Bei der Washington Post überschlagen sich die Updates zur Skandalgeschichte des Rolling Stone über eine angebliche Gruppenvergewaltigung auf dem Campus der University of Virginia – ich berichtete. Die Zeitung steht demnach mit Jackie in Verbindung, deren Darstellung der Vergewaltigung, deren Opfer sie geworden sei, der Rolling Stone übernommen hatte, sowie auch mit anderen Akteuren der Uni.

Die Fraternity, in deren Haus die Vergewaltigung geschehen sein soll, hat eine Erklärung veröffentlicht, in der die Vorwürfe zurückgewiesen werden, die Tat verurteilt wird und der polizeilichen Untersuchung volle Zusammenarbeit garantiert wird. Weiter wird darin festgestellt, dass am 28. September 2012, laut Jackie dem Tag der Tat, keine Party im Haus der Verbindung stattgefunden habe. Außerdem habe damals kein Verbindungsmitglied als Rettungsschwimmer gearbeitet – laut der ursprünglichen Darstellung Jackies sei der Haupttäter „Drew“ in dieser Tätigkeit ihr Kollege gewesen. Und schließlich fänden Initiationsfeiern im Frühling statt, nicht im Herbst.

Die Polizei des nahegelegenen Charlottesville untersucht den Fall ebenfalls, äußert sich aber noch nicht. Ein paar Zitate aus einem längeren Artikel zum Stand der Dinge heute:

Will Dana, der Managing Editor des Rolling Stone, hat ebenfalls in einer neuen Erklärung Zweifel eingeräumt. ‚In Anbetracht neuer Informationen scheinen sich nun Unstimmigkeiten in Jackies Darstellung zu zeigen, und wir sind zu der Schlussfolgerung gelangt, dass unser Vertrauen in sie verfehlt war“, sagte er in einer Stellungnahme.

Eine Gruppe von Jackies nahen Freunden, die ’sex assault awareness advocates‘ an der UVA sind, gehen davon aus, dass Jackie etwas Traumatisches passiert ist, aber hegen ebenfalls Zweifel an ihrer Darstellung. Sie sagten, einige Einzelheiten hätten sich mit der Zeit verändert, und wichtige Punkte der Geschichte hätten sich in den letzten Tagen nicht bestätigen lassen. Der Name eines Beschuldigten, den Jackie ihnen in dieser Woche zum ersten Mal genannt hatte, ähnelte zum Beispiel dem Namen eines Studenten einer anderen Verbindung, und niemand mit diesem Namen war Mitglied von Phi Kappa Psi.

Am Telefon sagte dieser Mann, ein Absolvent der UVA, am Freitag, dass er tatsächlich im Schwimmbad gearbeitet hatte und ihm Jackies Name ein Begriff war. Er sei ihr aber nie persönlich begegnet oder habe sie zu einem Date ausgeführt. Er bestätigte auch, dass er kein Mitglied von Phi Kappa Psi ist.

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Alex Pinkleton, eine nahe Freundin von Jackie, die in ihren ersten zwei Jahren auf dem Campus eine Vergewaltigung und eine versuchte Vergewaltigung überlebt hat, sagte in einem Interview, dass sie in den letzten Tagen mehrmals mit Jackie gesprochen hat und sich nun getäuscht fühlt.

‚Wenn ich diese Unstimmigkeiten sehe, ist eine meiner größten Ängste, dass Menschen in Zukunft Überlebenden nicht mehr glauben werden,‘ sagte Pinkleton. ‚Wir müssen uns daran erinnern, dass die Mehrzahl der Überlebenden die Wahrheit sagen, die sich zu Wort melden.‘

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‚Wenn die Details dieses Falles falsch berichtet wurden, heißt das nicht, dass die traurige Wahrheit aus der Welt wäre, die der Artikel ans Licht gebracht hat: Vergewaltigung kommt weit häufiger vor, als wir uns klarmachen, und sie wird von Gleichaltrigen, Institutionen und der Gesellschaft insgesamt oft falsch verstanden und falsch gehandhabt,‘ sagte Pinkleton.

Das war ungefähr auch der Tenor meines Blogbeitrags – wenn das Problem wirklich so ernst ist, wie manche sagen, dann helfen Hysterie und Skandalgeilheit niemandem. Falsch Beschuldigten sowieso nicht, aber auch nicht den Opfern, weil deren Glaubwürdigkeit leidet. Und a propos Skandalgeilheit:

Jackie sagte der Post, dass sie nicht vorhatte, ihre Geschichte bekannt zu machen, bis die Rolling-Stone-Autorin sie kontaktiert hat.

‚Wenn sie sich nicht gemeldet hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht an die Öffentlichkeit gegangen,“ sagte Jackie, und fügte hinzu, dass sie mit einer posttraumatischen Belastungsstörung diagnostiziert wurde und mit Antidepressiva behandelt wird.

[…]

Im Juli machte Emily Renda [die im Bereich Bewusstsein für sexuelle Gewalt an der UVA arbeitet] Jackie mit der Autorin Sabrina Rubin Erdely bekannt, die über sexuelle Gewalt an Universitäten schreiben wollte. Überwältigt von den langen Interviewsitzungen, so Jackie, habe sie Erdely gebeten, sie aus dem Artikel herauszunehmen. Sie sagte, Erdely habe dies abgelehnt und ihr gesagt, der Artikel werde so oder so erscheinen.

Im Zweifel für die Angeklagte müssen wir auch dies unter den Vorbehalt stellen, dass Jackie nicht glaubwürdig ist. Vielleicht ist sie mit der Situation überfordert, was man ihr kaum vorwerfen könnte, und gibt deswegen jetzt Erdely die Schuld. Aber wie dem auch sei – Erdely trägt eine Verantwortung, auch wenn Jackie nicht ausdrücklich gesagt hat, dass sie sich zurückziehen will. Auch wenn Jackie von dem Artikel hellauf begeistert gewesen wäre, hätte sich Erdely gründlich überlegen müssen, ob es vertretbar ist, ihn an Jackies Fall aufzuhängen – nicht nur aus Verantwortung gegenüber den Lesern, der Öffentlichkeit und dem Thema, sondern vor allem auch um Jackie verantwortlich zu behandeln. Die Zentralfigur einer solchen Skandalgeschichte zu sein wäre für jeden jungen, nicht medienerfahrenen Menschen eine große und unkalkulierbare Belastung, und dies ist eine sehr junge und offensichtlich traumatisierte Frau, die mit einer Geschichte an die Öffentlichkeit gezerrt wird, die noch nicht einmal ordentlich geprüft wurde.

Ein Hohn – es gab kein Verbindungsmitglied, das zur betreffenden Zeit mit Jackie im Schwimmbad gearbeitet hat. Und ihr wollt alles penibel nachgeprüft haben?

Jackie ist an alledem nicht schuld. Es war nicht ihre Idee, aus ihrem traumatischen Erlebnis, was immer es war, journalistisches Blockbusterkino zu machen. Und das wäre auch gar nicht nötig gewesen. Die umfangreiche Recherche zum Campusleben und sexueller Gewalt hätte auch ohne Jackie mehr als genug Stoff für einen Artikel hergegeben. Hätte dann halt nur nicht ganz so geknallt. Jackie ist zweifellos ein Opfer. Dazu gibt es wahrscheinlich einen oder mehrere unbekannte Täter und eine bekannte Täterin.

Jackies ehemalige Mitbewohnerin Rachel Soltis sagte, sie hat emotionale und physische Veränderungen an ihrer Freundin bemerkt, als sie im Herbstsemester 2012 eine Campuswohnung teilten.

‚Sie war zurückgezogen und deprimiert und kam morgens nicht aus dem Bett,‘ sagte Soltis. Sie sei überzeugt gewesen, dass Jackie zum Opfer sexueller Gewalt geworden war.

[…]

Jackie sagte Anfang der Woche, dass sie sich von der Rolling-Stone-Journalistin Erdely manipuliert fühlt. Sie habe ‚vollkommen die Kontrolle über ihre eigene Geschichte verloren.‘

Erdely stand/steht am Freitag nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. Kein Witz.

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