Kursieren eigentlich schon Gerüchte, dass ich eine seltene Lebensform sei, die nur im November und Dezember aktiv ist und sonst ruht? Wenn ja, ist das nachvollziehbar, aber unzutreffend. Ich habe mich in den letzten Wochen radikal von allem zurückgezogen, um meine Doktorarbeit fertig zu schreiben, was mal Zeit wurde. Bin jetzt zu ca. 95 Prozent durch und guter Dinge, was das betrifft, muss sowieso wieder regulär arbeiten und melde mich deshalb auch hier mal wieder zu Wort.

Es war eine anstrengende, aber auch sehr anregende Zeit. Weil ich mich wirklich komplett eingeigelt habe (der ganze Gamergate-Wahnsinn wurde sowieso langsam zu viel), habe ich jetzt nichts zu kommentieren, was das Online-Geschehen betrifft, aber ich habe ja viel Literatur gewälzt und gelesen und kann davon ein wenig berichten, vor allem in Form einer Empfehlung.

Für mich hat sich viel geändert, seit ich irgendwann im Jahr 2013 auf den Genderwahnsinn aufmerksam wurde. Wenn ich mit Leuten darüber rede und Beispiele nenne, höre ich oft so was wie: na gut, das sind halt ein paar radikale Spinner, die du da zitierst, aber die gibt es doch in jedem Lager und im Großen und Ganzen ist das doch trotzdem richtig. Ich würde eher sagen, nein, gerade im Großen und Ganzen ist es falsch. Und radikale Spinner ist richtig, und ebenfalls ist richtig, dass die Radikalen zahlenmäßig eine Minderheit sind, aber sie scheinen so einen großen Einfluss auf erhebliche Teile wissenschaftlicher, politischer und publizistischer Eliten zu haben, dass es eben alles andere als eine Randerscheinung ist. Es geht um etwas Großes, und es geht alle an.

Nachdem ich inzwischen nun den größten Teil des Buches „Das unbeschriebene Blatt – die moderne Leugnung der menschlichen Natur“ des Evolutionspsychologen Steven Pinker gelesen habe, kann ich das besser einordnen. Das Buch ist schon 2002 erschienen, und wenn ich früher darauf aufmerksam geworden wäre, hätte ich mir in den letzten zwei Jahren viel Grübeln und Staunen sparen können. Es war für mich die Art von Buch, bei der man riskiert, sich ein Nackenleiden zuzuziehen, weil man dauernd wie besessen vor sich hin nickt. Pinker behandelt darin den Glauben der westlichen Gesellschaften, dass Menschen eben als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen; erstens völlig gleich und zweitens völlig leer, so dass alles, was sie später sind und tun, auf gesellschaftliche Prägung zurückzuführen sei. Genauer betrachtet handelt es sich eigentlich um so eine Art Doppeldenk, weil normale Menschen – einschließlich Wissenschaftler und auch Sozialwissenschaftler, wenn sie nicht im Dienst sind – ja durchaus wissen, dass Kinder verschieden sind, dass Kinder nicht indifferent zur Welt kommen, sondern eher durchaus eigenwillig, dass man Kindern und Menschen im Allgemeinen nicht jeden Quatsch einflößen kann, dass Männer und Frauen verschieden sind und so weiter. Nur irgendwie verschwindet dieses evidente Alltagswissen, sobald man öffentliche Statements abgibt, bei denen man sich einbildet, die hätten eine profunde Wirkung, und sobald man sich als guten und aufgeklärten Menschen darstellen will.

Ich hätte nie geahnt, wie tief das geht. Vor zwei Jahren hätte ich kaum gewusst, dass dieses Problem überhaupt existiert. Wenn es irgendwas gibt, dass man in den USA und Westeuropa als herrschende Zivilreligion bezeichnen kann, dann dies. Und die größere Bedeutung der Gender-Lehre besteht darin, dass sie diese allgemein weit verbreitete und tief verinnerlichte Zivilreligion nur ins Extrem treibt.

Laut Pinker gehören zu ihr drei Hauptbestandteile: das unbeschriebene Blatt (Persönlichkeit und alles, was dazugehört, stammt aus der Erfahrung, ist also rein kulturell bedingt), der edle Wilde (Menschen kommen gut zur Welt und werden von der Gesellschaft verdorben) und das Gespenst in der Maschine (der Geist existiert unabhängig vom Körper). Technischer ausgedrückt Empirismus, Romantik und Dualismus. Das Buch unternimmt einen ziemlichen Rundumschlag. Es ist für ein großes Publikum geschrieben, bezieht sich aber durchaus detailliert auf wissenschaftliche Quellen. Es stellt das Wirken dieser Glaubenssätze dar, referiert Forschungsergebnisse, die sie widerlegen, und diskutiert ihre politischen Implikationen, aber auch diejenigen, die sich ergeben würden, wenn man die menschliche Natur ernst nähme. Prominent beschäftigt er sich mit den Ängsten, die sich mit dem Gedanken an die menschliche Natur verbinden, und versucht zu zeigen, dass sie unbegründet sind. Das stärkste zusammenfassende Argument dabei ist wohl, dass, wenn Menschen wirklich vollkommen formbar wären, man dann auch alles mit ihnen anstellen könnte, während das unterdrückte und ignorierte Wissen über unsere biologisch bedingten Eigenschaften uns etwas über unsere Bedürfnisse verraten würde und letztlich die einzige Grundlage für eine wirklich am Menschen orientierte Auffassung von Menschenrechten sind.

Gleich im Vorwort ging es mit dem Nicken los:

Die Verleugnung der menschlichen Natur ist über die Grenzen der wissenschaftlichen Welt hinausgedrungen und hat zu einer Trennung von Geistesleben und gesundem Menschenverstand geführt. Zum ersten Mal kam ich auf die Idee, dieses Buch zu schreiben, als ich anfing, eine Reihe verblüffender Behauptungen von Koryphäen und Gesellschaftskritikern zu sammeln, die die Formbarkeit der menschlichen Psyche betrafen: dass kleine Jungen streiten und kämpfen, weil man sie dazu ermutigt; dass Kinder Süßigkeiten mögen, weil ihre Eltern sie als Belohnung für den Verzehr von Gemüse verwenden; dass Halbwüchsige durch Rechtschreibwettbewerbe und Schulleistungspreise auf die Idee gebracht werden, in Sachen Aussehen und Mode zu konkurrieren; dass Männer den Orgasmus für das Ziel der Sexualität halten, weil sie durch ihre Sozialisation dazu gebracht werden. Dabei liegt das Problem nicht nur darin, dass diese Behauptungen grotesk sind, sondern dass die Autoren nicht einmal die Möglichkeit einräumen, ihre Aussagen könnten vom gesunden Menschenverstand in Frage gestellt werden. Das ist Sektenmentalität, die aberwitzige Glaubensüberzeugungen als Beweis für Frömmigkeit wertet. Diese Mentalität ist unvereinbar mit Wahrheitsliebe und meiner Meinung nach verantwortlich für einige unglückliche Tendenzen in unserem jüngeren Geistesleben. Eine Tendenz ist die offene Verachtung, die viele Vertreter von Forschung und Lehre für Begriffe wie „Wahrheit“, „Logik“ und „Beweise“ bezeugen. Eine andere ist die heuchlerische Trennung zwischen dem, was Intellektuelle in der Öffentlichkeit sagen, und dem, was sie tatsächlich glauben. Eine dritte ist die unvermeidliche Reaktion: eine Kultur von „politisch unkorrekten“ Schock-Clowns, die sich gegenseitig in Antiintellektualismus und Bigotterie übertreffen, ermutigt durch die Gewissheit, dass das intellektuelle Establishment in den Augen der Öffentlichkeit jeden Anspruch auf Glaubwürdigkeit verwirkt hat (S. 11).

Wahrscheinlich kommt hier schon manches dem einen oder anderen bekannt vor. (Hat da jemand Pirincci gesagt?) Ausführlich befasst Pinker sich dann auch in einem Kapitel (und öfter mal am Rande anderswo) mit Geschlechterunterschieden und in dem Zusammenhang auch mit dem Feminismus. Er bedient sich dabei der Unterscheidung zwischen Gleichheitsfeminismus („equity feminism“) und Radikalfeminismus („gender feminism“), die auf Christina Hoff Sommers zurückgeht.

Gleichheitsfeminismus ist eine moralische Lehre, der es um Gleichbehandlung geht und die sich hinsichtlich offener psychologischer oder biologischer Fragen nicht im Geringsten festlegt. Radikalfeminismus ist eine empirische Lehre, die drei Behauptungen über die menschliche Natur auf ihre Fahnen geschrieben hat. Erstens: Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen haben nichts mit der Biologie zu tun, sondern sind alle sozial konstruiert. Zweitens: Menschen haben nur ein einziges soziales Motiv – Macht -, und das Verständnis des sozialen Lebens erschließt sich allein unter dem Gesichtspunkt, wie sie ausgeübt wird. Drittens: Menschliche Interaktionen erwachsen nicht aus den Motiven von Menschen, die miteinander umgehen, sondern aus den Motiven von Gruppen, die mit anderen Gruppen umgehen – in diesem Falle dem männlichen Geschlecht, welches das weibliche Geschlecht beherrscht (S. 472).

Das mit der Reduzierung von Beziehungen auf Macht und von Personen auf Gruppen gehörte auch zu den Dingen, die mir mit als erstes auffielen. Und nichts Neues, aber doch erwähnenswert:

Und sie haben einen neuen Wortschatz erfunden, um das zu bezeichnen, was man in jedem anderen Milieu Meinungsverschiedenheit oder Widerspruch nennen würde: „Gegenschlag“, „nicht kapieren“, „Frauen zum Schweigen bringen“, „geistige Belästigung“ (S. 474).

Sehr einschlägig ist auch seine Auseinandersetzung mit den Thesen bzw. Glaubenssätzen, die davon ausgehen, dass Sprache irgendwie eins zu eins unser Bewusstsein programmiere, dass wir hilf- und geistlos von den „Bildern“ konditioniert werden, die auf uns einprasseln, während gleichzeitig außer Sprache und Bildern eigentlich gar nichts existiere. Zur Sprache:

Die Schriften von Orakeln wie Jacques Derrida sind gespickt mit Aphorismen wie etwa: „Aus der Sprache ist kein Entkommen möglich“, „Text ist selbstreferentiell“, „Sprache ist Macht“ und „Außerhalb des Textes gibt es nichts“. Ganz ähnlich äußert sich J. Hillis Miller: „Sprache ist kein Instrument oder Werkzeug in den Händen des Menschen, kein gefügiges Mittel des Denkens. Vielmehr denkt die Sprache den Menschen und seine ‚Welt‘ … wenn er es denn zulässt.“ Der Preis für die extremste Formulierung dieses Gedankens geht an Roland Barthes, der erklärte: „Der Mensch existiert nicht vor der Sprache, weder als Art noch als Individuum.“

[…]

Wie alle Verschwörungstheorien verunglimpft auch die Idee, dass die Sprache ein Kerker sei, ihren Gegenstand, indem sie seine Macht überschätzt. Die Sprache ist die wunderbare Fähigkeit, mit deren Hilfe wir Gedanken aus einem Kopf in andere befördern, und wir können sie in vielfältiger Weise dazu nutzen, unseren Gedanken auf die Sprünge zu helfen. Dabei ist sie nicht das Gleiche wie Denken, nicht das Einzige, was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet, nicht die Grundlage aller Kultur, kein ausbruchssicherer Kerker, kein verbindliches Abkommen, nicht die Grenze unserer Welt und nicht der Faktor, der entscheidet, was vorstellbar ist.

[…]

Warum sind praktisch alle Kognitionswissenschaftler und Linguisten der Meinung, die Sprache sei – frei nach Nietzsche – kein gedanklicher Zwang? Erstens, man hat in vielen Experimenten den Geist von Lebewesen ohne Sprache untersucht, beispielsweise von Säuglingen und subhumanen Primaten, und festgestellt, dass die fundamentalen Denkkategorien vorhanden sind: Objekte, Raum, Ursache und Wirkung, Zahl, Wahrscheinlichkeit, Urheberschaft (die Initiierung eines Verhaltens durch einen Menschen oder ein Tier) und Werkzeugfunktionen.

Zweitens, unser riesiger Wissensvorrat ist sicherlich nicht in den Wörtern und Sätzen niedergelegt, in denen wir die einzelnen Fakten gelernt haben. […] In vielen Experimenten über das menschliche Gedächtnis hat sich bestätigt, dass wir uns langfristig an den Inhalt erinnern, nicht an den Wortlaut von Geschichten und Gesprächen. Kognitionswissenschaftler modellieren dieses „semantische Gedächtnis“ als ein Netz von logischen Aussagen, Bildern, motorischen Programmen, Lautketten und anderen Datenstrukturen, die im Gehirn miteinander verbunden sind.

Eine dritte Möglichkeit, die Sprache in ihrer wirklichen Bedeutung zu würdigen, besteht darin, über ihre Verwendung nachzudenken. Schreiben und Sprechen heißt nicht, dass wir einen inneren Monolog zu Papier bringen oder ins Mikrofon sprechen. Vielmehr herrscht ein ständiges Geben und Nehmen zwischen den Gedanken, die wir zu übermitteln versuchen, und den Mitteln, die uns die Sprache bietet, um die Gedanken mitzuteilen. […] Das ist der Grund, warum jede Sprache, weit entfernt davon, ein unentrinnbares Gefängnis zu sein, ständig erneuert wird. Trotz des Lamentos von Sprachliebhabern und des Zwangs von Sprachpolizisten verändert sich die Sprache unaufhaltsam in dem Maße, wie die Menschen über neue Dinge sprechen oder neue Einstellungen vermitteln müssen (S. 294ff.).

Und zum Thema Bilder:

Zuverlässige Auskunft über die Bedeutung, die Bilder in Cultural Studies und verwandten Disziplinen haben, dürfte im Concise Glossary of Cultural Theory zu finden sein. Dort wird Bild (Image) definiert als „geistige oder visuelle Repräsentation eines Objekts oder Ereignisses, wie es im Geist, auf einem Gemälde, einer Fotografie oder in einem Film wiedergegeben wird“. Nachdem der Stichwortartikel auf diese Weise Bilder in der Welt (wie zum Beispiel Gemälde) und Bilder im Geist (Vorstellungen) in einen Topf geworfen hat, erläutert er die zentrale Bedeutung der Bilder für Postmodernismus, Cultural Studies und wissenschaftlichen Feminismus.

[…]

[Zitat:] „In einem weiteren Schritt […] geht man davon aus, dass wir in einer Welt der Hyperrealität existieren, in der die Bilder sich selbst generieren und von einer vermeintlichen Realität vollkommen abgelöst sind. Das deckt sich mit der allgemeinen Auffassung in der Unterhaltungsindustrie und Politik, wonach alles eine Frage des ‚Images‘ oder der Erscheinung ist und nicht des substantiellen Inhalts.“

Tatsächlich findet sich die Lehre von der Hyperrealität im Widerspruch zur allgemeinen Auffassung, nach der es in der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie und Politik nur auf Image und Erscheinung ankommt. Entscheidend an dieser allgemeinen Auffassung ist die Überzeugung, dass es neben den Images und Bildern noch eine Realität gibt, die uns ermöglicht, die zu unserer Täuschung bestimmten Bilder anzuprangern.

[…]

Ich denke, ich habe kein Geheimnis aus meiner Ansicht gemacht, dass ich diese ganze Theoriebildung für ein einziges begriffliches Desaster halte. Wenn wir verstehen wollen, wie Politiker oder Werbestrategen uns manipulieren, dürfen wir eines ganz bestimmt nicht tun: den Unterschied verwischen zwischen den Dingen in der Welt, unserer Wahrnehmung dieser Dinge, wenn wir sie vor Augen haben, den Vorstellungsbildern dieser Dinge, wenn wir sie aus dem Gedächtnis rekonstruieren, und den physikalischen Bildern in Form von Fotos und Zeichnungen (S. 301f.).

In Deutschland scheint das Buch ein ziemliches Schattendasein zu führen. Ich selbst wurde ja witziger Weise durch eine norwegische Doku darauf aufmerksam. Bei Amazon gibt es nur das Hardcover, 2003 im mir bisher unbekannten „Berlin Verlag“ erschienen, für schlappe 69 Euro. In den USA war „The Blank Slate“ ein Bestseller. Ich hatte mir zuerst eine deutsche Version aus der Bibliothek geholt, habe mir dann aber eine amerikanische für ca. 15 Euro einschließlich Versand importieren lassen.

Bei meinen eigenen Recherchen schien es mir, als ob die Wissenschaften und vor allem die Sozialwissenschaften in dieser Hinsicht ziemlich gespalten sind. Es gibt welche (jedenfalls im angelsächsischen Bereich), die Impulse aus den naturwissenschaftlich orientierten Fachrichtungen aufnehmen und auf hochinteressante Weise diskutieren und verarbeiten; und es gibt andere, die sie komplett ignorieren. Die Wissenschaftsszene ist ja auf der einen Seite die Heimstatt der political correctness, auf der anderen Seite werden in ihr deren Glaubenssätze aber auch am fundamentalsten angegriffen und in Frage gestellt. In einem umfangreichen, mehrbändigen Handbuch zur Kinderpsychologie von 2008 las ich zum Beispiel, das unbeschriebene Blatt sei eine „straw person“, was ich sehr niedlich fand. Ich habe mich dann gefragt, ob die political correctness wohl auch nur eine „straw person“ ist, sowie, ob die Idee hinter diesem Sprachgebrauch ist, dass Frauen dadurch unterdrückt würden, wenn der „strawman“ wie bisher ein Mann wäre, oder ob Männer unterdrückt würden, weil der „strawman“ ja negativ besetzt ist. Ich weiß es nicht. Aber irgendwer wird bestimmt unterdrückt, wenn jemand ein Wort gebraucht; das kann ja gar nicht anders sein. In einigen Texten ist mir jetzt auch das Phänomen begegnet, dass nur noch weibliche Pronomen gebraucht werden, wenn eine fiktive Person als Beispiel für irgendwas genannt wird. Na ja, wenn’s hilft.

Aber dass es eben diese Forschung überhaupt gibt und dass sie diskutiert wird, stimmt mich optimistisch. Und dass gerade in den USA, wo der Genderfeminismus offensichtlich stärker und durchgeknallter ist als anderswo, ein Buch wie das von Pinker zum Bestseller wird, muss man auch mal zur Kenntnis nehmen. Amerika hat sehr durchgeknallte Radikale in verschiedensten Lagern, aber es hat eben auch Meinungsfreiheit, Vielfalt und eine Menge Intelligenz. Ich weiß nicht, ob ich mir ein deutsches Fox News wünschen würde, aber wenn gewährleistet wäre, dass auf anderen Sendern dann auch andere Standpunkte ebenso pointiert vertreten würden, tendiere ich im Vergleich zum deutschen Nachrichtenbeamtentum eher zu einem Ja.

Aber zurück zur Forschung. Hier sind zum Beispiel zwei Artikel über die anscheinend recht großen Persönlichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Leider sind ja die meisten Journal-Artikel nicht frei zugänglich, aber wenn jemand zu viel Geld hat oder mal bei einer Bibliothek vorbeikommt: Interessant ist auch eine Überblicksdarstellung von Richard Lippa über Geschlechterunterschiede in Persönlichkeit und Interessen, die in mehreren großangelegten kulturvergleichenden Studien festgestellt wurden. Abseits vom Geschlechterthema fand ich z.B. einen Artikel über das Persönlichkeitsmerkmal „Offenheit für Erfahrung“ verblüffend. Dieser gehört zu den sogenannten „Big Five„, relativ globale Persönlichkeitseigenschaften, mit denen sich alle Menschen auf allgemeiner Ebene beschreiben lassen, wobei hier der Witz ist, dass „Offenheit“ erstens zu einem erheblichen Teil erblich ist und zweitens in hohem Maß mit politischen Einstellungen und Lagerbildungen einhergeht und eine wichtige Rolle bei Partnerwahl, Kunstgeschmack u.a. spielt. Wenn das stimmt, und danach sieht es aus, muss man noch mal ziemlich anders über einige gesellschaftliche Phänomene nachdenken. Viele, deren Job das wäre, haben darauf offensichtlich keine Lust.

Sogar frei verfügbar ist ein Beitrag über moralische Intuitionen, der sehr überzeugend argumentiert, dass wir moralische Bewertungen viel mehr auf der Grundlage von Intuitionen treffen, die relativ automatisch funktionieren, und diese Bewertungen in der Regel erst nachträglich in Argumente kleiden. (Das ist wohlgemerkt kein Ansatz von der Sorte, die uns zu Automaten erklärt. Es geht nur darum, dass nicht alles bewusst abläuft und dass das, was unbewusst abläuft und mehr auf körperlichen als auf geistigen Funktionen basiert, sehr differenziert, intelligent und wertvoll sein kann.) Oder allgemein die Befunde der Verhaltensgenetik (auch frei zugänglich) über die Erblichkeit psychischer Eigenschaften, die die Lehrmeinung über den großen Einfluss von Eltern, Erziehung und Bedingungen des Aufwachsens in Frage stellen. Da kommt im Moment (eigentlich schon länger) so viel, das allem widerspricht, was man hierzulande so lernt. Wissenschaftler, die das alles nicht zur Kenntnis nehmen, fesseln sich damit in den Worten Pinkers „an ein Gleis, auf dem ein Zug herandonnert“ (S. 472).

Ich finde diese für mich neuen Einsichten nicht nur hochinteressant, sondern auch erfreulich. Ich kann die Angst davor nicht so ganz verstehen. Es macht Menschen noch einmal interessanter, wenn so viele Facetten von dem sichtbar werden, was wir schon auf die Welt mitbringen. Dadurch wird das Wunderwerk der Natur nicht geschmälert, ganz im Gegenteil. Umgekehrt hat es für mich immer etwas von einem tiefen Misstrauen, wenn nicht von Menschenverachtung, wenn versucht wird, Menschen auf ihr bewusstes Denken zu reduzieren und den Körper als irrelevantes Anhängsel auszuklammern. (Und die oben erwähnten Autoren, also Menschen, deren ganze Tätigkeit auf Sprache beruht und die proklamieren, es gebe eigentlich gar nichts außer Sprache … naja. So kann man sich natürlich auch für allmächtig und allzuständig erklären.) Und es ergibt auch ein sehr viel würdevolleres Bild, wenn wir nicht die passiven, unkritischen und hohlen Lemminge sind, die ständig vor Worten, vor Bildern und vor allem wohl vor sich selbst beschützt werden müssen, sondern eine natürliche Ausstattung mit Fähigkeiten und Neigungen mitbringen, die allem allzu energischen Beschütztwerden und auch den idiotischsten theoretischen Spekulationen immer standhalten und widerstehen werden, weil sie schon ganz anderes ausgehalten haben.

Also, wenn ich in meiner Naivität nicht die ganze Zeit völlig allein war, Pinker lesen. Wie gesagt, notfalls gibt’s ja Bibliotheken. (Dann aber nicht vergessen: kein Raum für Übergriffe!)

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