Wo anfangen?

Ein alter Freund, den ich für einen hellen Kopf halte, schreibt neuerdings „Mitarbeiter_innen“. Bei Gelegenheit fange ich ein Gespräch darüber an und sage ihm, dass ich die Gender-Lehre für falsch halte, und er fragt erstaunt, warum.

Und ich weiß nicht, wo anfangen. Vielleicht mit der Gegenfrage, ob er das ernst meint, dass er selbst bei einer überschaubaren Gruppe von „Mitarbeiter_innen“, die ihm persönlich bekannt sind, kein Urteil darüber treffen zu können glaubt, ob es sich bei ihnen wirklich um Männer und Frauen handelt? Und ob er ihnen das auch ins Gesicht sagen würde: ich bin mir gar nicht so sicher, dass du eine Frau bist, man weiß es ja nicht?

Eine der vielen Merkwürdigkeiten dieser Lehre, dass sie so überzeugend zu sein scheint, obwohl diese Konsequenz aus ihr, die Männlichkeit oder Weiblichkeit des Gegenübers in Frage zu stellen, für die meisten Menschen eine Beleidigung wäre.

Aber es ist natürlich nicht als Beleidigung gemeint. An guten Tagen hat ja selbst Lann Hornscheidt „nichts dagegen, wenn Personen sich Frau oder Mann nennen„; insofern macht ihnen der Unterstrich nichts streitig, sondern eröffnet zusätzliche Möglichkeiten. So gehe es meinem Freund darum, sagt er, dass es doch nicht nur die zwei Pole männlich und weiblich gebe, sondern noch ganz viele „Geschlechter“ dazwischen, und denen wolle er in der Sprache Raum geben, statt sie an einen der Pole zu zwängen. Ich versuche zu erklären, dass es doch erst seine Setzung und Fantasie bzw. die der Gender-Theoretiker ist, dass die zwei Geschlechter „Pole“ seien, so dass nur ein total männlicher Mann, wie auch immer der aussähe, und nur eine total weibliche Frau von den Begriffen „Mann“ und „Frau“ abgedeckt seien, dass also die Kategorien „Mann“ und „Frau“ in sich keine Varianz dulden würden, so dass die Sprache reformiert werden müsste, um all die anderen unterzubringen. Warum soll der Begriff „Mann“ es neuerdings nicht mehr aushalten, dass Männer sich unter anderem in Art und Grad ihrer Männlichkeit unterscheiden, und warum soll er sich nicht weiterentwickeln können, um auch eventuelle neue Formen der Männlichkeit einzuschließen, und bei Frauen ganz genauso?

Aber wir reden aneinander vorbei. Ich habe unwillkürlich die Annahme zugrunde gelegt, dass die Geschlechterkategorien nur dann anzugreifen seien, wenn es dafür einen dringenden Grund gäbe, den ich nicht sehe. Ich war davon ausgegangen, dass sie zunächst einmal etwas Bewahrenswertes sind, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Und schon darüber besteht kein Konsens. Ihm erscheint die Aussicht, sie hinter uns zu lassen, offenbar als Verheißung einer besseren Zukunft, und die Vorstellung der zwei Geschlechter als eine Art von Ballast, dessen Entsorgung kein Verlust wäre.

„Wir brauchen sie doch“, sage ich. „Wozu?“, fragt er.

Ich habe das Gefühl, dass alles, was ich darauf antworten könnte, zu trivial wäre, um die Tragweite des ganzen auch nur annähernd zu erfassen. Die Bedeutung der Geschlechter ist vorsprachlich und geht viel tiefer als die Sprache. Sie ist ein elementarer Aspekt des Menschseins – in historischer, evolutionärer, biologischer, psychologischer Hinsicht ebenso wie in unserem Alltag und unseren Lebenszielen, Wünschen und Ängsten, in unserem Fühlen, Denken und Wollen. Überall spielt Geschlecht und die Leidenschaft und Verheißung, die sich damit verbindet, eine Rolle; die Vertrautheit und Ordnung, die es schafft, aber auch das Mysterium und die Mühen, das Sehnen und Kämpfen; die Routine, aber auch die Ekstase des Miteinanders und der Schmerz der Entzweiung. Worum geht es in der großen Literatur, im Theater, im Film, in der Musik? Nach welchem Prinzip wurden früher die König_innen bestimmt? Und – ich traue mich kaum, das anzuführen, aber – wie kommt ein Mensch überhaupt auf die Welt? Dass das inzwischen auch mit Reagenzgläsern möglich wäre, heißt doch nicht, dass die herkömmliche Art und alles, was sich damit verbindet, für Menschen bedeutungslos ist? Geschlechter sind unzweifelhaft Natur, aber auch Kultur. Etwa so, wie wir aufgrund unserer biologischen Konstitution essen müssen, uns aber auch nicht intravenös ernähren oder Astronautenpaste reindrücken, sondern zum Essen zusammenkommen, den Tisch decken, Kerzen anzünden, Konversation treiben, die Mahlzeit in Gänge unterteilen, zu einem Fest-, Geschäfts- oder romantischen Abendessen einladen, Kochkunst und Tischmanieren entwickeln und verfeinern usw. Tja, wozu brauchen wir das alles?

Wozu brauchen wir Kultur? Wie soll man das beantworten?

Ich sehe auch nicht einfach „Personen“, wenn ich auf die Straße gehe. „Personen“ gibt es in Akten, Gesetzen und Statistiken; wo sich Menschen begegnen, gibt es Frauen und Männer, Jungen und Mädchen. Wahlweise fasst man letztere noch zu „Kindern“ zusammen, was folgerichtig ist, weil bei ihnen vor der Geschlechtsreife, wie die Sprache das schon sehr richtig abbildet, das Geschlecht eben noch weniger eine Rolle spielt. Sobald man von einer Masse oder Gruppe auf Einzelne einzoomt, sieht man Frauen und Männer, nicht mehr einfach Menschen. Ist das nicht einfach eine Tatsache der Wahrnehmung und des Empfindens? Wer geht denn raus und sieht geschlechtslose „Personen“? Wie soll das überhaupt gehen, wie soll das aussehen, wie fühlt sich das an? Wer steht von einer Gesprächsrunde auf und erinnert sich nicht mehr, ob eine der Personen, mit denen man gerade gesprochen hat, männlich oder weiblich war? Ich behaupte, das gibt es nicht. Aber wie kann ich das belegen? Wie kann man überhaupt eine unmittelbare Evidenz noch einmal belegen? Wie kann ich belegen, dass vor uns eine Kerze auf dem Tisch steht? Davon abgesehen; was wäre überhaupt der Reiz an einer Welt, die so wäre? Und wenn man denn irgendwie einen sieht und diese Welt sogar verwirklichen könnte, was zwei großes Wenns sind, wäre es nicht ein etwas tiefer Eingriff in einen zentralen, fundamentalen Aspekt der Identität, der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens aller Menschen, um ihn zu vollziehen, ohne die Betroffenen überhaupt vorher zu fragen, ob sie ihm zustimmen?

Und wie reagieren normale Menschen, wenn man sie fragt, ob sie glauben, dass es Männer und Frauen gibt?

Allerdings ist die Frage wohl legitim, warum wir auf die zwei Geschlechter nicht verzichten können und sollten. „Ich kann dir keine Antwort geben, aber ich habe Recht“ kann es ja nicht sein. Schnell zeichnete sich ab, dass aus dem Versuch einer Beantwortung ein ziemlich langer Text werden würde, und deshalb habe ich mich entschieden, ihn aufzusplitten.

Dieser erste Teil heißt „Realitätsverweigerung“, weil es erst einmal darum gehen muss, dass die Gender-Lehre auf falschen Annahmen über die Realität beruht, bevor wir auf ihre politische, gesellschaftliche und psychologische Destruktivität eingehen können. Denn die Welt ist ja kein Wunschkonzert. Wenn diese Lehre die Welt in zutreffender Weise beschriebe, könnte man zwar auch darüber lamentieren, dass sie in ihren Folgen schädlich sei, aber das hieße, der Wahrheitssuche den Rücken zu kehren, weil die Wahrheit möglicherweise unerfreulich wäre. An dieser Stelle ist also eine Wertentscheidung zu treffen. Man kann es vorziehen, in einer Gesellschaft zu leben, die sich an kollektiven Fantasien orientiert, sollte sich dann aber darüber im Klaren sein, dass damit ein Kontrollverlust einhergeht. Ich habe mich bereits neulich stattdessen für Rationalität ausgesprochen, und die gesellschaftliche Institution, die auf rationales Erkenntnisstreben spezialisiert ist, ist (der Idee nach) die Wissenschaft. Man braucht hier aber gar nicht lange zu argumentieren, dass die Wissenschaft dem Obskurantismus (ein Wort, das ich extra zu diesem Zweck gelernt habe und sehr passend finde) oder dem Glauben vorzuziehen ist, weil ja die „Gender Studies“ selbst Wissenschaftlichkeit beanspruchen. Solange sie das tun, müssen sie sich auch an wissenschaftlichen Prinzipien messen lassen.

Als Einstieg empfehle ich dringend die siebenteilige norwegische Dokumentarfilmreihe „Hjernevask“ („Gehirnwäsche“) von Harald Eia, die im Jahr 2010 ausgestrahlt wurde. Sie handelt von der Vererbung versus Erlerntheit verschiedener Eigenschaften und Unterschiede von Menschen, unter anderem hinsichtlich der Geschlechter und der sexuellen Ausrichtung. Wikipedia zufolge kam eine wesentliche Inspiration für „Hjernevask“ von dem Buch „The Blank Slate“ von Thomas Gottschalk Steven Pinker, in dem dieser das sozialwissenschaftliche und politische Dogma angreift, Menschen kämen als unbeschriebenes Blatt zur Welt und alle Unterschiede seien gesellschaftlich erzeugt. Als Einstieg wählt Eia das norwegische „Geschlechtergerechtigkeits-Paradox“: die Beobachtung, dass auch in einem Land wie Norwegen, das bei der Gleichberechtigung im weltweiten Vergleich ganz vorne liegt, die Berufswünsche von Männern und Frauen sich immer noch stark unterscheiden und keine Tendenz zur Angleichung zeigen, obwohl weitestgehende Entscheidungsfreiheit herrscht und eine solche Angleichung immer wieder politisch forciert wird.

Am Rande übrigens wird mal wieder deutlich, wo die Wikipedia selbst steht, wenn es heißt,

[Hjernevask] was completed in seven episodes consisting of interviews with Norwegian and foreign researchers who have different views on the nature versus nurture debate.

„Views“ ist sehr schön ausgedrückt. Man könnte auch sagen: Eine Auswahl teilweise sichtlich verwirrter und latent aggressiver norwegischer Genderologen haben sehr gefestigte Ansichten, die sie mit buchstäblich nichts als – schwacher – Rhetorik untermauern können, und ihnen gegenüber verweisen internationale Forscher auf harte Evidenz aus systematischen, teilweise Jahrzehnte umfassenden empirischen Studien verschiedenster Art, die sämtlich in eine andere Richtung weisen und von den Genderologen einfach nicht zur Kenntnis genommen werden – oft mit der erstaunlichen Begründung, die ihnen unbekannten Studien seien nicht seriös, oder mit der noch erstaunlicheren, sie seien „nicht interessant“. Empirische Studien zum Beispiel, in denen Beobachtungen an Säuglingen und Kleinkindern auf dieselben Geschlechterunterschiede hinweisen wie die Berufsentscheidungen von 200.000 Menschen in 53 Ländern von Saudi-Arabien bis eben Norwegen.

Hierzu erfährt man etwas mehr in den folgenden Szenen aus „Hjernevask“, die ich zusammengestellt habe, und dann aber noch mehr, wenn man sich die ganze Reihe anschaut, was ich dringend empfehle. Sie wurde anscheinend von den Urhebern selbst mit englischen Untertiteln ins Netz gestellt.

Die einzelnen Folgen:

Angesichts der Eindeutigkeit und Klarheit der Befunde, die auf natürliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinweisen, ist frappierend, mit welcher Beharrlichkeit die westliche Welt sich weigert, irgend etwas davon zur Kenntnis zu nehmen. „Gender Mainstreaming“ ist offizielles Ziel der EU-Politik sowie derjenigen aller Mitgliedsstaaten. Wann immer in einer Branche oder einer Firma, einer Institution, einem Betrieb nicht gleich viele Frauen wie Männer arbeiten, gilt das als Missstand und, schlimmer noch, Folge von schuldhafter Benachteiligung. Es wird unterstellt, aber nicht demonstriert, dass irgend eine Form von Diskriminierung die Ursache sei. (Hierzu kann ich auch den schon mal geposteten Interviewausschnitt mit Thomas Sowell gar nicht oft genug empfehlen.) Die ganze Existenz von „Gleichstellungsbeauftragten“ verdankt sich dem Glauben, dass in einem Betrieb, in dem weniger Frauen arbeiten, diskriminierende Praktiken herrschen. Die Möglichkeit, dass einfach weniger Frauen sich dort bewerben, weil Frauen weniger an einer solchen Tätigkeit interessiert sind, darf gar nicht erwogen werden, weil sie dem Dogma widerspräche, dass Frauen im Naturzustand an genau denselben Dingen interessiert seien wie Männer. Doch wenn die teilweise sehr erheblichen Unterschiede in den Anteilen von Frauen und Männern in bestimmten Branchen und Betrieben wirklich auf Diskriminierung zurückgingen, könnte es nicht so schwer sein, das empirisch zu zeigen – vor allem an den Universitäten, wo Gleichstellungsbeauftragte jedes Bewerbungsverfahren beaufsichtigen können. Ist anzunehmen, dass denen andauernd Fälle durchrutschen, in denen besser qualifizierte Frauen abgewiesen werden, weil der Betrieb irgendwie frauenfeindlich ist? Ist dort nicht viel eher zu beobachten, dass händeringend nach qualifizierten Frauen gesucht wird, und zwar umso mehr, je mehr man sich ein Stigma einhandelt, wenn man nicht 50 Prozent Frauen beschäftigt? Wo sind die Belege dafür, dass qualifizierte Frauen nicht genommen werden?

Der einzige Beleg ist die ungleiche Repräsentation von Männern und Frauen im Ergebnis. Der kann aber nur ein Beleg sein, wenn man von jenem Dogma des Naturzustandes gleicher Interessen und Befähigungen ausgeht. Und worin ist wiederum dieses Dogma fundiert?

In nichts. Es beruht auf einer Verwechslung der politischen Setzung gleicher Rechte und der zwischenmenschlichen Anerkennung gleichen Wertes, die beide völlig richtig und zu begrüßen sind, mit wesensmäßiger Unterschiedslosigkeit.

Eine folgenreiche Verwechslung. In dem oben eingebundenen Video ist ein kurzes Statement von Steven Pinker enthalten, der folgendes sagt:

If men and women are not exactly the same, then the goal of having 50 percent of engineers be women and 50 percent of researchers in child language be women and 50 percent of everything be women is going to be an inhumane goal, because it’s going to be preventing some people from doing what they want to do.

Und das ist ein zentraler Bestandteil heutiger Politik – mit aller Kraft Männer und Frauen dazu zu bringen, das gleiche zu tun. Wobei es tieftraurig ist, dass wir vor der Herausforderung eine Gesellschaft zu gestalten, in der unterschiedliche Menschen Glück und Erfüllung finden können, vorauseilend kapitulieren. Dies wäre ein menschenfreundliches und zutiefst demokratisches Projekt, weil es sich zwingend für die Bedürfnisse aller interessieren müsste. Stattdessen versuchen wir, Unterschiede plattzumachen, was voraussetzt, die Bedürfnisse vieler zu ignorieren, indem man sie für falsch, für fehlgeleitet, für nicht auf der Höhe der Zeit erklärt, ohne die Betroffenen überhaupt zu fragen.

In „Hjernevask“ und Pinkers Buch wird auch auf die Ängste eingegangen, die viele von uns vor biologischen Erklärungen zurückschrecken lassen. Schließlich wurden in der Vergangenheit verschiedentlich Annahmen über biologische Unterschiede zwischen Menschen dazu benutzt, ungleiche Rechte zu legitimieren. Diese Ängste sind nicht von der Hand zu weisen. Aber umgekehrt kann die Annahme biologischer Gleichheit, mit der zwingend die Schlussfolgerung einhergeht, dass alle wahrnehmbaren Unterschiede zwischen Individuen Resultate gesellschaftlicher Formung sind, dazu missbraucht werden, alle möglichen Projekte der politischen Menschenzucht zu legitimieren. Wenn Menschen unendlich formbar sind, kann man ja auch auf ein politisches System hinarbeiten, mit dem jetzt niemand einverstanden wäre, das aber das beste sei, wenn man erst die dazu passenden Menschen erzogen habe. Tatsächlich haben die großen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts das nicht nur auf dem biologistischen Weg versucht, also durch Selektion (d.h. Mord), sondern immer auch durch Erziehung und Drill, was auf der Idee der Formbarkeit beruht. Ein Blick in diese Geschichte lässt es zweifelhaft erscheinen, ob die Theorie des unbeschriebenen Blatts wirklich so viel weniger missbrauchsanfällig ist als die Auffassung, dass Menschen bereits mit einer Reihe von Eigenschaften und Neigungen zur Welt kommen. Der Fall Victor (ein Junge, der als Mädchen erzogen wurde – siehe Video) spricht in diesem Zusammenhang wohl für sich selbst. Sicher, das ist ein extremes Beispiel, aber von der Gender-Theorie ausgehend ist es nur konsequent, dass dergleichen geschehen ist. Und der extreme Fall führt uns wie unter einem Vergrößerungsglas die seelische Grausamkeit vor Augen, die eine Zerstörung der Geschlechtsidentität eines Menschen bedeutet.

Ohne eine irgendwie geartete Vorstellung von einer menschlichen Natur sind auch die Menschenrechte nicht begründbar. Die menschliche Natur zeichnet die Linie vor, deren Überschreitung wir als Menschenrechtsverletzung ansehen. Wenn wir Menschen als unendlich formbar ansehen, kann auch diese Linie verformt und verschoben werden. Dann könnten auch, wie in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, Menschen gezüchtet werden, die damit zufrieden sind, ihr Leben lang nur geistlose Drecksarbeit zu machen.

Aber jetzt sind wir wieder im Bereich der Wünsche. Welche politischen Schlussfolgerungen aus biologischem Wissen gezogen werden und welche Missbrauchsmöglichkeiten eine Erkenntnis biete, ist eine legitime und wichtige Frage, aber eine Wahrheit wird nicht unwahr und die Realität nicht irreal, nur weil sie uns womöglich nicht gefällt. Was ist also Wahrheit, was ist Realität?

Im Zusammenhang mit „Gender“ ist regelmäßig von „gesellschaftlich konstruierten Kategorien“ die Rede. In Marburg zum Beispiel bietet ein Shop namens „Artgerechtes“ Kleidung an, Kleidung für Männer und Frauen. Die Worte „Männer“ und „Frauen“ sind auf der Website mit einem Sternchen versehen, und in der Legende dazu heißt es:

Das Sternchen hinter „Frauen/Männer“ soll verdeutlichen, dass wir diese als gesellschaftlich konstruierte Kategorien betrachten.

Aha. Aber was ist eigentlich eine Kategorie? Wikipedia:

Kategorie (altgriechisch für „Anklage, Aussage, Eigenschaft“) steht für:

– eine Klasse von Sachen, die gemeinsamen Bedingungen entsprechen, im Rahmen einer zusammenfassenden Klassifizierung

Es gibt nun zwei Möglichkeiten. Entweder ist die Aussage vollkommen hohl, denn bereits diese kurze Definition macht deutlich, dass alle Kategorien gesellschaftlich konstruiert sind, denn für Zusammenfassungen muss jemand da sein, der zusammenfasst. Damit ist überhaupt nichts über den Wert, den Nutzen oder die realen Grundlagen einer bestimmten Kategorie gesagt. Wenn hingegen gemeint sein soll, dass „Männer“ und „Frauen“ nur gesellschaftlich konstruierte Kategorien in dem Sinn seien, dass es gar keine „gemeinsamen Bedingungen“ gebe, denen beide entsprechen, dass es nichts gebe, was Männer gemeinsam von Frauen unterscheidet und umgekehrt, müsste „Artgerecht“ sich fragen lassen, warum denn dort für Männer und Frauen verschiedene Kleidung angeboten wird. Das führt nämlich eine solche Behauptung ad absurdum, selbst wenn man gewillt ist, die unmittelbare Evidenz der eigenen Wahrnehmung in den Wind zu schlagen. In Worten werfen sie Nebelgranaten auf „Männer“ und „Frauen“; aber in ihrem Handeln, ihrer Produktion, bestätigen sie aufs Eindeutigste, dass dies gültige und nützliche Kategorien sind. Was zur hohlen Variante zurückführt: „Männer“ und „Frauen“ sind Kategorien. Tja. Ja. Und? Statt „Männer“ und „Frauen“ könnten da beliebige andere Substantive stehen. Der Aussagewert ist gleich null.

Ein anderes Beispiel. Kürzlich berichtete Alexander Ulfig über den „postmodernen Relativismus der Gender Studies“ am Beispiel einer Vorlesung an der Universität Frankfurt:

Was mich bestürzte, waren die theoretischen Grundlagen des Dozenten, mit denen er wie mit Dogmen operierte: Es gibt keine übergreifende Wahrheit, alles hängt vom jeweiligen “Diskurs” ab, jeder “Diskurs” hat sozusagen seine Berechtigung und somit seine eigene Wahrheit, “Diskurse” werden durch “Wahrheitsregime” (Michel Foucault), durch die jeweilige Wahrnehmung und die herrschende Autorität konstruiert.

Demnach hat der “Diskurs”, wonach die Erde eine Scheibe sei, die gleiche Berechtigung wie der “Diskurs”, wonach sie eine Kugel ist. Er hat die gleiche Berechtigung und somit den gleichen Anspruch auf Wahrheit, denn was Wahrheit ist, hängt von dem jeweiligen sozio-kulturellen und historischen Kontext, der herrschenden Wahrnehmung und der herrschenden Autorität (Macht) ab.

Im Kern stimmen wir wohl überein, aber ich möchte um der Klärung willen für den Moment Abstand von den Begriffen „Berechtigung“ und „Wahrheit“ nehmen und ein paar einschränkende Bemerkungen machen. Erst einmal gibt es keine höhere Instanz, die „Berechtigungen“ dafür ausstellt oder vorenthält, was Menschen glauben. Sie glauben eben, und was sie glauben, ist auch wirksam. Wenn Menschen eine Frau für eine Hexe halten und verbrennen, ist das ein höchst reales Geschehen. Ich würde dem Dozenten zustimmen, wenn er gemeint haben sollte, dass man die Glaubenssätze früherer oder anderer Gesellschaften ernst nehmen muss, und das heißt, sich klarmachen muss, dass sie für die betreffenden Menschen so überzeugend und real waren wie unser eigenes Wissen für uns überzeugend und real ist, wenn man diese Menschen verstehen will.

Aber dadurch ändert sich natürlich nicht die tatsächliche Form der Erde. Man kann die Erde im Kopf so oder so konstruieren, dem Gehirn ist das erstmal egal, und solange sich alle einig sind, fällt der Unterschied nicht auf. In dem Sinn sind die beiden Konstruktionen gleichberechtigt.

Aber: Die Konstruktion der Erde als Scheibe führt zu der Vorhersage, dass man an ihrem Rand herunterfällt (oder von den dort heimischen Ungeheuern gefressen wird), wenn man zu weit aufs Meer hinausfährt. Die Konstruktion der Erde als Kugel führt zu der Vorhersage, dass man von der anderen Seite zurück an den Ausgangspunkt kommt, wenn man immer in derselben Richtung weiterfährt. Das kann man prüfen. Die letzte Vorhersage bewahrheitet sich, die erste nicht. Oder man stößt auf einen unbekannten Kontinent, der dann in die Konstruktion der Erde eingefügt wird.

Ich weiß nicht, ob es ein Missverständnis oder eine bewusste Irreführung ist, wenn die Anhänger der Gender-Lehre von kulturellen oder sozialen Konstruktionen so sprechen, als wäre damit gesagt, dass diese beliebig seien. Beides wäre tragisch. Der Konstruktivismus sagt nichts dergleichen, und das ist auch eigentlich nicht schwer zu verstehen. Der Konstruktivismus ist einfach eine theoretische Verarbeitung der Einsicht, dass unser Wissen von den Dingen nicht mit den Dingen selbst identisch ist. Wir können ja ohne jeden Zweifel etwas als Wirklichkeit betrachtet haben und dann doch feststellen, dass wir uns geirrt haben. Das führt dann fast zwingend zu der Frage, wie wir denn zu unserem nun als falsch erkannten Wissen gekommen waren. Und das ist die Frage des Konstruktivismus. Wie kommen wir zu unserem Wissen und was ist eigentlich Wissen?

Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun. Ganz im Gegenteil – die Einsicht, dass unser Wissen eben nur unser Wissen ist und der Realität mal mehr und mal weniger entsprechen kann, macht gerade so etwas wie Wissenschaft erforderlich. Wissenschaft bedeutet, nicht einfach gedankenlos unsere subjektiven Eindrücke zu verallgemeinern oder zu glauben, was alle sagen, sondern den Wissenserwerb zu systematisieren, um zu möglichst verlässlichem Wissen zu gelangen.

Unsere Konstruktion der Erde als Kugel mit allen Kontinenten am richtigen Ort ist auch eine Konstruktion, aber eine bessere, wobei „bessere“ heißt, dass sie ihren Zweck besser erfüllt, uns Orientierung für die Praxis zu bieten. Denn das ist in allererster Linie die Funktion unseres Gehirns und des darin enthaltenen Wissens. Und der Wert unserer Theorien und Begriffe, also „Konstruktionen“, erweist sich auch dort, in der Praxis. Man hätte Recht damit, wenn man zu einem Jäger und Sammler sagte, seine Unterscheidung zwischen essbaren und giftigen Früchten sei ja „nur eine Konstruktion“. Die Aussage wäre richtig, aber völlig wertlos, denn die Unterscheidung erfüllt ja ihren Zweck, und solange sie das tut, besteht keine Notwendigkeit, sich ihren Konstruktcharakter bewusst zu machen. Etwas anderes wäre es, wenn man eine bessere Konstruktion bezüglich der Früchte vorzuschlagen hätte, die dem Jäger und Sammler die Nahrungssuche erleichtern oder Magenverstimmungen vermeiden helfen würde. Aber solange man bei einem allgemeinen „alles ist Konstruktion“ stehen bleibt, ist damit überhaupt nichts gewonnen. Im Gegenteil: Die Einsicht in die Konstruiertheit des Wissens sollte eigentlich dazu ermutigen, Wissen unter den Vorbehalt der praktischen, empirischen Bestätigung zu stellen und die Techniken der Wissensgewinnung entsprechend zu verfeinern. Der Relativismus, den man mit einem vagen „alles ist eh nur Konstruktion“ nahelegt, tut das Gegenteil; er lädt im Grunde dazu ein, zu glauben, was einem gerade gefällt. Er verwischt sämtliche Wahrheitskriterien, die man anlegen könnte, anstatt sie zu schärfen. Der Konstruktivismus als wissenschaftliches Prinzip, das dazu herausfordert, uns über die Herkunft unseres Wissens Gedanken zu machen, um mehr Klarheit darüber zu gewinnen, wie verlässlich unser Wissen ist, wird in vulgärer Weise missverstanden und gegen die Wissenschaft selbst gerichtet. Eigentlich stellt er die Frage, was und wie wir wissen. Hier wird daraus: Wir können eigentlich gar nix wissen, wir können nur erfinden. Womit alle Bemühungen um besseres oder weiteres Wissen und alle Kritik müßig sind. Am Ende ist eh alles „Konstruktion“.

Das ist die allgemeine erkenntnistheoretische Grundlage der genderistischen Realitätsverweigerung. Und das ist nicht nur eine Realitätsverweigerung im übertragenen Sinn, also bei der Formulierung von Theorien, sondern sie betrifft einen Menschen, der sie sich zu eigen gemacht hat oder machen soll, sehr viel näher. Das deutet sich in dem folgenden kurzen Clip an, in dem Harald Eia eine Genderologin mit Victors Geschichte konfrontiert.

Dazu gäbe es einiges anzumerken, es geht mir aber um einen bestimmten Punkt. Eia fragt mehrmals, wie sie sich erkläre, dass Victor sich immer als Junge gefühlt habe. Darauf entgegnet sie immer wieder, man könne sich ohne Sprache doch gar nicht reflektieren. Vielleicht liegt es nur daran, dass sie in die Ecke gedrängt war und irgendetwas sagen musste. Jedenfalls ist frappierend, dass sie Fühlen mit Reflektion gleichsetzt, was ein so extremer Humbug ist, dass es jeden von einer Diskussion disqualifizieren sollte, die etwas mit Psychologie zu tun hat. Die Gleichsetzung passt aber zu einer Körperfeindlichkeit mit komplementärer Verabsolutierung des Geistes, durch die sich genderologische Standpunkte häufiger auszeichnen. Zum Beispiel, wenn die Sichtbarkeit sexueller körperlicher Reize als „sexistisch“ gewertet wird, die affektive Zuneigung zu einem Menschen aufgrund von sichtbaren Eigenschaften als „lookistisch“ oder jedes Anzeichen dafür, dass manche Menschen Fähigkeiten haben, die andere nicht haben, als „ableistisch“. Oder wenn es für wünschenswert gehalten wird, dass wir alle eines Tages „geschlechtsblind“ seien, wenn Blicke „Harassment“ sind, wenn sexuelle Lust eine „Objektifizierung“ bedeutet oder wenn Menschen ein moralischer Vorwurf daraus gemacht wird, dass sie nicht alle und alles gleichermaßen attraktiv finden.

Alles, was bei Menschen zumindest teilweise affektiv statt kognitiv gesteuert wird, gilt als böse. Darin sind die Genderologen ganz Puritaner. Ich bin sündhaft, triebhaft, verführbar. War es bei den Puritanern die ständige, strenge Selbstermahnung zur Sittlichkeit und das häufige Gebet, mit denen die eigene Affektivität bekämpft wurde, ist es hier nun die theoretische Orthodoxie. Jene schrieben die Sündhaftigkeit noch der Natur oder dem Einfluss des Teufels zu; diese sehen ihren Ursprung in einer gesellschaftlich geschaffenen Ordnung von Normen, deren eigentlicher Zweck die Aufrechterhaltung von Privilegien ist und die wir alle verinnerlicht haben.

Aber wie schon gesagt, das Gehirn ist ein Organ, dessen Funktion es ist, einen Organismus zu steuern. Von der Welt außerhalb seiner erfährt das Gehirn vom Körper und nur vom Körper. Der Körper signalisiert, was gut und was schlecht für ihn ist, das Gehirn verarbeitet diese Informationen und passt seine Arbeit daran an, um künftig das Gute zu suchen und das Schlechte zu meiden. Wären wir nur freischwebende, reflektierende Geister, dann, ja, dann könnten diese Geister sich beliebige Welten konstruieren. Die empirische Prüfung unserer Konstruktionen besteht aber darin, was mit unserem Körper geschieht, wenn wir uns an ihnen orientieren. „Empirie“ heißt dementsprechend Erfahrung.

Weil der Körper die Verbindung zwischen Geist und Welt ist, bedeutet Realitätsverweigerung eine Abkopplung des geistigen Lebens vom Körper, die natürlich nicht vollständig möglich ist, aber auch unvollständig kaum gesund sein kann. Die Realitätsverweigerung der Genderologen geht so weit, dass sie bzw. wir, wenn wir ihnen folgen, die Signale unserer eigenen Körper missachten müssen – darunter eben auch Signale wie die, dass wir einen Mann oder eine Frau vor uns haben, dass wir selbst ein Mann oder eine Frau sind und dass das ein Unterschied ist. Dies ist etwas, das wir nicht zu „reflektieren“ brauchen, sondern unmittelbar wahrnehmen, erleben und fühlen. Das wird schön abgebildet, wenn Eia in „Hjernevask“ immer wieder normale Leute auf der Straße zu seinen Themen befragt, zum Beispiel eben dazu, ob es zwischen Frauen und Männern angeborene Unterschiede gebe. Die Leute lachen dann (etwas, das Fanatiker grundsätzlich ungern tun und sehen), sagen „ja“ und sind sich völlig sicher. Normale Leute wissen all das, worüber es Experten gelungen ist, sich rettungslos zu verwirren.

Ganz abgesehen von der Masse der wissenschaftlichen Evidenz verweist auch die unmittelbare Evidenz des alltäglichen Lebens von Menschen auf die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Der Titel „Gehirnwäsche“ ist überaus angemessen, wenn man sich vor diesem Hintergrund vergegenwärtigt, dass unsere ganze Zivilreligion und Politik sie trotzdem leugnet. Sie tut das um den Preis, den ihr zugehörigen Menschen das Recht streitig zu machen, zu sein, was sie sind.

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