Der Shirtstorm wendet sich (Update 20.11.)

Vorgestern hat Canoness Julie, eine der besonders engagierten Beteiligten am frauenverachtenden #GamerGate, dazu aufgerufen, Geld für ein Geschenk an Matt Taylor zusammenzulegen, der in den Augen der feministischen Medienöffentlichkeit jedes Recht auf Respekt verwirkt hat, weil er am Rand eines wissenschaftlichen Durchbruchs das falsche T-Shirt trug. Die Idee war, damit seine Leistung zu würdigen und wohl auch, ihm zu zeigen, dass es hier unten auf der Erde nicht nur selbstbesessene Arschlöcher gibt.

Elly Prizeman, seine Freundin, von der das unsittliche T-Shirt stammt, hat bereits reagiert. Sie schrieb Julie via Twitter:

Wow that is amazing! And so kind! Thank you so much! He isn’t replying to tweets at present and keeping a low profile but I will let him know tomorrow when I speak to him. Thank you so much! You are amazing!! x

Der Spendenstand nähert sich der 10.000-Dollar-Marke. Wenn es so weitergeht, gibt es Geschenke fürs ganze Team.

Update 18.11., 1:10 Uhr: 15.295 Dollar. Vor 22 Stunden postete Julie dies:

Bei Twitter kursiert ein schönes Zitat: “When a wise man points at the moon, the imbecile examines the finger.” – Confucius

Update 19.11., 17:15 Uhr – eben tweetete Julie:

Und dies (klicken zum Vergrößern):

julieharassment

Zur Erinnerung: Der angebliche Grund für den Hass auf GamerGate ist „harassment of women“. Aber Fälle wie dieser interessieren keine Sau. Es muss schon ins Narrativ passen.

P.S. Fast 20.000.

20.11., 21:30 Uhr: Julie schreibt, Matt Taylor fühlt sich nicht ganz wohl mit der Idee, ein Geschenk anzunehmen, weil er kein weiteres Öl ins Feuer gießen möchte. Seine Familie und er seien aber dankbar für die empfangene Unterstützung. Taylor bittet darum, das Geld (momentan 22.441 Dollar) an UNAWE zu spenden. Julie versucht zu klären, ob wenigstens eine kleine Party für das Team drin ist.

Ein inhumanes Ziel (1): Realitätsverweigerung

Wo anfangen?

Ein alter Freund, den ich für einen hellen Kopf halte, schreibt neuerdings „Mitarbeiter_innen“. Bei Gelegenheit fange ich ein Gespräch darüber an und sage ihm, dass ich die Gender-Lehre für falsch halte, und er fragt erstaunt, warum.

Und ich weiß nicht, wo anfangen. Vielleicht mit der Gegenfrage, ob er das ernst meint, dass er selbst bei einer überschaubaren Gruppe von „Mitarbeiter_innen“, die ihm persönlich bekannt sind, kein Urteil darüber treffen zu können glaubt, ob es sich bei ihnen wirklich um Männer und Frauen handelt? Und ob er ihnen das auch ins Gesicht sagen würde: ich bin mir gar nicht so sicher, dass du eine Frau bist, man weiß es ja nicht?

Eine der vielen Merkwürdigkeiten dieser Lehre, dass sie so überzeugend zu sein scheint, obwohl diese Konsequenz aus ihr, die Männlichkeit oder Weiblichkeit des Gegenübers in Frage zu stellen, für die meisten Menschen eine Beleidigung wäre.

Aber es ist natürlich nicht als Beleidigung gemeint. An guten Tagen hat ja selbst Lann Hornscheidt „nichts dagegen, wenn Personen sich Frau oder Mann nennen„; insofern macht ihnen der Unterstrich nichts streitig, sondern eröffnet zusätzliche Möglichkeiten. So gehe es meinem Freund darum, sagt er, dass es doch nicht nur die zwei Pole männlich und weiblich gebe, sondern noch ganz viele „Geschlechter“ dazwischen, und denen wolle er in der Sprache Raum geben, statt sie an einen der Pole zu zwängen. Ich versuche zu erklären, dass es doch erst seine Setzung und Fantasie bzw. die der Gender-Theoretiker ist, dass die zwei Geschlechter „Pole“ seien, so dass nur ein total männlicher Mann, wie auch immer der aussähe, und nur eine total weibliche Frau von den Begriffen „Mann“ und „Frau“ abgedeckt seien, dass also die Kategorien „Mann“ und „Frau“ in sich keine Varianz dulden würden, so dass die Sprache reformiert werden müsste, um all die anderen unterzubringen. Warum soll der Begriff „Mann“ es neuerdings nicht mehr aushalten, dass Männer sich unter anderem in Art und Grad ihrer Männlichkeit unterscheiden, und warum soll er sich nicht weiterentwickeln können, um auch eventuelle neue Formen der Männlichkeit einzuschließen, und bei Frauen ganz genauso?

Aber wir reden aneinander vorbei. Ich habe unwillkürlich die Annahme zugrunde gelegt, dass die Geschlechterkategorien nur dann anzugreifen seien, wenn es dafür einen dringenden Grund gäbe, den ich nicht sehe. Ich war davon ausgegangen, dass sie zunächst einmal etwas Bewahrenswertes sind, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Und schon darüber besteht kein Konsens. Ihm erscheint die Aussicht, sie hinter uns zu lassen, offenbar als Verheißung einer besseren Zukunft, und die Vorstellung der zwei Geschlechter als eine Art von Ballast, dessen Entsorgung kein Verlust wäre.

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Neulich in einem benachbarten Paralleluniversum

Am 29. Oktober veröffentlichte das Internetmagazin „Truth Revolt“ einen Artikel über merkwürdige Passagen in dem autobiographischen Buch „Not That Kind of Girl“ der 28-jährigen TV-Schauspielerin Lena Dunham. „Lena Dunham Describes Sexually Abusing Her Little Sister„, war die Überschrift, und die fraglichen Passage aus einer Zeit, als Lena sieben und ihre kleine Schwester Grace ein Jahr alt war, klingt so:

One day, as I sat in our driveway in Long Island playing with blocks and buckets, my curiosity got the best of me. Grace was sitting up, babbling and smiling, and I leaned down between her legs and carefully spread open her vagina. She didn’t resist and when I saw what was inside I shrieked.

My mother came running. “Mama, Mama! Grace has something in there!”

My mother didn’t bother asking why I had opened Grace’s vagina. This was within the spectrum of things I did. She just got on her knees and looked for herself. It quickly became apparent that Grace had stuffed six or seven pebbles in there. My mother removed them patiently while Grace cackled, thrilled that her prank had been a success.

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Kurzes Update zum Geschlechterschema der Grünen Jugend

Das Internet im Allgemeinen und Achdomina im Speziellen hatte schon gelegentlich Spaß mit dem Beitrittsformular der Grünen Jugend, das unter „Geschlecht“ folgende Auswahlmöglichkeiten anbietet:

weiblich

Anscheinend gab es darauf irritierte Reaktionen, denn inzwischen wurde Folgendes hinzugefügt:

Du stellst Dir die Frage, warum wir im Formular nur zwischen „weiblich“ und „nicht-weiblich“ unterscheiden? HIER findest du unsere Antwort dazu.

Na dann mal los.

Um es kurz zu machen: Wir haben mit dieser Abfrage das Ziel, Diskriminierung zu bekämpfen:

  • die Diskriminierung von Frauen, indem wir zu statistischen Zwecken und für Frauenförderungsmaßnahmen den Frauenanteil messen

Dingdingdingdingdingding! Sorry, mein Bullshit-Detektor. Der Frauenanteil ließe sich mit einer Mann-Frau-Abfrage genauso gut messen.

  • die Diskriminierung von Menschen, die sich in dem Mann-Frau-Schema nicht wiederfinden können oder wollen (z.B. Intersexuelle, Transsexuelle und Transgender)

Dingdingdingdingdingding! Sorry, aber für die ließe sich ohne Weiteres eine dritte Antwortmöglichkeit einbauen. Und ich stecke da ja nicht so drin, aber wenn, wie doch der Unterstrich behauptet, männlich und weiblich Extrempositionen eines Kontinuums sind, zwischen denen sich noch so viel anderes befindet, dann sind die dazwischen auch nicht entweder „weiblich“ oder „nicht weiblich“, sondern mehr oder weniger weiblich. „Weiblich/nicht weiblich“ ist wiederum: ein binäres Schema. Sonderlich respektvoll ist es übrigens auch nicht, wenn es so viele verschiedene diskriminierte Geschlechtsidentitäten gibt, die alle zusammen in einen Pott zu schmeißen, weil sie gemeinsam etwas nicht sind. Macht man sie damit nicht unsichtbar, etwa so wie mit dem Männlichen als Norm?

A propos männlich, nun geht’s zur Sache:

Deshalb fragen wir lediglich ab, ob eine Person, die bei uns Mitglied werden möchte, weiblich oder eben nicht weiblich ist. Eine Diskriminierung von Männern und Jungen liegt durch eine solche Abfrage keinesfalls vor. Weder das Allgemeine Gleichbehandlungs Gesetz (AGG) noch andere wissenschaftliche Quellen liefern dazu Anhaltspunkte.

Andere wissenschaftliche Quellen als das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz? 

boshaft

Die letzten zwei Sätze sollten wir uns jedenfalls merken. Wann immer von Diskriminierung die Rede ist, sagen wir in schönstem Bürokratendeutsch: „Eine Diskriminierung liegt nicht vor“. Und die Annahme, durch den Gebrauch des generischen Maskulinums würden mit verheerenden diskriminatorischen Folgen Frauen „unsichtbar gemacht“, dürfte ja auch vom Tisch sein, wenn keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass selbst gezielte und absichtsvolle Verrenkungen zur sprachlichen Neutralisierung von Männern keine Diskriminierung darstellen.

Bleibt nur zu fragen, warum „Geschlecht (biologisch)“ in „Geschlecht/Gender“ geändert wurde – ich dachte, es wäre so wichtig, dass Geschlecht und Gender nicht das gleiche sind? Aber in einem Jahr ist das vielleicht auch, äh, „geklärt“. Ich jedenfalls gebe die Hoffnung nicht auf, dass es der Grünen Jugend eines Tages gelingen wird, ein Online-Formular ohne theoretische Widersprüche zu entwickeln.

shoe0nhead über „Street Harassment“

Das Video ist schon im August erschienen und bezieht sich auf eine frühere Dokumentation über „Street Harassment“, aber es ist auf die aktuell herumgereichte (Genderama hat einen schönen Beitrag dazu) fast eins zu eins anwendbar – einschließlich der merkwürdigen rassistischen Schlagseite. Die puritanische Verdammung alltäglicher Äußerungen normaler Heterosexualität ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was ich an dieser Art von Feminismus für sozial destruktiv halte – Anita Sarkeesian würde vielleicht sagen: „toxic“. Dabei hilft sie noch nicht einmal den Opfern wirklicher Übergriffe, deren Erfahrungen trivialisiert werden, indem man sie mit einem „have a nice day“ auf eine Stufe stellt. Darüber wird leider noch zu reden sein.

Nun aber erst einmal shoe0nhead: „Professional Victims“.

Ein paar weitere lesenswerte Kommentare gibt’s bei Andrew Sullivan.

Rationalität, Liberalität und Zivilisation

Gegen den Blogger Fefe läuft derzeit ein Hexenprozess, weil er nicht salutiert und die Hacken zusammenschlägt, wenn eine „verdiente feministische Aktivistin“ den Raum betritt. Seine verdächtigen Umtriebe bestehen darin, dass er Don Alphonsos Artikel über den Hass der Aufschrei-Fraktion empfohlen und sich über diesen (den Hass, nicht den Artikel) gewundert und ihn als inakzeptabel gewertet hat. Dabei bemüht er sich redlich, der netzfeministischen Seite Zugeständnisse zu machen, obwohl er dafür trotz verzweifelten Suchens wenig Grundlage findet:

Ich sehe mich da nicht als Betroffenen, weder von den marodierenden Masku-Horden, noch von den unflätigen Feministen-Schreihälsen. Aber im Vorbeiscrollen begegne ich ja schon diversem Unrat, und da war bisher noch so gut wie kein Masku-Unrat dabei, aber jede Menge Feministen-Schreihals-Unrat.

Ebenso im Zusammenhang mit Gamergate:

Beide Seiten verhalten sich offensichtlich unakzeptabel. Ich bin bisher aber hauptsächlich dem Hass der Feminismus-Seite begegnet, daher betrifft der mich in meiner persönlichen Wahrnehmung der Welt mehr.

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„Kein Raum für Übergriffe“ – das Poster

Ich habe den gestern erwähnten Aushang doch noch online gefunden:

zFrb_Kein Raum fuer Uebergriffe_Plakat Kopie

Meine Bemerkungen über die Fadenscheinigkeit der Begründungen, mit denen man sich bemühen könnte, diesem Aushang einen praktischen Zweck und Nutzen zuzuschreiben, bleiben bestehen: Muss man wirklich extra darauf hingewiesen werden, dass man Fremden nicht ungefragt Pornobilder zeigt, dass man sich ihnen nicht gegen ihren Willen „physisch“ annähert und dass unerwünschte Kontaktaufnahmen … unerwünscht sind? Auf der anderen Seite: „Sagen Sie der Person, dass Sie sich durch ihr Verhalten belästigt fühlen!“ Ja, Captain Obvious, das wäre in der Tat ein guter Anfang! Wäre eine Frau nie drauf gekommen; die sind ja nicht so helle, wie die Feministinnen am besten wissen.

Und ich will nicht spitzfindig sein, aber ich habe viele Beispiele für „unerwünschte, wiederholte Kontaktaufnahmen“ erlebt, die mir überhaupt nicht „sexualisiert“ vorkamen – wir möchten mit Ihnen über Jesus sprechen. Aber man kann natürlich auch die ganze Welt sexualisieren, wenn man denn unbedingt möchte. Dafür soll es ja sogar extra Beauftragte geben.

Interessant an den offiziellen Informationen über diese Aktion ist, dass es im Wesentlichen keine gibt. Wir machen eine Plakatkampagne, Punkt. Keine Begründung, kein Anlass, keine Auskunft über zu erreichende Ziele oder erhoffte Wirkungsweise, keine Informationen über das Ausmaß des Problems der sexuellen Belästigung in öffentlichen Bibliotheken. Vergleiche dazu:

ZEIT: Wo geschehen die sexuellen Übergriffe?

List: Wenn sie an der Uni passieren, dann meist in Seminarräumen oder in Büros. Häufiger aber da, wo niemand damit rechnet: in der eigenen Wohnung oder in der Wohnung eines Bekannten.

Eher nicht in der Bibliothek also – wer hätte es geahnt.

Immerhin deutet die Bezeichnung „Plakatkampagne“ aber darauf hin, dass der Spuk irgendwann vorbei ist.

Social Justice Warriors

Während eines Spaziergangs mit einer Freundin kam ich heute am Grimm-Zentrum vorbei, einem Bibliotheksgebäude der Humboldt-Universität in Berlin Mitte. Mir fiel ein, dass darin noch ein bestelltes Buch auf mich wartete, also gingen wir hinein.

Das erste, was man im Foyer sah, war wenige Schritte hinter den Türen ein etwa brusthoher Aufsteller mit einem Schild. Das Schild war rot, nahe am Feuerwehrrot, aber noch knalliger. Darauf stand in großen, weißen Lettern „Kein Raum für Übergriffe“, darunter kleiner der Hinweis, dass sexuelle Übergriffe in den Räumen der Bibliothek nicht geduldet würden, und dann eine Aufzählungsliste, was alles unter sexuelle Übergriffe falle. Ich kann leider nur aus dem Gedächtnis zitieren, weil ich im Internet kein Exemplar dieses Schildes finden konnte. Die Liste war auf jeden Fall derjenigen auf S. 2 dieses Flyers („humboldt chancengleich. fokus frau“ – das Logo war auch auf den Schildern) ähnlich, aber kürzer. (Vielleicht mache ich mal ein Foto, wenn ich wieder in der Nähe bin. Und klebe dann eine Triggerwarnung drauf. Ohne ist das doch unverantwortlich.) (Nachtrag 25.10.: ich hab’s doch noch gefunden. Hier das Poster mit kurzem Kommentar.)

An der hinteren Seite des Foyers, wo man nach dem Einschließen von Taschen und Jacken die eigentliche Bibliothek betritt, befindet sich über der Tür ein großes Display, das denselben Text in demselben Rot zeigt. Weil es dort selten freie Schließfächer gibt, wartete meine Freundin mit meinen Sachen im Foyer, während ich das Buch holte. Als ich wiederkam, hatte sie das Schild ganz gelesen und sagte zu mir, dass sie sich plötzlich als Frau wie ein irgendwie besonderes und problematisches Wesen an diesem Ort fühlte. Normalerweise spielt es für sie beim Betreten einer Bibliothek keine Rolle, dass sie eine Frau ist. Normalerweise ist sie dort einfach ein Mensch unter vielen, die aus irgendwelchen Gründen Bücher brauchen. Über die Vorstellung, dass ausgerechnet in einer Bibliothek akut mit sexueller Belästigung zu rechnen sei, hat sie, die studiert hat und durchaus gelegentlich von Männern angesprochen wird, herzlich gelacht.

Wir saßen noch ein paar Minuten im Foyer und unterhielten uns. Weil ich mich freute, sie nach relativ langer Zeit mal wieder zu sehen, wollte ich sie spontan auf die Wange küssen, wie ich das bei ihr gelegentlich tue, meist zur Begrüßung, aber manchmal auch einfach so. Aber ich tat es nicht, weil mir plötzlich Zweifel kamen, ob das dort überhaupt erlaubt wäre, ob ich damit Anstoß erregen würde, ob plötzlich eine Trillerpfeife erklingen würde. (Immerhin stammt ja auch dies von der HU, und man spürt diesen Einfluss auch vor Ort.) Ich weiß, das ist kaum eine realistische Befürchtung, aber der Gedanke kann einem schon kommen. Genaugenommen müsste es aus Genderology-Sicht ja auch wirklich problematisch erscheinen, wenn ich es getan hätte, denn ich hätte ja nicht vorab ihre Einwilligung eingeholt, sondern hätte einfach angenommen, dass ich von ihrem Einverständnis ausgehen kann. Und fängt damit nicht das ganze Übel der Rape Culture an, dass Männer einfach so glauben, sie dürften?

Ich erzählte ihr dann von meinem geplanten und abgebrochenen Übergriff, weil wir uns über die Schilder ja schon amüsiert und aufgeregt hatten. Sie sagte, ja, man kommt sich ein bisschen vor wie in Saudi-Arabien. Wir fühlten uns ziemlich unwohl und gingen.

Ich kann mir vorstellen, dass diese Szene in diesem Zusammenhang und diesem Blog ausgedacht wirkt, aber das ist sie nicht. Wenn ich mal abergläubisch sein darf, war dieses kleine Erlebnis vielleicht das Zeichen, das ich brauchte, um dieses Blog zu reaktivieren. Wenn ich mit dem plötzlichen Verstummen jemanden enttäuscht habe, tut mir das leid. Ich will die Gründe hier nicht ausbreiten, sie sind auch unspektakulär, aber ich kann zumindest sagen, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Interesse am Thema verloren habe und für mich immer klar war, dass ich mich ihm noch werde widmen müssen.

„Müssen“ ist ein besserer Ausdruck als „Interesse“. Wer sich gegen Rechtsextremismus engagiert, um irgendein Beispiel zu nennen, macht das ja auch nicht aus „Interesse am Rechtsextremismus“, sondern in dem notgedrungenen Versuch, einer destruktiven gesellschaftlichen Kraft etwas entgegenzusetzen. Und das ist Genderology – eine destruktive Zivilreligion mit enormem Schadenspotential, das deswegen so groß ist, weil eine gesellschaftliche Mehrheit die Destruktivität nicht sieht und deswegen alles, was von den geistlichen Führern dieser Religion und Bewegung kommt, unbesehen durchwinkt. Hinter „Gender Mainstreaming“ steht eine breite parlamentarische Mehrheit – und Gender Mainstreaming ist nicht gleichbedeutend mit Gleichberechtigung, sonst könnte man es ja auch Gleichberechtigung nennen. Die gesellschaftliche Mehrheit ist für Gleichberechtigung, was gut ist, und winkt in dem Glauben, es gehe dabei um Gleichberechtigung, Gender Mainstreaming durch; ein trojanisches Pferd, das Doktrinen einschmuggelt, die das Vertrauen und die Beziehungen zwischen Menschen zerstören, und ihre Identitäten gleich mit.

Die Schilder im Grimm-Zentrum stiften Feindseligkeit, Misstrauen, Angst und Entzweiung. Sie sagen zu den Frauen: Ihr seid schwach und verwundbar, von Tätern umgeben und ständig in Gefahr. Sie sagen zu den Männern: Ihr steht unter Verdacht und werdet beobachtet. Sie sagen zu Männern und Frauen: Ihr seid ungleich; ihr gehört zu gegnerischen Teams, ihr lebt in völlig verschiedenen Welten; der elementare Unterschied zwischen euch besteht darin, dass die einen vor den anderen beschützt werden müssen. Das ist die Wirkung dieser Schilder. Was bewirken sie demgegenüber Positives? Sie informieren die Männer darüber, dass sexuelle Belästigung hier nicht erlaubt ist? Weil sie ja sonst überall gerne gesehen ist? Finden Vergewaltigungen statt, weil einfach niemand den Männern gesagt hat, dass Vergewaltigung nicht ok ist?

Wenn man versucht, die Präsenz dieser Schilder vernünftig zu begründen, stößt man darauf, wie fadenscheinig solche Begründungen sind. Als ob Männer nicht wüssten, dass sie eine Grenze überschreiten, wenn sie einer Frau ungefragt Pornobilder zeigen oder wenn sie irgendwas mit einer Frau machen, das die Frau nicht wünscht. Wenn man sich ernsthaft fragt, was diese Dinger eigentlich sollen, kommt man schnell darauf, dass es sich bei ihnen nicht um Informationstafeln, sondern um Propagandatafeln handelt. Sie sind nicht dazu da, ein Problem zu lösen, sondern dazu, einen Glauben zu verbreiten. Sie richten sich nicht an sexuell belästigte Frauen oder an Täter, sondern an alle. Entsprechend sind sie gestaltet und platziert. Frauen sollen Männer als Feinde sehen, Männer sollen ihre eigene Männlichkeit als Feind sehen oder aber beschämt werden, wenn sie die Tatsache, dass sie Männer sind, an sich unproblematisch finden. Frauen, die wirklich einmal unter sexueller Belästigung gelitten haben, wird durch diese Schilder nicht geholfen. Sie werden vielmehr ständig und penetrant daran erinnert; die Schilder drohen förmlich, dass das jederzeit wieder passieren kann und wahrscheinlich bald wird. Frauen, denen wirklich etwas passiert ist, werden benutzt, um zur Expansion der Sekte und ihres Einflussbereichs beizutragen.

In den letzten Wochen hat mich das sogenannte GamerGate wieder verstärkt auf diese Sekte aufmerksam gemacht. Ich weiß nicht, wer im englischen Sprachraum den Begriff der „Social Justice Warriors“ (SJW) erfunden hat, aber als ich das erste mal darüber stolperte, war ich sofort überzeugt. Der passt. Ich fand es immer unbefriedigend und missverständlich, von „Feministen“ zu sprechen. Dabei denken immer noch die meisten, es gehe um Frauen(rechte), und das stimmt hier nur sehr bedingt. Frauen sind zwar ein bedeutender Teil des SJW-Evangeliums, aber da sind sie eher eine mythologische Erscheinung – die allermeisten realen Frauen unserer Zeit werden von den SJW ja überhaupt nicht nach ihren Interessen und Nöten gefragt und kapieren die komplexen, widersprüchlichen und kontrafaktischen Glaubenssätze der SJW genauso wenig wie die allermeisten Männer.

Ich habe an sich nichts gegen den Begriff der sozialen Gerechtigkeit, aber der Bestandteil „Social Justice“ bringt zum Ausdruck, dass es nicht um Frauen, sondern um ein umfassendes Gesellschaftsideal geht, das, wie dann „Warriors“ ausdrückt, konsequent im Rahmen eines Freund-Feind-Schemas verwirklicht werden soll, in einem Krieg, der so lange dauert, bis diese Verwirklichung vollendet ist. Und dieser Krieg ist nicht nur ein Geschlechterkrieg (der bei den meisten Menschen zum Glück noch nicht angekommen ist), sondern auch ein Krieg gegen abweichende Meinungen; gegen alles, was sich nicht in ihr Ideal des Einheitsmenschen fügt, der sich durch nichts von anderen unterscheidet und andere nicht voneinander unterscheidet und um andere Menschen einen großen Bogen macht, weil sie sich von der Zumutung seiner Anwesenheit ja belästigt fühlen könnten. Das mitleiderregende daran ist, dass sie sich Unterschiede zwischen Menschen nur als Ungerechtigkeiten, Gegnerschaften und Unterdrückungsfolgen vorstellen können, nicht als Ausdruck einer begrüßenswerten menschlichen Vielfalt. Sie reden von „Diversity“ aber können schon den einen naturgegebenen Unterschied, der vor allem eine wundervolle und sinnstiftende Komplementarität ist und für die meisten Menschen als Unterschied wunderbar funktioniert, nämlich den zwischen den Geschlechtern, nicht ertragen.

Bei GamerGate geht es vordergründig um Videospiele und Videospiele-Journalismus, aber da die Bewegung, wie es aussieht, sich nicht unterkriegen lässt, geht es vielleicht um viel mehr. Über Anita Sarkeesian hatte ich ja schon mal geschrieben, wobei ich aber rückblickend nur an der Oberfläche gekratzt habe. Ganz kurz: Sie wirft Games und Gamern Sexismus und Frauenhass („Misogyny“) vor, die wehren sich dagegen und die Tatsache, dass sie sich wehren, wird dann wieder als Beweis für Sexismus und Frauenhass genommen. Gleichzeitig fressen alle Mainstream-Medien, hier nicht anders als in den USA, Sarkeesian schnurrend aus der Hand. Sie twittert, sie hat eine Morddrohung bekommen und aus Angst ihre Wohnung verlassen, und alle Medien berichten, sie habe eine Morddrohung bekommen und ihre Wohnung verlassen; nicht etwa „sie behauptet“ oder „nach Angaben von“; nein, was sie behauptet, ist für den modernen, progressiven Journalisten einfach Fakt. Durch die Bank. Für die meisten qualifiziert man sich bereits dadurch als allerletztes Arschloch, dass man Anita Sarkeesian nicht mit blinder Bewunderung begegnet. „Saint Anita shall not be blasphemed“ (Jordan Owen).

Edit 9.11.: Kompaktversion des Diskursverlaufs eingefügt. Via @GameJournoPros

Seitdem sie mit ihren Videos über Spiele überhaupt bekannt ist, von Anfang an, haben sich Youtuber inhaltlich und sachlich mit ihren Thesen auseinandergesetzt. Sie selbst und die ihr hörigen Medien ignorieren das bis heute und behaupten, die Reaktion auf sie bestehe nur aus sexistischen Anfeindungen und Angriffen. Eine derart scharfe und bei näherem Hinsehen evidente Diskrepanz zwischen den Tatsachen und der offiziellen, d.h. mainstream-medialen Lesart und Erzählung habe ich noch nie erlebt. Sarkeesians schier unfassbarer Wille zur Unwahrheit, mit der sie ja nicht nur tausende Unschuldige verleumdet und beleidigt, sondern vor allem ihre eigenen Unterstützer nach Strich und Faden belügt und für dumm verkauft, und auf der anderen Seite die Bereitschaft dieser Unterstützer, nicht nur ungeprüft eine Version zu übernehmen, sondern auch auf Grundlage dieses blinden Glaubens die Gegenseite hart am Rand der Zivilität rhetorisch zu vernichten, hat längst Orwellsche Ausmaße erreicht.

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Aber so wie es im Moment aussieht, lässt sich diese Gegenseite nicht vernichten. Und das ist vielleicht eine Chance – eine zahlenmäßig starke und im Netz überaus artikulationsfähige Gruppe, die sich von der Totschlagrhetorik rund um angebliche Frauenfeindlichkeit nicht zum Schweigen bringen lässt. Die beharrlich erwidert, nö, wir sind nicht frauenfeindlich, und nur weil eine angebliche „Feministin“ sagt, etwas sei frauenfeindlich, muss es das noch lange nicht sein. Es ist vielmehr ein selbstverständlicher Bestandteil von Gleichberechtigung, von einem Umgang der Geschlechter miteinander auf Augenhöhe, dass man auch Thesen einer Frau und/oder Feministin zurückweisen kann; dass eine Frau/Feministin ebenso ein Idiot und/oder ein Hochstapler sein kann wie ein Mann, und dann auch so genannt werden können muss. (Das ist übrigens die kaum noch fassbare Ironie des ganzen, dass Sarkeesians Videoserie mit dem Klischee der „Damsel in Distress“ anfing, der Frau in Gefahr, die dann gerettet werden muss – und dann selbst ihre ganze Karriere als Online-Sternchen darauf baute, ebendiese „Damsel in Distress“ zu spielen, während ihre zu einem guten Teil männlichen Fans die Aufgabe übernehmen, sie heroisch zu beschützen. Und sie merken: gar nix.) Und dazu noch eine Gruppe, die zeigt, mit welchen Mitteln diese Leute, die SJWs, die viele oberflächliche Beobachter immer noch selbstverständlich für „die Guten“ halten, eigentlich arbeiten – mit Lügen, mit Aufhetzung, mit Verleumdung, mit sehr viel gruppenbezogener Verachtung und Hass, mit Verdrehung und Unterschlagung von Tatsachen; und auf der argumentativen Ebene mit nichts als stereotyp wiederholten Propagandaphrasen.

Sarkeesian hat selbst und in voller Absicht die Angriffe gegen sie provoziert, weil genau das sie in den Medien zu Everybody’s Darling machte und ihr einen Arsch voll Geld einbrachte? Victim Blaming! Hier ist eine Gruppe, die beharrlich erwidert, du kannst „Victim Blaming“ sagen, so oft du willst – das ändert nichts an den Tatsachen, die stark darauf hindeuten, dass es sich genau so verhält. Um es mit Jean-Luc Picard zu sagen:

Ich unterstütze deshalb die Produktion des Dokumentarfilms The Sarkeesian Effect, der all diese Zusammenhänge, die Korruption, die Lügen, die unlauteren Mittel usw. der Social Justice Warriors auch dort ans Licht bringen soll, wo man keine Youtube-Videos schaut, und möchte euch nahelegen, das auch zu tun.

P.S. Damit das hier nicht ausufert und weil es auch überflüssig wäre, habe ich nicht im Detail GamerGate nacherzählt. Trotzdem will ich zumindest ein paar Quellen und Verweise nennen, wo man Belege findet und gut in die Thematik einsteigen kann.

Auf Youtube haben sich vor allem Jordan Owen und Mundane Matt eingehend und kontinuierlich mit GamerGate und Anita Sarkeesian beschäftigt. Hier zum Beispiel diskutiert Owen im Detail ihr letztes Video, „Women as background decoration, part 2“ (2:40 Std.). Auch Thunderf00t hat viel Sehenswertes zum Thema; gut getroffen ist zum Beispiel „If men acted like feminists„, worin er Männerfeindlichkeit in Filmen auf die gleiche Art „beweist“ wie Sarkeesian Frauenfeindlichkeit in Videospielen. Ein Gastbeitrag beim „Amazing Atheist“ fasst GamerGate in 15 Minuten zusammen. Der darin zitierte Beitrag der Feministin (!) Christina Hoff Sommers, in dem sie die Luft aus dem Sexismus-Vorwurf gegen Gamer lässt, ist auch sehenswert. Der Amazing Atheist bietet auch sonst viel Gutes und Unterhaltsames zum Thema Feminismus – zum Beispiel einen 20-minütigen Wutausbruch über eine namentlich nicht bekannte Feministin, die eine Liste mit dem Titel „A man is a rape supporter if …“ erstellt hat, welche am Ende keinen Mann übrig lassen dürfte.

Als eine Gruppe von Frauen, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen, der Destruktivität von Sarkeesian etwas entgegensetzten und einen Crowdfunder ins Leben riefen, mit dem die Produktion eines von Frauen konzipierten Indie-Games durch Frauen finanziert werden sollte, sammelten sie in wenigen Wochen über 70000 Dollar unter Gamern ein, was die Medien totschwiegen. Ein Fundraiser für eine Anti-Bullying-Organisation, der ausdrücklich im Namen von GamerGate stattfindet, hat in den letzten Tagen bereits 16000 Dollar gesammelt.

„This is a war on women in gaming waged by a group of sexist monsters. If you are not a horrible human being, get out of #gamergate now.“ Das twitterte Anita Sarkeesian vor 23 Stunden, ich habe beliebig etwas herausgegriffen. Solche Tweets fließen da wie Wasser aus der Leitung. Der Volksempfänger dröhnt und kreischt. Sie werden tausendfach gefavt. Genauso die von ihrem engen Mitarbeiter und mutmaßlichen Partner Jonathan McIntosh. Immer wieder: sie sind Monster und, ganz wichtig, wer nicht für uns ist, ist gegen uns (und deshalb eben ein Monster). Keine Auseinandersetzung mit Kritik, nirgends. Berechtigte Kritik an ihnen kann es für diese Leute gar nicht geben.

Jeder kann sich selbst in Ruhe Jordan Owen, Mundane Matt, Christina Hoff Sommers, die wundervolle Shoe0nhead und viele andere Stimmen von GamerGate anhören und dann eigentlich keine Zweifel mehr haben, wer hier der Kriegstreiber ist.

Ergänzung 1.11.: Ich muss den Youtube-Empfehlungen noch Sargon of Akkad und den Internet Aristocrat hinzufügen, um den beiden mit ihrer beeindruckenden und beharrlichen Aufklärungsarbeit nicht Unrecht zu tun. Und dieses halbstündige Video ist die beste Überblicksdarstellung, die mir bisher begegnet ist.

Die tatsächlichen Probleme der Frauen von heute

Soeben stieß ich bei Fefe auf das aktuelle Eurobarometer mit Daten von November 2013. Fefe will unter anderem darauf hinaus, dass unter den wichtigsten Problemen, die die Europäer in ihren Ländern gegenwärtig erkennen, Arbeitslosigkeit auf 50 Prozent kommt, Terrorismus dagegen nur auf zwei Prozent. „Nur ‚Sonstiges‘, ‚Nichts davon‘ und ‚Weiß nicht‘ haben weniger Ausschlag als Terrorismus“. Dazu gehören auch die tatsächlichen Probleme der Frauen von heute.

Jedenfalls wenn es nach unserer neuen Ministerin für alles außer Männer Manuela Schwesig geht, die sich Christian bei Alles Evolution neulich näher angesehen hat.  In dem Beitrag wird ein Zitat Schwesigs angeführt, das ich schon drauf und dran war, zu kommentieren, was ich dann aber in einem Gefühl übermannender Sinnlosigkeit abgebrochen habe. Da sagt Schwesig mit Blick auf ihre Amtsvorgängerin Kristina Schröder:

Von den tatsächlichen Problemen der Frauen von heute habe die Ministerin “offenbar keine Ahnung”, sagt die SPD-Politikerin. Ungleiche Bezahlung, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wenig Frauen in Führungspositionen – da gebe es “einen riesigen Handlungsbedarf”. Dass Frauen mit guter Ausbildung deutlich weniger verdienen als Männer, “ist nicht fair und muss geändert werden”.

Auf beunruhigende Weise bestärken diese Sätze den dringenden Verdacht auf vorzeitigen selbstverschuldeten Hirntod bei der Sprecherin. Der Ausdruck „tatsächliche Probleme“ legt nahe, ihre Widersacherin führe eine irgendwie abgehobene Debatte, die nur für eine Sondergruppe oder Eliten relevant sei, und sie habe die realen, handfesten Probleme des alltäglichen Lebens derjenigen, über die sie spricht, nicht vor Augen. Leider trifft ein solcher Vorwurf exakt das, was Schwesig selbst da macht.

Ungleiche Bezahlung. Damit kann nur ein Durchschnittswert gemeint sein, denn jeder Mensch dürfte mehr Leute kennen, die mehr oder weniger als er selbst verdienen, als solche, die das gleiche verdienen. Das ist erstmal kein Problem, unter dem man groß leiden muss, und ganz sicher keins, das speziell Frauen betrifft. Ein Vergleich statistischer Größen, also des durchschnittlichen Einkommens einer Frau und des durchschnittlichen Einkommens eines Mannes, soll nun ein prominentes „tatsächliches Problem der Frauen von heute“ sein? Das wäre es sicher, wenn die Unterschiede so riesig wären, dass Frauen besondere Probleme hätten, über die Runden zu kommen, oder wenn ihre schlechtere Bezahlung als Frauen wirklich für sie spürbar wäre. Das ist nun aber bekanntlich nicht der Fall, die schlechtere Bezahlung von Frauen für gleichwertige Arbeit beläuft sich verschiedenen Studien zufolge auf maximal acht Prozent. Diese maximalen acht Prozent, die kein Mensch im wirklichen Leben irgendwie wahrnehmen kann, sind nun ein dringenderes Problem als die groteske Ungleichheit in Manager- und Arbeitereinkommen und der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums insgesamt, wo es nicht um Zahlen wie acht, sondern eher um achttausend, achtzigtausend, achthunderttausendfache Unterschiede geht? Aber diese Unterschiede zählen nicht, weil sie nicht in angeborenen Merkmalen, sondern in unterschiedlicher Leistung begründet liegen, nicht wahr, weil z.B. eine Krankenschwester gegenüber einem Bänker ja nichts leistet? Lol. Sozialdemokratie heute.

Dieses tatsächliche Problem ist also eher ein statistisches Problem der Frauen von heute. Also mancher Frauen. Derjenigen, die aus Statistik Probleme und Politik generieren.

Mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hier wird es wirklich schmerzhaft. Wieso ist das ein Problem von Frauen und nicht von Männern? Weil Männer eh kein Recht und mutmaßlich keinen Bock auf Familie haben? Fuck off.

Wenig Frauen in Führungspositionen. Na man gut, dass wir keinen Elitendiskurs führen wie die Schröder. Da grämt sich die alleinerziehende Mutter, die Kassiererin, die Praktikantin, die altersarme Großmutter im Pflegeheim, dass es nicht mehr Frauen in Führungspositionen gibt. Damit wäre denen sehr geholfen.

Dass Frauen mit guter Ausbildung deutlich weniger verdienen als Männer, “ist nicht fair und muss geändert werden”. Eine blödsinnige Kautschukformulierung. Was wird hier verglichen?

  • „Frau mit guter Ausbildung“

vs.

  • „Mann“

Muss man, kann man dazu noch was Sinnvolles sagen? Bei einem Unterhosenwichtel scheint wenigstens noch die Möglichkeit zu bestehen, ihm zu erklären, wo sein Fehler liegt. Die haben wenigstens ein gewisses Bewusstsein für die Lücke in ihrer Rechnung. Hier kann man gar nicht mehr von einer Lücke in einer Rechnung sprechen. Es ist mehr eine Lücke zwischen Fragmenten. Aber wie Fragmente es so an sich haben, bilden sie kein Ganzes, und insgesamt ist da deutlich mehr Lücke als Fragment. Der Begriff „Trümmerfrau“ nimmt hier einen ganz neuen Gehalt an.

Was hat das nun mit Fefe und dem Eurobarometer zu tun? Na ja, ist ja offensichtlich, da geht es um das, was den Menschen einschließlich Frauen nach eigener Auskunft am meisten Sorgen macht. In Deutschland sind das Arbeitslosigkeit (20%), die wirtschaftliche Lage (13%), steigende Preise/Inflation (25%, Top-Antwort), Staatsverschuldung (23%), Gesundheit und Krankenversicherung (12%), Einwanderung (16%), Kriminalität (12%), Steuern (7%), Renten (19%), das Bildungssystem (20%), Wohnungsbau (7%), Umwelt, Klima- und Energiefragen (15%) und Terrorismus (2%). Das ist auf Seite 13, die zum Teil deutlich abweichenden Werte für andere EU-Länder ebenfalls dort, gemittelte Werte für Europa auf Seite 12.

Aber für solche langweiligen Realprobleme ist natürlich die Politik zuständig und nicht Frau Schwesig.

Beim Rumstöbern im Umfeld des Eurobarometers bin ich dann noch auf eine andere Erhebung gestoßen, und zwar über „Attitudes and opinions of women in Europe prior to the 2009 EP elections“ (Summary Analysis). Es fängt erst mal beunruhigend an:

The analysis of results of the Eurobarometer studies shows that women see their current situation as more negative than that of men. This is the situation in practically all areas and especially:

– On their perception of the economic situation, both at a national and European level, which is less optimistic than that of men;

– On their vision of globalization, viewed as more threatening by them than by men;

– On their support of the euro, which is significantly weaker than that of men.

Die aufgezählten Beispiele zeigen aber schon, dass es weniger um besondere Probleme von Frauen geht als um allgemeine Probleme, über die sich Frauen tendenziell mehr Sorgen machen als Männer. Wenn man den Bericht durchgeht, sieht man außerdem, dass diese Unterschiede sich im Wesentlichen im einstelligen Prozentbereich bewegen und teilweise auch gar keine statistische Signifikanz erreichen. Die tatsächlichen Probleme der Frauen von heute sind also: – Feministinnen sollten sich jetzt besser hinsetzen und Riechsalz bereithalten – im Großen und Ganzen dieselben wie die tatsächlichen Probleme der Männer von heute.

Zum Beispiel schätzen Frauen die eigene wirtschaftliche Lage um ein paar Prozentpunkte schlechter ein als die Männer ihre eigene. Aber:

If we control for other socio-demographic variables we discover that the sentiment of economic hardship increases with age and decreases with terminal education age. There are in fact larger differences within each gender group than between men and women (S. 3).

Größere Unterschiede innerhalb der Geschlechtergruppen als zwischen den Geschlechtern. It’s the economy, stupid! Aber Gott bewahre, dass wir uns mit solchen Problemen beschäftigen. Da wird es nämlich ganz schnell kompliziert, um nicht zu sagen komplex. Dann doch lieber die quadratisch-praktisch-guten Forderungen „mehr Frauen!“, „mehr Geld!“ und „mehr Geld für Frauen!“ Damit kann eine feministische Politikerin nix falsch machen.

Das heißt allerdings auch, dass sich eine feministische Politikerin um die tatsächlichen Probleme der Frauen von heute nicht schert. So wenig wie Alice Schwarzer um die der Prostituierten.

Weitere Ergebnisse: Frauen diskutieren weniger über Politik, obwohl auch hier der Unterschied nicht riesig ist. In dem Gefühl, auf verschiedenen Entscheidungsebenen gehört zu werden, bestehen „only slight differences“ zwischen Frauen und Männern (ebd.). (Obwohl nicht zu bezweifeln ist, dass das Gefühl, nicht gehört zu werden, bei Feministinnen überwältigend stark ist. Aber die wurden ja nicht gefragt, buahahahaha.) Interessant ist auch dieser Befund:

Women give more “don’t know” answers, showing a trend which is present throughout the entire analysis, that women may be less likely to hold an opinion than men on issues which do not concern them directly.

Ohne nähere Informationen kann man unmöglich sagen, ob das Ignoranz ist oder Weisheit bzw. zu welchen Anteilen. Weisheit? Ja, absolut, zu einem wachen Geist, zu einem weisen und selbstbewussten Menschen gehört die Fähigkeit, sich und anderen einzugestehen, dass man etwas nicht weiß, und es ist ein Zeichen von Gelassenheit, nicht das Bedürfnis zu haben, alles zu wissen. So ähnlich wie die Einsicht in eine eigene Krankheit der erste Schritt auf dem Weg der Besserung ist, gelangt man zu Wissen in der Regel nur über das Bewusstsein eines Nichtwissens. Alles wissen zu wollen und zu allem eine Meinung zu haben ist zwangsläufig eine Selbstüberschätzung, die im schlimmsten Fall den Erwerb wirklichen Wissens blockiert, das den bloßen Glauben, zu wissen, ersetzen könnte.

Diese Weisheit des „Weiß nicht“ ist eine Schlüsselqualifikation, die Frau Schwesig offensichtlich fehlt.

P.S. Fröhliche Weihnachten!

P.P.S. Der andere angekündigte Text ufert gerade aus und braucht noch ein Bisschen.

„Sorry About the Erection“

An dieser Stelle ein Sorry abou für die Funkstille der letzten Zeit. Insbesondere, weil ich auch eine Einladung zur Blogparade über Schwule und die Männerbewegung von Christian Schmidt bekommen hatte und das eine schöne Sache finde. Ich hatte schlicht ziemlich viel um die Ohren, was auch noch ein paar Wochen so sein wird. Ein verspäteter Beitrag zum Thema ist aber in Arbeit und sollte vor Weihnachten noch erscheinen, wenn nicht alles schiefgeht. Hier schon mal ein Teaser.