin ich auf einen Artikel von Janet Bloomfield gestoßen, der unter anderem Folgendes enthält.

Dunham even posted an image of the “motorcycle chick,” calling her little sister “sex property,” and the only thing screaming through my mind is Where the fuck are your parents?

Where, indeed. Turns out the Dunham parents themselves had some fucked-up ideas about sexuality, boundaries, and age-appropriate visual materials. According to Kevin Williamson, writing for the National Review, [Dunham’s] father, Carroll Dunham, is a painter noted for his primitive brand of highbrow pornography, his canvases anchored by puffy neon-pink labia; her photographer mother filled the family home with nude pictures of herself, “legs spread defiantly.”

Dem „Stern“ zufolge handelt es sich um „abstruse Vorwürfe von Radikalkonservativen“, die eine „dreckige Fantasie“ haben, wenn man die abstrusen Passagen Dunhams direkt zitiert und nicht gutheißt. Zu diesem Ausmaß an Realitätsverlust und Verantwortungslosigkeit fällt mir nichts mehr ein. „Would you let Lena babysit your daughter?“, fragt Bloomfield die Verteidiger Dunhams, aber ich fürchte, ja, sie würden.

Nachtrag 11.11.: Man Tau betont in einer gründlicheren und wie immer lesenswerten Diskussion die Verharmlosung von sexuellen Übergriffen als Kehrseite der „Rape Culture“-Hysterie infolge der Verwischung der Grenzen zwischen Normalität und Übergriff.

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