Das gestern erschienene neue „Factual Feminist“-Video bringt ein gutes Beispiel für die Folgen des Glaubens an unterschiedslos geborene und dann beliebig formbare Menschen, mit dem ich mich kürzlich anknüpfend and Harald Eias „Hjernevask“ beschäftigt habe. Es geht um eine Werbekampagne des Spielzeugherstellers „Goldie Blox“, der Spielzeug für Mädchen anbietet, das diese dazu ermutigen soll, Ingenieurinnen zu werden. Das ist an sich durchaus zu begrüßen; Spielzeug sollte so vielfältig sein wie möglich. Ein Problem ist aber, dass dabei Mädchen, die mit konventionellerem Mädchenspielzeug spielen bzw. deren Eltern, die das zulassen, schlechtgemacht, beschuldigt und beschämt werden. Ein Werbespot zeigt, wie in einer Welt, die George Orwells „1984“ nachempfunden ist, Mädchen von „Big Sister“ am Fließband zu gleichförmigen pinken Barbies geformt werden.

Dabei stellt sich zunächst mal wieder die Frage, ob eigentlich der Kapitalismus kaputt ist. Warum sollten Spielzeughersteller Kindern irgend etwas aufzwingen? Spielzeug wird von Eltern gekauft. Ein Spielzeug muss für Kinder attraktiv sein, damit sie ihre Eltern bitten/drängen, ihnen genau dies zu kaufen. Wenn das passiert, ist das Spielzeug ein erfolgreiches Geschäft. Wie sollte es dazu kommen, dass so viel Mädchensachen pink sind, wenn Mädchen Pink nicht mögen würden? Aufgrund von Vorurteilen in den Firmen? Die Vorstellung, dass dort in erster Linie versucht werde, Geschlechterstereotype aufrechtzuerhalten, und nicht, Geld zu machen, scheint mir hart am Rand der Verschwörungstheorie. Und die Vorstellung, dass Eltern und Kinder sich Beliebiges aufschwatzen lassen, ist eben wieder die Theorie des Menschen als unbeschriebenen Blatt, die man in mancher Ausprägung eher als Theorie der hohlen Birnen bezeichnen müsste, weil sie Menschen so vollständig die Autonomie und Urteilsfähigkeit abspricht.

Das Video fragt auch, ob denn „Goldie Blox“ eine Grundlage für die Behauptung hat, Mädchen würden wegen Barbie-Spielzeug nicht Ingenieurinnen. Und da wird es drollig. „Goldie Blox“ zitiert eine Studie mit 37 Mädchen, die fünf Minuten mit Barbie versus Mrs. Potato Head spielten und dann nach ihren Berufswünschen gefragt wurden. Tatsächlich wollten mehr Potato-Head-Mädchen Ingenieurinnen werden. Allerdings erwähnt „Goldie Blox“ beim Bezug auf die Studie nicht, dass auch abgefragt wurde, wie viele Barbies sich im Besitz der Mädchen befanden – was nicht mit deren Berufswünschen korrelierte, obwohl sie mit diesen Barbies ja viel mehr Zeit verbringen dürften.

Das Ergebnis der Befragung unmittelbar nach dem Spielen ist somit ganz offensichtlich ein Priming-Effekt. Festgestellt an 37 Mädchen. Mit anderen Worten, das war wohl nüscht.

Wahrscheinlich macht „Goldie Blox“, da der Kapitalismus eben nicht kaputt ist, gar nicht Propaganda, sondern Marketing, und zielt einfach auf einen Zeitgeist, der sich Menschen gern als willen- und geistlose Knetmännchen und -weibchen vorstellt. Aber wie dem auch sei, dies verweist zurück auf Steven Pinkers Ausspruch über die inhumanen Ziele des Gender Mainstreamings.

If men and women are not exactly the same, then the goal of having 50 percent of engineers be women and 50 percent of researchers in child language be women and 50 percent of everything be women is going to be an inhumane goal, because it’s going to be preventing some people from doing what they want to do.

In diesem Fall: Wird wegen dieses fiktiven Ziels einigen Kindern Spielzeug und Kleidung vorenthalten, die sie gerne hätten. Gleichzeitig wird dem Kind damit eingeimpft, dass seine Wünsche und Bedürfnisse falsch und schlecht seien.

Was die praktische Frage der Erziehung in dieser Hinsicht betrifft, sehe ich außerdem das Problem nicht. Wie gesagt, Kinder können ganz gut artikulieren, was sie wollen und was ihnen gefällt. Der offensichtliche, vernünftige und humane Weg besteht einfach darin, einem Kind möglichst viele Optionen zu eröffnen. Es gibt genug Heiligabende, Geburtstage und Verwandtenbesuche, um Kindern von allem etwas anzubieten. Wenn ein Mädchen Barbies öde findet und lieber mit Autos spielt, wird man das schon merken, um im umgekehrten Fall auch.

Der Vorwurf, den „Goldie Blox“ an Eltern und andere Hersteller richtet, lautet, diese würden Mädchen etwas aufzwingen und ihre freie Entfaltung behindern. Aber wann besteht eher die Gefahr, dass ihnen etwas aufgezwungen wird, das nicht ihren Bedürfnissen entspricht – wenn das Angebot sich an der Nachfrage orientiert oder wenn es an Kindern eine politische Zielvorgabe zu realisieren versucht?

Oh, und jetzt komme mir niemand damit, wie Jungs sich mit Spielzeugsoldaten und -waffen verschiedenster Art schon mal aufs Kämpfen und Sterben vorbereiten. Das wäre eine zynische Verharmlosung von Pink.

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