Vor einigen Tagen hat der Branchenverband International Game Developers Association eine im September geschaffene Webseite mit umfangreichen Tipps zum Umgang mit Online-Harassment überarbeitet und ergänzt. Nun gibt es Aufregung über den Abschnitt „Mental Wellness and Self Care„, wo unter anderem Ressourcen für die Suche nach Psychotherapeuten und eine Selbstmord-Präventions-Hotline aufgeführt sind – Psychotherapie und Selbstmord sind ja schließlich die primären Optionen, die sich eröffnen, wenn man auf Twitter von anonymen Fremden angefeindet wird. Außer, man heißt Matt Taylor; dann muss man das hinnehmen und sich entschuldigen.

Es ist wie immer schwer zu entscheiden, ob diese Seite primär Propaganda gegen GamerGate ist – an anderer Stelle wird ein Ratgeber „How to be a good Ally“ von Feministing empfohlen; das einzige, wobei Männern Hilfe zusteht, ist demnach, Feministinnen zu helfen – oder die Urheber tatsächlich glauben, dass man praktisch so gut wie tot ist, wenn man unerfreuliche Tweets bekommt. So oder so wird damit jedenfalls der bekannte Opfer- und Verwundbarkeitskult gepflegt. Um Frauen zu „empowern“ muss man ihnen offenbar erst einmal einhämmern, dass sie die Schwächsten und Wehrlosesten Wesen seien, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Aber ich schweife ab. Der aktuelle Stein des Anstoßes ist die letzte Zeile im erwähnten Abschnitt (Übersetzung):

Ein externes Twitter-Tool, um schnell einige der schlimmsten Täter der jüngsten Welle von Belästigungen und Accounts, die ihnen folgen, zu blockieren

Auf Twitter kann man ja Teilnehmer blockieren, von denen man nichts mehr hören will, und dies ist nun also eine Liste mit gut zehntausend Accounts, die man damit auf einen Schlag stummschalten kann. Und wie ich eben bemerkte – Trommelwirbel – ich habe es auch darauf geschafft.

Aber nicht nur ich wundere mich darüber, wie einfach und sorglos man inzwischen online als Täter hingestellt wird. Wobei die Liste sich freimütig zur Sippenhaft bekennt – nicht nur „Täter“ werden geblockt, sondern auch deren Follower. Es spricht Bände über die Vorstellungen der SJW von Debatte und Diskurs, dass demzufolge jemandem zuhören automatisch zustimmen bedeutet. Vor ein paar Stunden twitterte ein Roberto Rosario (übersetzt):

Ich bin Vorsitzender von @IGDA_PuertoRico und wurde von der @IGDA als Belästiger gebrandmarkt, weil ich das #GamerGate-Hashtag benutzt habe (Link)

.@IGDA @IGDABoard Bringt das in Ordnung oder ihr bekommt zum nächsten Treffen am Dienstag meine Kündigung. Getaggt mit #gamergate (Link)

Ein Chris Kluwe, der über 200.000 Follower hat, bemerkte zum letzteren Tweet:

Diese Person bedroht die @IDGA [sic]. Ein kurzer Blick auf die, denen er folgt, sollte Beweis genug sein. (Link)

Chris Kluwe soll uns hier nicht weiter beschäftigen, aber auch menschliche Höchstleistungen an Dummheit haben ihre Würdigung verdient. Und ja, das „bedroht“ bezieht sich auf die Drohung mit Kündigung.

Tatsächlich hatte sich Rosario jedenfalls etwa eine Woche zuvor einmal bezüglich GamerGate zu Wort gemeldet. Und zwar so:

.@Geordie_Tait Ich habe gerade gehört, wie du im @Kingofpol-Interview sagst, dass alle pro-#GamerGater in die Gaskammern der Nazis geschickt werden sollten. (Link)

Ich beziehe nicht öffentlich Stellung zu #GamerGate, aber als Vorsitzender von @IGDA_PuertoRico muss ich zurückweisen, was du gerade gesagt hast. (Link)

Ach ja, da war ja noch was. Geordie Tait ist oder war (?) Autor bei StarCityGames und hat sich in den letzten Wochen mit solchen Perlen ins Gespräch gebracht, wie Rosario sie erwähnt. Er beharrt seither auf dem Standpunkt, dass es moralisch unproblematisch sei, einen Massenmord an GamerGate-Anhängern zu fordern, und begründet das so: Weil er Ungerechtigkeiten gegen Frauen aus der Geschichte aufzählen kann und das Ergebnis in der Summe schlimmer sei als der Holocaust, stelle dies keine Verharmlosung des Holocaust dar und eine Vergasung von #GamerGate kein Verbrechen, sondern nur ein kleines Stück ausgleichende Gerechtigkeit. Das misanthropische und wahnhafte Menschen- und vor allem Männerbild, das dem zugrunde liegt, kommt in folgender Passage von Tait zum Ausdruck:

Nur #GamerGate, diese Bastion von Pickup-Artists, Trollen und Arschlöchern, würde die traurige Wahrheit leugnen, dass Frauen buchstäblich niemals dieselben Annehmlichkeiten und Privilegien genossen haben wie Männer; zu keinem Zeitpunkt, seit sich die Erde formte, seit sie nur eine kochende Kugel war, die in einem Firmament aus Gas hing und die männlichen Mikroben die weiblichen vergewaltigt, verbal erniedrigt und ihnen mikrobische Jobs verweigert haben.

Doch, er meint das ernst. Wahrscheinlich würde er diese Formulierung als satirische Zuspitzung bezeichnen und nicht wörtlich ernst meinen, aber seine Vorstellung ist tatsächlich die, dass man z.B. von dem historisch später eingeführten allgemeinen Wahlrecht für Frauen ausgehen und dann rückwärts in der Geschichte ein immer schlimmeres Unrecht gegen Frauen extrapolieren kann, so dass man in prähistorischer Zeit bei permanenter Vergewaltigung, Versklavung und Misshandlung von Frauen durch Männer landet.

Inzwischen ist recht deutlich geworden, dass Geordie Tait psychische Probleme hat; man könnte da noch viel mehr zitieren, aber es geht nicht um die Person. Es geht um die verbreitete Denkfigur, die unterstellt, dass in der vorhistorischen Zeit, als es keine Gesetze, keine Gleichstellungsbeauftragten und kein Affirmative Action gab, Frauen permanent, systematisch und, je weiter man zurückgeht, immer schlimmer von Männern misshandelt worden seien. Das setzt voraus, dass Männer, sofern sie nicht von irgendwelchen stärkeren Kräften zurückgehalten werden, ein irgendwie angeborenes Interesse daran hätten, Frauen zu knechten. Mal abgesehen davon, dass mir aus der Antropologie oder Primatenforschung keine Hinweise darauf bekannt sind, dass dem so sei, ist bereits in diesem Bild ein ausgeprägter Hass auf Männer enthalten. Mit den Worten der Antifeministin Karen Straughan (im obersten Kommentar; das Video ist ein Interview mit ihr, in dem David Pakman diesen Punkt irgendwie nicht versteht):

Jeder Mann wurde von einer Frau geboren und aufgezogen. Sein Leben hing von der Hingabe, Liebe und Fürsorge einer Frau ab. Die Annahme, dass Männer als Klasse ein System geschaffen und über Jahrtausende aufrechterhalten haben, das diejenigen unterdrückt, die sie im Heranwachsen ernährt, gepflegt und geliebt haben und mit denen sie immer ihre intimsten emotionalen Bindungen gebildet haben, ist die Annahme, dass Männer zu menschlichen Gefühlen unfähig seien. […] Die Theorie des Patriarchats ist die Entmenschlichung von Männern.

Die Fraktion, deren extremer Repräsentant Geordie Tait ist und die sich dem Hass verschreibt, weil sie auf der Gegenseite nichts als Hass vermutet, tut mir für die Kälte und Schwärze ihres Menschenbildes leid. Ich kann mich deshalb gut damit identifizieren, zusammen mit Roberto Rosario, der die Idee eines neuen Holocaust nicht so dufte findet, mit der Urheberin der Matt-Taylor-Spendenaktion Julie M., die mit den Gewaltdrohungen gegen sie komischerweise nicht reich wird und auf die Titelblätter kommt wie Anita Sarkeesian, mit der Journalistin und Equity-Feministin Cathy Young, mit den Fine Young Capitalists, einer Frauengruppe, die per Crowdfunding ein von kfcFrauen entwickeltes Indiegame produziert, mit Oliver Campbell, der mit #Notyourshield Frauen und Minderheiten eine Stimme gibt, die sich nicht von den Social Justice Warriors vereinnahmen lassen wollen und vielen anderen wundervollen Menschen (und meinetwegen dann auch mit, äh, Kentucky Fried Chicken) auf einer schwarzen Liste zu stehen. Ich nehme die Ehrung, mit anderen Worten, dankend an.

Update unmittelbar nach dem posten: Haha, das ging schnell.

disclaimerSchon klar. Erst beschuldigen, dann denken.

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